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Thomas Kemmerich Thüringens liberaler Cowboy

Der FDP-Spitzenkandidat ist nun Ministerpräsident – ein historischer Coup. Kemmerich ist dabei kein Berufspolitiker, sondern umtriebiger Unternehmer.
05.02.2020 - 19:19 Uhr Kommentieren

Thüringer Linke-Chefin wirft Kemmerich Blumen vor die Füße

Düsseldorf, Berlin Die Sensation ist ihm gelungen. Doch im ersten Moment scheint selbst er, den Parteifreunde wegen seiner selbstsicheren Art, seines festen Händedrucks und der gelegentlich gern getragenen spitzen Lederstiefel den „Cowboy“ nennen, überwältigt. „Nehmen Sie die Wahl an?“, fragt ihn Landtagspräsidentin Birgit Keller wenige Sekunden nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Der Fast-zwei-Meter-Mann Thomas Kemmerich steht auf, schwankt und sagt leise: „Ja, ich nehme die Wahl an!“

Thomas Kemmerich und der FDP ist mit seiner Wahl zum neuen Ministerpräsidenten von Thüringen ein Coup gelungen, der seinesgleichen sucht in der bundesdeutschen Geschichte und viel mit der Person Kemmerichs zu tun hat. Der 54-Jährige ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in der aktuellen Politikerklasse.

Er ist kein Berufspolitiker. Er ist ein eigenwilliger und unerschrockener Unternehmer und sechsfacher Familienvater, der sein Leben bisher selbstbewusst und unabhängig geführt hat. Und nun hat er sich als „Fünf-Prozent-Mensch“, wie ihn eine Abgeordnete der Linken bezeichnete, zum Ministerpräsidenten wählen lassen.

Der gebürtige Aachener lebt seit 1989 in Thüringen. Der Jurist kommt zunächst als Unternehmensberater nach Erfurt, ergreift jedoch rasch seine unternehmerische Chance. Ab 1991 strukturiert er das Dienstleistungskombinat „Friseur & Kosmetik“ sowie die Produktionsgenossenschaft des Friseurhandwerks zum Friseurfilialisten Friseur Masson GmbH um. 2000 wandelt Kemmerich das Unternehmen in eine AG und wird deren Vorstandsvorsitzender. Die Gesellschaft betreibt heute 23 Salons und beschäftigt 120 Mitarbeiter.

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    2006 tritt Kemmerich in die FDP ein und wird in Erfurt prompt Chef der FDP-nahen Vereinigung Liberaler Mittelstand, der er seit November 2011 auch als Bundesvorsitzender vorsteht. 2017 zieht er mit der von Christian Lindner angeführten FDP wieder in den Bundestag ein.

    Provokanter Wahlkampf

    Sein liberales Selbstverständnis beschränkt sich nicht auf die unternehmerische Freiheit, sondern ist wie bei FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg breit angelegt. So genießt Kemmerich im Wahlkampf in Thüringen zwar natürlich „als einer von ihnen“ das Vertrauen vieler Unternehmer, eine Wahlempfehlung zu seinen Gunsten gibt aber etwa der Verband „Die Familienunternehmer“ nicht.

    Im Wahlkampf vertraut er auf eine Kampagne, die provoziert. Sein selbstironischer Slogan lautet: „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat.“ Ein Satz, der nun angesichts der Stimmen von den Landtagsabgeordneten der AfD, die ihn wahrscheinlich mit zum Ministerpräsidenten wählten, noch einmal an Brisanz gewinnt.

    Seine unerschrockene Art ist am Ende erfolgreich. Gerade mal 73 Stimmen sind es, die ihn und die FDP schließlich laut amtlichem Endergebnis über die Fünfprozenthürde bringen. Die Liberalen sind damit seit November wieder im Erfurter Landtag, angeführt von einem „sehr glücklichen“ Kemmerich, der wie im Wahlkampf versprochen sein Bundestagsmandat abgibt.

    Bei der Wahl zum Ministerpräsidenten ergreift er seine Chance „als Kandidat der bürgerlichen Mitte“. Was ihn dazu brachte, die Frage wird er noch beantworten müssen. Gewählt wird er mit den Stimmen der AfD. Den zweiten Satz, den er im November nach dem Wiedereinzug in den Landtag dem Handelsblatt sagte, hat er nun direkt umgesetzt: „Ich bin angetreten“, sagte er damals, „damit die Regierung von Ministerpräsident Ramelow keine Mehrheit mehr hat.“ Und weiter: Mit der AfD werde es keine Zusammenarbeit geben. Mit Mike Mohring von der CDU werde er über eine Minderheitsregierung sprechen. Und das kann er nun tatsächlich tun – als Ministerpräsident.

    Mehr: Der Liberale Thomas Kemmerich hat sich von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Das wird die Union noch bereuen. Auch für Deutschlands Ansehen ist der Schaden enorm.

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