Türkei Journalist Deniz Yücel kommt frei – Ankläger fordert 18 Jahre Haft

Der „Welt“-Korrespondent wird in der Türkei aus der Haft entlassen und kann das Land offenbar verlassen. Zuvor war offenbar die Anklage veröffentlicht worden.
Update: 16.02.2018 - 14:21 Uhr 17 Kommentare

„Deniz Yücel wird die Türkei als freier Mann verlassen“

Istanbul/BerlinDer deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel kommt frei. Das teilte sein Anwalt am Freitag der Zeitung „Die Welt“ mit.

Die Bundesregierung bestätigte die Meldung. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte am Freitag in Berlin: „Jetzt müssen wir natürlich abwarten, was in den nächsten Minuten, Stunden passiert.“ Er dankte der türkischen Justiz und sagte, Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) habe sich in den letzten Tagen „intensiv bemüht, zu einer Lösung beizutragen“.

„Wir haben in den letzten Wochen und Monaten viele Gespräche geführt mit der türkischen Regierung und haben versucht Vertrauensbildung zu betreiben“, sagte Gabriel in einem Statement am Freitag in München. Er sei froh, dass Yücel nun freigelassen werde und gehe fest davon aus, dass der Journalist das Land verlassen dürfe. Es sei keine Ausreisesperre verhängt worden und das Gericht habe eine Freilassung angeordnet.

Gabriel betonte, dass es keine Gegenleistung von deutscher Seite für die bevorstehende Freilassung gegeben habe. Der Außenminister hatte zwei Mal geheim den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen, um eine Verfahrensbeschleunigung für Yücel zu erzielen. „Endlich hat das Gericht die Freilassung meines Mandanten beschlossen“, zitierte die „Welt“ aus einem Tweet von Yücels Anwalt Veysel Ok. Das Gericht in Istanbul habe die Freilassung für die weitere Dauer des Verfahrens verfügt. Es sei keine Ausreisesperre verhängt worden. Yücel befinde sich noch in einem Gefängnisgebäude.

Yücel war in der Türkei „Terrorpropaganda“ und „Aufwiegelung der Bevölkerung“ vorgeworfen worden. Er war fast genau vor einem Jahr festgenommen worden.

Die Staatsanwaltschaft in der Türkei fordert einem Agenturbericht zufolge 18 Jahre Haft gegen Yücel. Dies sehe die Anklageschrift vor. Ein Gericht habe sie akzeptiert und zugleich die Freilassung Yücels aus der Untersuchungshaft angeordnet. Bis Freitag lag ein Jahr lang keine Anklageschrift vor.

Der Fall belastet die Beziehungen zur Türkei – und war erst am Donnerstag ein großes Thema beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Yildirim hatte in einer gemeinsamen Pressekonferenz die Hoffnung geäußert, dass bald Anklage erhoben werde. Mit Blick auf die lange Inhaftierung Yücels sagte Yildirim, die Gerichte seien besonders seit dem Putschversuch vom Juli 2016 überlastet. Er verwies erneut auf die Unabhängigkeit der Justiz. Umso überraschender kam nun die schnelle Freilassung des prominenten Gefangenen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte erfreut auf die Freilassung Yücels. „Ich freue mich natürlich für ihn, ich freue mich für seine Frau und die Familie, die ja ein sehr, sehr schwieriges Jahr der Trennung aushalten mussten“, sagte Merkel am Freitag in Berlin bei einem Auftritt mit dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

„Ich möchte allen danken, die sich dafür eingesetzt haben, dass Deniz Yücel nun offensichtlich, ich sag's noch vorsichtig, auf freiem Fuß ist. Und deshalb schließe ich in diesen Dank auch ganz besonders die Bemühungen des Außenministeriums mit ein und des Außenministers“, erklärte Merkel. Auf die Frage, was genau zur Freilassung geführt habe, sagte die Kanzlerin: „Es zeigt sich, dass Gespräche auch vielleicht nicht ohne Nutzen sind. Wie genau die Wirkungen sind, weiß man nicht.“

Merkel erinnerte an die Menschen, die in der Türkei weiter aus politischen Gründen inhaftiert sind. „Wir wissen, dass es noch weitere, vielleicht nicht ganz so prominente Fälle von Menschen gibt, die in türkischen Gefängnissen sind. Und auch für sie erhoffen wir eine schnelle Behandlung der Rechtsverfahren und Rechtsstaatlichkeit.“

Auch SPD und Grüne bekundeten ihre Freude über die Freilassung des Journalisten. Der SPD-Parteivorstand betonte „am Ende siegt das Recht“, die Grünen machten darauf aufmerksam, dass es weiter zu streiten gilt, „für alle die dort (in der Türkei, Anm. d. Red.) zu Unrecht im Gefängnis sitzen“.

Im Oktober hatte ein türkisches Gericht die Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner verfügt und keine Ausreisesperre verhängt. Er konnte nach Deutschland zurückkehren, obwohl der Prozess gegen ihn weiterläuft. Steudtners Freilassung – und auch die der Übersetzerin Mesale Tolu – hat zu einer leichten Entspannung des deutsch-türkischen Verhältnisses geführt.

„Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat“
„Endlich gibt es für meinen Mandanten Deniz Yücel einen Entlassungsbefehl.“
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Anwalt Veysel Ok bestätigte auf Twitter die Freilassung des Journalisten.

„Ich möchte allen danken, die mit unermüdlicher Energie für ihn da waren und sich für seine Freilassung stark gemacht haben.“
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Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner in einer ersten Stellungnahme.

„Unser Dank gilt Deniz für seine unerschütterliche Stärke und den Humor in düstersten Stunden.“
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„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt äußert sich erleichtert. „Wir sind unendlich glücklich und dankbar, dass Deniz nach einem Jahr hinter Gittern auf freiem Fuß ist.“

„Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat.“
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Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat Berichte über die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel als „sehr glückliche Nachricht“ begrüßt. „Seit über einem Jahr saß Deniz Yücel unschuldig im Gefängnis. Er ist ein freiheitsliebender Mensch, ein Journalist und kein Terrorist.“

„Das ist eine großartige und überfällige Nachricht. Jeder Tag, den Deniz Yücel im Gefängnis verbracht hat, war einer zu viel.“
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Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gegenüber der „Welt“, dem Arbeitgeber des Journalisten.

„Wir streiten weiter für alle, die dort zu Unrecht im Gefängnis sitzen!“
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Die Partei der Grünen-Chefin Annalena Baerbock auf Twitter.

„Der Fall hat den deutsch-türkischen Beziehungen schwer geschadet. Es kann daher jetzt kein Übergang zur normalen Geschäftstätigkeit geben.“
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Für Rolf Mützenich, Fraktionsvize der SPD, ist die Arbeit noch nicht getan. „Um so mehr müssen wir uns für weitere deutsche Staatsbürger und andere, zu Unrecht inhaftierte Menschen einsetzen."

  • rtr
  • dpa
  • td
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17 Kommentare zu "Türkei: Journalist Deniz Yücel kommt frei – Ankläger fordert 18 Jahre Haft"

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  • Frau Baur- Warendorf

    die Zeitung "Welt" ist in diesem Punkt und anderen Punkten dem HB um Welten voraus.

    Die "Löschkultur", die hier beim HB seit Kurzem rigoros praktiziert wird, gibt es WO auch nicht mehr.

  • Ein "sachlicher" Journalisten Artikel:

    http://www.heute.at/welt/news/story/So-leicht-gelangen-Islamisten-nach-Europa-42329473

  • Was macht man sich um diesen Yücel für einen Wirbel.
    Einer, der die Deutschen als Köterrasse bezeichnet hat, der den deutschen Geburtenrückgang als „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ bezeichnete.
    Er darf uns Köterrasse nennen, hat das Gericht bestätigt ....
    Nehmt ihm den deutschen Pass weg, den hat er nicht verdient!

    Allein die Bezeichnung Köterrasse, das müsste den Grünen sauer als Rassissmus aufstoßen ... aber kein Wort, nichts ......
    In Deutschland darf man deutsche beleidigen wie man will, umgekehrt ist man ein Rassisst und Nazi.

    Wenn also Yücel die Deutschen als Köterrasse beleidigen darf, darf dann ein AfD-Mitglied die Türken beleidigen (Aschermittwoch Herr Poggenburg)?

    Die Justiz wird hier zu einem gleichen Ergebnis kommen müssen, dass man ein Kollektiv nicht beleidigen kann. Wenn nicht, dann wird mit zweierlei Maß gemessen. Da bin ich mal gespannt.

    Keine der beiden Beleidigungen sollte toleriert werden, aber wenn die eine, dann auch die andere.

  • Die deutschen Männer werden schon lange als handzahme Schafe tituliert und es wird auch veröffentlicht.

    Wehe man würde uns als Kameltreiber bezeichnen.

    In den Zeiten wo die Zigeunerschnitzel, Negerküsse und die Märchen der 10 kleinen Negerlein abgeschafft werden, muss man vorsichtig sein wie und was man äussert. Und bei den MeToo -Debatten muß man(n) aufpassen, dass man nicht versehentlich seine Hände von sich weg bewegt.

    Armes Deutschland, arme Menschen kann man da nur sagen.

    Viele Grüsse aus den 70er, wo Miniröcke und Hotpants noch Mode waren und die entsprechende Freizügigkeit der Menschen die nötige Akzeptanz fand.

    Deutschland bewegt sich wie der eingesperrte Bär in seinem Zwinger; einen Schritt vorwärts und zwei zurück...

  • Für mich ist es leider äusserst unverständlich das Verbrecher Erdogan in Deutschland Wahlkampf betreiben darf, Türken in Deutschland die Demokratie geniessen und in der Türkei die Dikatatur und Terrorstaat an die Macht wählen dürfen und das unser Aussenclown Gabriel einen Schergen Erdogans nach Deutschland einlädt ohne diesem klipp und klar mitzuteilen das die BRD Giftsgasangriffe auf Kurden, Menschenverschleppung, Folter und die Bombardierung der Pkk, welche gegen die IS kämpft nicht tolerieren wird- im gegenteil müssen endlich Sanktionen gegen die Türkei einegeleitet werden um Verbecher Erdogan auf Kurs zu bringen- und von einer EU Mitgliedschaft ist Erdogans Terrorstatt dermassen weit entfernt, das man das nicht mal in Lichtjahren ausdrücken kann- auch das hätte alles Gabriel deutlich zur Sprache bringen müssen-wieder ein Versagen eines SPD Ministers
    Gleichfalls sollte man Verfechtern Erdogans in der BRD das Aufenthaltstrecht verweigern und Rückreise in die Heimat dadurch erleichtern

  • Die Rettung der beiden Türkischen Marionetten Merkel Gabriel ist vollbracht. Selbst Erdogan hat begriffen , dass er zumindest Gabriel retten muss. Morgen werden sich die medien überschlagen: Schlagzeilen:
    Super Merkel . hat Yücel befreit! oder Gabriel der beste AM hat seine ganze Macht für Yücel eingesetzt.

    Die bittere Wahrheit. Selbst Erdogan hat erkannt die beiden Marionetten Merkel und Gabriel muss er am Leben erhalten. Daher hat Gabriel seinen Freund den Türkischen AM zu Haus empfangen und ihn beknieht Yücel für ihn freizulassen um weiterhin für die Türkei tätig zu sein. Er versprach auch seinen Platz zu kennen , wenn er die Türkei besucht. Das hat gewirkt, schon kam der MP aus der Türkei zu Merkel murmelte was von Freilassung eventuell und alles war aber schon ausgemacht.

    Endlich ist Yücel frei , als Journalist mit Rückrat braucht er die Figuren der Deutschen Politik nicht. Trotzdem kann Deutschland endlich eine Regierung bilden, wo die beinahe am Zuzug von Migranten durch die SPD gescheitert wäre. Nun haben wir keine Obergrenze und Yücel ist frei. Deutschland ist gerettet. Gott sei DanK!

    Die anderen Deutschen ? Keine Ahnung sind das Bio Deutsche? dann haben sie Pech!

  • Welche Überraschung, "Am Ende siegt das Recht....? Liebes Handelsblatt, was ist der tatsächliche Deal?
    Die Nachrüstung der Panzer? Warum schreibt man nicht die ganze Warheit. Für wie blöd hält man den Leser.
    Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim hatte doch nicht ohne Grund.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • @ Heinz Keizer 16.02.2018, 11:28 Uhr

    Die Nachrüstung der Panzer wird sicher kommen, es ist nur eine Frage der Zeit und wird wahrscheinlich schon irgendwie begründet werden.

    Unsere Politiker sind so rückgratslos - alle ohne Ausnahme.

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