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Demonstranten in Köln

Allein in Nordrhein-Westfalen leben rund 500.000 türkische Staatsbürger.

(Foto: dpa)

Türkischer Präsident Demonstrationen in Köln – „Erdogan ist einfach der kranke Mann vom Bosporus“

Weniger Menschen als erwartet demonstrieren in Köln gegen Erdogan. Zur Eröffnung der Moschee stimmt er unter massiven Sicherheitsvorkehrungen versöhnliche Töne an – zunächst.
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KölnKadija Kuja und ihre Freundinnen stehen am Kölner Rheinufer und plaudern. Als ein kurdisches Lied angestimmt wird, treten sie vor und klatschen im Rhythmus. Leise singen sie mit.

Es ist Samstagvormittag, Kuja ist zu der größten Demonstration in Köln an diesem Tag gekommen. Sie richtet sich gegen Recep Tayyip Erdogan. Am Nachmittag wird der türkische Präsident auf dem Flughafen Köln/Bonn landen. Bei der Eröffnung der neuen Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld wird Erdogan seinen dreitägigen Deutschlandbesuch abschließen.

Der lief alles andere als reibungslos für den Präsidenten, der sich eine Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland wünscht, auch um den weiteren wirtschaftlichen Zerfall der Türkei zu verhindern.

Doch im Vorfeld der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel am Freitag kam es beinahe zum Eklat: Erdogan drohte mit der Absage des Auftritts, für den auch der türkische Journalist Can Dündar angemeldet war. Dündar, in seinem Heimatland zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, lebt im deutschen Exil.

Kurz vor der Konferenz entschied Dündar dann, nicht teilzunehmen – nach eigenen Angaben, um dem Präsidenten keine Gelegenheit zu bieten, sich den Fragen der Journalisten zu entziehen. Erdogan nannte ihn einen „Agenten“ und „Verbrecher“, der ausgeliefert werden müsse.

Die Menschen auf der Demo kritisieren auch die Bundesregierung für diesen Empfang, der am Freitagabend in einem Staatsbankett mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gipfelte. „Erdogan profitiert massiv von deutschen Steuergeldern“, sagt ein Demonstrant.

„Ich finde, Erdogan ist einfach der kranke Mann vom Bosporus“, sagt Bernhard R. Zuletzt hat er 1981 gegen den Nato-Doppelbeschluss protestiert. Jetzt steht er mit seinem Transparent in der Sonne am Rhein. Erdogan gehöre „in die Kur, an die frische Luft“, sagt R.

Verantwortlich gewesen für sein Demo-Comeback seien die „Bilder aus Kobane mit den türkischen Panzern an der Grenze, die verhindert haben, dass die Leute von dort rauskommen vor dem IS“. R. ist aus Karlsruhe angereist. „Das ist für mich selber wichtig“, sagt er. Seinen vollen Namen möchte er nicht nennen.

„Es ist schade, dass Erdogan hier einen Besuch bekommt“

Jan Al Ali und Ali Bildik haben damit kein Problem. Bildik lebt seit 1972 in Köln. Er ist Kurde und HDP-Mitglied. Das ist die Demokratische Partei der Völker, die bei der vergangenen Parlamentswahl in der Türkei knapp zwölf Prozent der Stimmen erhielt. Die Erdogan-Mehrheit „sei überhaupt nicht wahr“, die Wahlen seien manipuliert. Er nennt das eine „weiche demokratische Wahl“.

Aber hat er nicht auch Freunde, die Erdogan wählen? „Wenn man sich ein bisschen unterhält, weiß man das.“ Vielmehr sagt er dazu nicht.

„Es ist schade, dass Erdogan hier einen Besuch bekommt“, sagt Al Ali. Aber die Menschenrechte würden eben hinten angestellt. Al Ali ist ein sehr höflicher 50-Jähriger im Jackett. Er schüttelt viele Hände und begrüßt bekannte Gesichter. Doch wenn es um Erdogan geht, wählt er drastische Worte. „Erdogan ist für uns ein Mörder“, der Kurden verfolge. Al Ali ist syrischer Kurde aus Rojava, Nordsyrien. Seit drei Jahren wohnt er in Kleve an der niederländischen Grenze.

Weit mehr als hundert Polizisten sichern und überwachen die Veranstaltung am östlichen Rheinufer. Zur Mittagszeit haben sich 1500 Menschen zusammengefunden. 7000 waren erwartet worden. Den Grund dafür, dass viel weniger zum Protestieren gekommen sind, kenne er nicht, sagt einer am Mikrofon.

Die Erdogan-Mehrheit „sei überhaupt nicht wahr“, die Wahlen seien manipuliert, sagt der Kurde. Quelle: Jannik Deters
Ali Bildik

Die Erdogan-Mehrheit „sei überhaupt nicht wahr“, die Wahlen seien manipuliert, sagt der Kurde.

(Foto: Jannik Deters)

Während die größte Demo der Stadt deutlich kleiner ausfällt als gedacht, hat der Organisator der einzigen Kundgebung für den Präsidenten die Teilnehmerzahl richtig eingeschätzt: Zehn bis ein Dutzend Menschen schwenken in Ehrenfeld, wenige hundert Meter von der Moschee entfernt, türkische Flaggen und hören musikalische Huldigungen Erdogans. Zwischendurch unterbricht Werbung die Wiedergabe des Streamingdienstes, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch.

An einer kleinen Kirche lehnen mehr Fahnen in den Nationalfarben, auf der anderen Straßenseite beäugen und filmen mehr Menschen das Geschehen als Teilnehmer da sind. Die Polizei fährt nur ab und zu und ohne großes Augenmerk vorbei.

Murat Günez, der Veranstalter, ist 41 Jahre alt und kommt aus Wuppertal. Dass Erdogan kommt, sei „erfreulich“. „Sehr glücklich“ mache ihn das. In Deutschland werde er ganz anders gezeigt, als er sei. Von den Medien verfälscht.

Und die schwere Wirtschaftskrise und der Verfall der türkischen Lira, ist das nicht Erdogans Schuld? Nein, sagt Günez, dafür seien „die USA und andere Länder“ verantwortlich.

Erdogan: Deutschland-Reise war „erfolgreicher Besuch“

Allein in Nordrhein-Westfalen leben rund 500.000 türkische Staatsbürger. An den vielen gesperrten Zufahrten in Richtung der Moschee sind die Sympathien eindeutig auf Seiten des 64-jährigen Staatschefs. Die Erdogan-Befürworter sind trotz einer klaren Ansage der Stadt Köln und der Polizei gekommen, dass sie Erdogan bei der Einweihungsfeier vor geladenen Gästen nicht zu Gesicht bekommen würden.

Die Moschee ist eines der größten muslimischen Gotteshäuser Europas. Sie bietet Platz für 1000 Gläubige und ist bereits seit einem Jahr in Betrieb.

Der türkisch-islamische Moscheeverband Ditib hatte Anfang dieser Woche via Facebook „alle unsere deutschen und türkischen Freunde (…) herzlich eingeladen“. Wegen eines fehlenden Sicherheitskonzepts wurde der Verband am Freitagabend jedoch aufgefordert, diese Einladung zurückzunehmen. Dem kamen die Veranstalter am Samstagvormittag nach.

An einer Kreuzung, die Erdogans Fahrzeugkolonne später passieren wird, braucht die Polizei eine Stunde, um die Passanten nach und nach immer weiter zurückzudrängen. An der Absperrung kommt es zu Tumulten. Zwei Männer werden kurz nacheinander von der Polizei überwältigt und abgeführt. Gegen sie ergeht laut einem Polizeisprecher eine „Strafanzeige wegen einer Widerstandshandlung“. Unter Buhrufen setzen die Beamten ihre Helme auf und beziehen Stellung. Pferdestaffeln kommen hinzu.

Scharfschützen überwachten während Erdogans Rede die Umgebung der Zentralmoschee. Quelle: dpa
Strenges Sicherheitsaufgebot

Scharfschützen überwachten während Erdogans Rede die Umgebung der Zentralmoschee.

(Foto: dpa)

Die Polizei geht von 500 Menschen aus, die allein an diesem Punkt auf die Ankunft Erdogans warten. Als eine längere Wagenkolonne die Stelle passiert, gibt ein Polizist über Lautsprecher bekannt, dies sei nicht der Präsident, sondern die Kolonne des NRW-Ministerpräsidenten. Als Erdogan gegen 16.30 Uhr endlich an den Wartenden und den Hundertschaften vorbeifährt, winkt er seinen Landsleuten durchs offene Fenster zu.

In seiner Eröffnungsrede, die vom türkischen Fernsehen live übertragen wird, verkauft Erdogan seine Reise nach Deutschland als „erfolgreichen Besuch“. Mit Merkel und Steinmeier habe er „wichtige Themen ehrlich besprochen“.

Zum Schluss, Erdogan hat bereits mehr als eine halbe Stunde geredet, spielt er auf den Putschversuch gegen seine Regime an – und wettert gegen die Terroristen, die mit Panzern, Hubschraubern und F16-Jets türkische Staatsbürger ermordet hätten. Die dahinter steckenden Gülen-Anhänger, so Erdogan, dürften nirgends Unterschlupf finden.

Auch der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler Mesut Özil ist Erdogan erneut ein Anliegen. Es könne nicht sein, dass dieser in Deutschland ausgegrenzt werde, nur wegen eines gemeinsamen Fotos mit ihm. Das sei nicht akzeptabel.

Menschen, die in die Moschee kämen, seien „niemals in Terror verwickelt, sie werden den Frieden predigen und verbreiten“, sagt Erdogan: „Jeder Muslim sollte das wissen. Die Friedensauffassung des Islam wird hier in diesem Zentrum gelebt.“
Auf der anderen Rheinseite sagt Kadija Kuja: „Wir sind auch Muslime, aber nicht wie Erdogan Islamist.“ Als die Menge „Terrorist Erdogan“-Sprechchöre anstimmt, bleiben die Frauen stumm.

Am Samstag gingen in Köln Befürworter und Gegner des türkischen Präsidenten auf die Straße. Quelle: Jannik Deters
Erdogan-Anhänger

Am Samstag gingen in Köln Befürworter und Gegner des türkischen Präsidenten auf die Straße.

(Foto: Jannik Deters)
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