Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Tarifpolitik bei hoher Inflation IG Metall fordert wohl höchste Lohnerhöhung seit 14 Jahren

Die hohe Inflationsrate nährt die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale. Die Gewerkschaft sieht das anders – und wird wohl eine fast so starke Erhöhung fordern wie zuletzt 2008.
20.06.2022 Update: 20.06.2022 - 16:55 Uhr Kommentieren
Die Verhandlungsseiten beurteilen die aktuelle Situation der Branche sehr unterschiedlich. Quelle: dpa
Schweißerin in einem Metallunternehmen

Die Verhandlungsseiten beurteilen die aktuelle Situation der Branche sehr unterschiedlich.

(Foto: dpa)

Berlin Die IG Metall wird voraussichtlich mit der Forderung nach sieben bis acht Prozent mehr Geld in die anstehende Tarifrunde für die knapp 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie gehen. Diese Empfehlung gab der Gewerkschaftsvorstand am Montag ab. Nach weiteren Diskussionen in den regionalen Tarifkommissionen soll die endgültige Zahl am 11. Juli beschlossen werden. Zuletzt hatte die Gewerkschaft mit 8,0 Prozent im Jahr 2008 ähnlich viel gefordert.

„Den Unternehmen geht es gut“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in Frankfurt. „Nicht gut geht es aber den Beschäftigten beim Blick auf Supermarkt- und Energierechnungen.“ Sorgen, mit ihrer Forderung könnte die Gewerkschaft eine gefürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, wies er zurück.

Vielmehr trage die Gewerkschaft zur Stärkung des privaten Konsums bei, der momentan einzig erkennbaren Quelle für das Wirtschaftswachstum. Hofmann räumte aber ein, dass es im IG-Metall-Vorstand eine durchaus kontroverse Diskussion über die Forderungshöhe gegeben habe. Deshalb wolle man den regionalen Tarifkommissionen noch mehr Raum für die Debatte geben, welche Forderung dann am Ende auch „durchsetzungsfähig“ sei.

Bei den Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie hat sich ein hoher Erwartungsdruck aufgebaut. Die letzte reguläre Tabellenerhöhung mit dauerhafter prozentualer Lohnsteigerung hatten Arbeitgeber und Gewerkschaft mit dem Abschluss des Jahres 2018 vereinbart.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Danach hatten sie sich unter dem Eindruck der Coronapandemie 2020 und 2021 auf zwei Krisentarifverträge geeinigt. Der erste sah eine Nullrunde vor, der zweite Einmalzahlungen und wiederkehrende Sonderzahlungen.

    Die Metall- und Elektroindustrie ist nicht die erste Branche, in der unter dem Eindruck stark gestiegener Verbraucherpreise verhandelt wird:

    IG-Metall-Chef Hofmann hatte im Vorfeld der Forderungsempfehlung immer wieder klargemacht, dass sich die Auswirkungen der hohen Inflation auf die Beschäftigten nicht allein mit Mitteln der Tarifpolitik bekämpfen ließen. Seine Gewerkschaft fordert deshalb von der Bundesregierung neben einem Gaspreisdeckel eine Senkung des Strompreises und für das kommende Jahr ein zusätzliches Entlastungspaket für die Verbraucher – finanziert durch neue Schulden und eine Abschöpfung von Krisengewinnen der Energieunternehmen.

    Gewerkschaft richtet sich unter anderem nach Zielinflation

    Hätte die IG Metall die Inflationsentwicklung tarifpolitisch auffangen wollen, hätte sie eine zweistufige Forderung stellen müssen, argumentiert Hofmann. So geht etwa die Bundesregierung in ihrer im April veröffentlichten Prognose für das laufende Jahr von einer Preissteigerung von 6,1 Prozent und für 2023 von 2,8 Prozent aus.

    Grafik

    Normalerweise orientiert sich die Gewerkschaft bei ihrer für ein Jahr erhobenen Forderung an der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent und der Trendproduktivität, also an der Produktivität der Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit, die bei etwa 1,1 Prozent liegt. Hinzu kommt dann eine sogenannte Umverteilungskomponente.

    Dass der IG-Metall-Vorstand jetzt bei einem Korridor von sieben bis acht Prozent rauskommt, erklärt Hofmann damit, dass Gewerkschaft und Arbeitgeber sich beim letzten Krisentarifabschluss vom März 2021 darauf verständigt hätten, sich bei der nächsten Runde anzuschauen, ob lohnpolitisch für 2022 nachgesteuert werden muss. Die Verhandlungen werden aus Gewerkschaftssicht also quasi auch rückwirkend geführt, denn die geltenden Entgelttarifverträge laufen erst Ende September aus.

    Die aktuelle Lage und die Zukunftsperspektiven der Metall- und Elektroindustrie beurteilen die Tarifparteien dabei durchaus unterschiedlich. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hatte am Wochenende die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung veröffentlicht. Demnach sehen sich 94 Prozent der Betriebe mit teils massiven Kostensteigerungen konfrontiert, ein Fünftel hält angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen sogar die eigene Existenz für gefährdet. Nur ein Prozent aller Unternehmen der Branche sieht sich in der Lage, die Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen vollständig an die Kunden weiterzugeben.

    Entsprechend warf Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf der Gewerkschaft am Montag vor, die Lage der Branche schönzureden. Zur Metall- und Elektroindustrie gehörten rund 26.000 Unternehmen. Sich an vielleicht Hundert Unternehmen zu orientieren, denen es besonders gut gehe, werde der komplizierten Lage nicht gerecht, sagte Wolf.

    Der Gewerkschafter fordert von der Politik ein neues Entlastungspaket zum Ausgleich der hohen Inflationsraten. Quelle: dpa
    IG-Metall-Chef Jörg Hofmann

    Der Gewerkschafter fordert von der Politik ein neues Entlastungspaket zum Ausgleich der hohen Inflationsraten.

    (Foto: dpa)

    Ein ganz anderes Bild zeichnet die Gewerkschaft und verweist auf eine Umfrage unter Betriebsräten aus rund 2400 Unternehmen der Branche. Demnach bewerten fast 84 Prozent der Befragten die momentane Auftragslage als gut oder eher gut. 70 Prozent gaben an, dass ihr Betrieb gestiegene Energie- oder Rohstoffpreise zumindest teilweise an die Kunden weitergeben kann. Bei den für das kommende Jahr erwarteten Erträgen zeichnen sieben von zehn Betriebsräten ein optimistisches Bild.

    Unstrittig ist, dass die Reichweite der Aufträge einen neuen Höchststand erreicht hat. Im zweiten Quartal waren die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie für sechs Monate ausgelastet. Allerdings ist unklar, inwieweit anhaltende Unterbrechungen von Lieferketten oder weiter steigende Energie- und Rohstoffpreise die Branche treffen – von einer Eskalation des Ukrainekrieges und einem möglichen Gasembargo ganz zu schweigen. Unsicher ist auch, wie lange die aktuell sehr hohen Inflationsraten anhalten. Im Euro-Raum liegt die Inflation momentan bei 8,1 Prozent.

    Im September, wenn die regionalen Verhandlungen beginnen, werde man sich die Lage noch einmal anschauen, sagt Hofmann. Am 28. Oktober endet die Friedenspflicht, danach sind Streiks möglich. Ein neuerlicher Krisentarifabschluss, wie ihn die Tarifparteien der chemischen Industrie im April vereinbart haben, ist aber wohl ausgeschlossen. IG BCE und BAVC, so Hofmann, hätten ja nur nachgeholt, was die IG Metall mit ihren zwei Corona-Abschlüssen schon geleistet habe.

    Mehr dazu: IG-Metall-Chef Jörg Hofmann im Interview: „Ein sofortiges Embargo für Gas, Steinkohle und Öl wäre kontraproduktiv“

    Startseite
    Mehr zu: Tarifpolitik bei hoher Inflation - IG Metall fordert wohl höchste Lohnerhöhung seit 14 Jahren
    0 Kommentare zu "Tarifpolitik bei hoher Inflation: IG Metall fordert wohl höchste Lohnerhöhung seit 14 Jahren"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%