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Thüringen-Wahl Fünf Stimmen statt fünf Ideen – FDP schafft es knapp in den Landtag

Die FDP schafft es nach zehn Jahren zurück in den Erfurter Landtag. Auf den Spitzenkandidaten Thomas Kemmerich wartet nun allerdings ein Balanceakt.
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Der Spitzenkandidat der thüringischen FDP, Thomas Kemmerich, hat es geschafft, die Partei in den Erfurter Landtag zu führen. Quelle: dpa
Thomas Kemmerich und Christian Lindner (v.l.)

Der Spitzenkandidat der thüringischen FDP, Thomas Kemmerich, hat es geschafft, die Partei in den Erfurter Landtag zu führen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Der Mann, der die FDP erstmals seit zehn Jahren wieder in ein ostdeutsches Landesparlament führte, trägt gerne schwarze Cowboystiefel und geht offensiv mit dem Verlust seines Haupthaares um. „Eine Glatze, zwei Stiefel, fünf Ideen“ – mit diesem Slogan machte Spitzenkandidat Thomas Kemmerich für die Liberalen in Thüringen Wahlkampf.

Am Ende waren es nicht fünf Ideen, sondern fünf Stimmen, die den Ausschlag gaben. Kemmerich kann die Wähler, die der FDP den Einzug in den Landtag von Erfurt ermöglichten, an einer Hand abzählen. Buchstäblich.

Als Parteichef Christian Lindner am Sonntagabend im Berliner Hans-Dietrich-Genscher-Haus von einem „tollen Erfolg“ in Thüringen sprach, konnte er keineswegs sicher sein, dass die FDP die Fünfprozenthürde überwinden würde. Um 21.30 Uhr standen die Liberalen bei 4,9990 Prozent der Stimmen. Das vorläufige Endergebnis lautet: 5,0005 Prozent.

Nach der Zitterpartie kommt der Balanceakt im Landtag, wo eine vertrackte Regierungsbildung ansteht. Die FDP schließt eine feste Zusammenarbeit mit der Linken und ihrem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow aus. Ein kompletter Boykott einer möglichen Minderheitsregierung in Thüringen könnte aber Erinnerungen an den brüsken Ausstieg der Liberalen aus den Jamaika-Gesprächen nach der letzten Bundestagswahl wachrufen. Die FDP muss aufpassen, nicht als Verweigerer dazustehen.

„Wir werden mit Herrn Ramelow nicht über ein Bündnis sprechen“, gab Kemmerich am Montag die Linie vor. „Auch eine Tolerierung oder andere Unterstützung sehe ich nicht.“ Lindner erinnerte ebenfalls an das Ziel der FDP, das rot-rot-grüne Bündnis in Thüringen beenden zu wollen: „Wo man sich vor der Wahl festlegt, das muss nach der Wahl gelten.“

Allerdings signalisierte Kemmerich, dass er sich in einzelnen Sachfragen eine Kooperation mit einer Regierung Ramelow vorstellen könnte. Dem Handelsblatt sagte er zu seinen Prioritäten: „Wir brauchen den Breitbandausbau, weniger Bürokratie und Schulausfall.“

Erfolg ist Frischluftzufuhr für die Bundespartei

Kemmerichs Erfolg, mag er noch so knapp sein, ist eine Frischluftzufuhr für die Bundespartei. Zuvor verliefen die Wahlen für die FDP in diesem Jahr eher enttäuschend. In Sachsen und Brandenburg verfehlten die Liberalen den Einzug in die Landtage, obwohl sie wie in Thüringen auch dort Stimmen hinzugewinnen konnten. Bei der Europawahl im Mai blieb die Partei hinter den Erwartungen zurück.

Unruhe machte sich breit, auch weil die Grünen in den Umfragen davonschwebten. Mit ihren Themen fanden die FDP und Lindner kaum statt, in der Klimadebatte agierten sie unglücklich. Wolfgang Kubicki mahnte eine bessere Kommunikation mit den Bürgern an. Weniger Anglizismen, weniger technokratische Sprache. Den Parteigranden treibt die Sorge um, dass die FDP mit ihrer Betriebsamkeit rund um ein „Smart Germany“ die Wählerschaft jenseits der Twitter-Blase verschreckt.

„Das Abschneiden in Thüringen gibt einen Schub“, sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dem Handelsblatt. „Wir haben intensiv daran gearbeitet, um einige strukturelle Schwächen in der Kampagnenfähigkeit besser anzugehen. Da sehen wir erste Ergebnisse.“ FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg sagte dem Handelsblatt: „In Thüringen ist es uns als Team mit einem starken Spitzenkandidaten Thomas Kemmerich gemeinsam gelungen, mit unseren Themen durchzudringen.“

Kemmerich führte einen umtriebigen Wahlkampf, mit bisweilen derben Sprüchen, ganz auf Deutsch. Der 54-jährige Unternehmer forderte in einem Brief an Lindner „Lösungen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen erkennen und anerkennen – auch jenseits urbaner Zentren wie Berlin, Hamburg oder Köln“.

Kemmerich will nach Erfurt wechseln

Im Gespräch mit dem Handelsblatt zeigte sich Kemmerich „sehr glücklich“ über den Wahlausgang. Der gebürtige Aachener lebt seit 1989 in Thüringen. Zunächst arbeitete er dort als Unternehmensberater, dann baute er zwei Relikte aus der ehemaligen DDR um: das Dienstleistungskombinat „Friseur & Kosmetik“ und die Produktionsgenossenschaft des Friseurhandwerks.

Es entstand ein Friseurfilialist, den Kemmerich in eine Aktiengesellschaft umwandelte und als Vorstandsvorsitzender leitete. Der sechsfache Vater trat 2006 in die FDP ein, seit 2011 führt er die parteinahe Vereinigung Liberaler Mittelstand. Seit 2017 sitzt er für die Freien Demokraten im Bundestag.

Sobald das amtliche Endergebnis feststeht, will Kemmerich sein Bundestagsmandat niederlegen und nach Erfurt wechseln. Der Blick der Bundespartei richtet sich unterdessen auf die nächste Wahl, sie findet Anfang kommenden Jahres in Hamburg statt. Die Hansestadt hat für die FDP eine symbolische Bedeutung: Im Februar 2015 gelang den Liberalen hier nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag und Niederlagen bei mehreren Landtagswahlen erstmals wieder der Sprung über die Fünfprozenthürde.

Mehr: Wie lässt sich die wirtschaftliche Lücke zwischen alten und neuen Bundesländern endlich schließen? Fünf Strategien im Realitätscheck.

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