TV-Kritik „Glaubwürdigkeitsfallen“ und „Donnerschläge“ – Maischberger-Talk mit Seehofer wird zum Psychoduell

Über seinen „Masterplan Migration“ spricht der Innenminister bei Sandra Maischberger kaum. Aufschlussreich war das Interview dennoch.
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„Schicksalstage für die Regierung: Was plant Horst Seehofer?“, lautete der Titel der Sendung. Quelle: Screenshot ARD
Horst Seehofer bei Sandra Maischberger

„Schicksalstage für die Regierung: Was plant Horst Seehofer?“, lautete der Titel der Sendung.

(Foto: Screenshot ARD)

BerlinFast hat Bundesinnenminister Horst Seehofer mit der Bundeskanzlerin gleichgezogen: Ein Einzelinterview in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow steht üblicherweise nur der Chefin oder dem Chef der Regierung zu. Vor zweieinhalb Wochen saß Angela Merkel solo bei Anne Will.

Der CSU-Vorsitzende war nun zwar nicht am Sonntagabend nach dem „Tatort“ zu sehen, sondern bloß am späten Mittwoch (im seltsam durcheinandergewürfelten ARD-Programm nicht mal im Anschluss an die „Tagesthemen“, und durch einen „Brennpunkt“ zum WM-Aus der Nationalmannschaft noch weiter nach hinten geschoben). Doch wurde er eine ganze Stunde allein bei Sandra Maischberger befragt.

„Schicksalstage für die Regierung: Was plant Horst Seehofer?“, lautete der Titel. Was genau er plant, wurde freilich kaum deutlicher als bisher. Der Minister gab sich zahm, ohne sich durch beharrlich gestellte, ziemlich ähnliche Fragen aus der Reserve locken zu lassen. Dennoch hat es sich gelohnt, das konzentrierte Gespräch anzusehen.

Los ging's natürlich mit Fußball, schließlich ist der Innen- auch Sportminister. Das letzte deutsche WM-Spiel hat Seehofer nicht gesehen, weil er am Nachmittag in den Bundestag zitiert wurde (worauf Maischberger überraschend nicht einging).

Die Frage nach der Schuld am Ausscheiden der DFB-Elf wollte er nicht beantworten. Doch spätestens, als er mit Bezug auf Jogi Löw davon sprach, dass im Leben eben „der Erfolg vom Misserfolg abgelöst“ werde, ließ sich das natürlich auf Angela Merkel beziehen. Die metaphorische Steilvorlage nahm die Moderatorin dann auch auf.

Immer wieder fragte Maischberger mit leichten Variationen, ob es Anfang kommender Woche noch eine funktionstüchtige Bundesregierung geben werde. Seehofer äußerte wiederholt den „Wunsch, dass es auf europäischer Ebene Lösungen“ oder „Fortschritte, die uns zufriedenstellen“, geben möge. Wobei die Möglichkeit, dass es das auch nicht geben könnte, in den Formulierungen stets enthalten war.

Nicht nur einmal vermutete Maischberger, die CSU habe „die Latte sehr hochgelegt“ beziehungsweise „eine Hürde aufgebaut“, über die die Kanzlerin gar nicht springen könne. Von einer „Glaubwürdigkeitsfalle“, in der er oder die CSU steckten, sprach Seehofer. Die geäußerten Zweifel, ob er in Berlin durchsetzen kann, was er im Wahlkampf angekündigt hatte, stacheln ihn an, so ließ sich das verstehen.

Wenn seine Überzeugung ihm wichtiger sei als sein Amt, dann kämpfe er lieber für diese als fürs Amt, so Seehofer. Zu viel „Dramatik“, wie sie etwa entstünde, wenn Angela Merkel im Bundestag die Vertrauensfrage stellen würde, will er nicht. Wenig Dramatik will er aber auch nicht.

Satzergänzungsspiel bringt Seehofer aus dem Konzept

Konkretere Details als der Zeitplan, demzufolge Seehofer noch Freitagnacht mit Merkel telefonieren und sie „im Laufe des Samstags persönlich sprechen“ werde, worauf dann am Sonntag Entscheidungen fallen dürften, wurden nicht genannt. Wer gehofft hatte, mehr über den ominösen sogenannten „Masterplan Migration“ zu erfahren, wie Seehofer ihn selbst nannte, wurde enttäuscht.

Einen groben Überblick über die durchs ausführliche Diskutieren bereits bekannten Punkte wollte der Minister wohl geben, als er mal wieder darauf hinwies, dass 62,5 der 63 Punkte ja unstrittig seien. Doch ging die Moderatorin darauf nicht lange ein. Wie genau etwa die „intelligente Grenzkontrollen“ aussehen sollen, auf die der Plan wohl setzt, blieb offen.

Den kritisierten Begriff „Asyltourismus“ verwendete Seehofer, der bekundete, „sehr sorgfältig mit der Sprache“ umzugehen, weiter. „Warum sagen Sie nicht Asylwanderer?“, schlug Maischberger vor. Frotzeleien und unterschiedliche Ansichten waren nicht zu überhören. Doch so etwas tut einer Gesprächssendung ja gut.

Seehofer wirkte gelassen und gut vorbereitet. Vielleicht guckte er im Lauf der knapp über 60 Minuten etwas gequälter, auch wenn er die häufig im Bildhintergrund eingeblendete, etwas alberne Boxhandschuh-Grafik mit ihm und Angela Merkel vermutlich nicht sah. Maischberger machte sich zunehmend auf die Suche nach „dem inneren Horst Seehofer“, auf den sie manchmal auch stieß. So bekundete der Minister, er sei „aufgewühlt“ vom Mordfall Susanna.

Was ihn tatsächlich vorübergehend aus dem Konzept brachte, war das Satzergänzungsspiel, das die Moderatorin schließlich aus dem Hut zauberte und das mitnichten zu ihrer Show gehört (sondern zur ZDF-Sendung „Was nun?“, in der übrigens kurz zuvor Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz befragt worden war, allerdings nur 20 Minuten lang). Verdutzt sagte Seehofer, für ihn sei es „in Ordnung“, dass ein großer Teil der Türken in Deutschland für Erdogan gestimmt hat.

Wie der Bundesinnenminister denn zur Politik des türkischen Staatschefs oder deren Auswirkungen auf die Integration in Deutschland steht, fragte Maischberger leider nicht. Auch seine Aussage, die Verhaftung des Audi-Chefs sei ein „Donnerschlag“ für ihn gewesen, hätte spannende Nachfragen nach sich ziehen können.

Spannend verlief die Talkshow also. Zeitweise ähnelte sie fast einem kleinen Psychoduell und war zumindest aufschlussreicher, als die üblichen Talkrunden mit vielen Teilnehmern es sind. Und die Spannung auf die kommenden Tage hat sie weiter angefacht. Ob man solche Spannung von Bundesministern auf diese Weise geweckt sehen will oder ihr Aufbrechen unvermeidlich war, darüber lässt sich anhand der Sendung gut weiter streiten.

Sicher ist jedenfalls: Es wird hochrangig weitergetalkt. Am Sonntagabend soll, wie die „Bild“-Zeitung berichtete, der Seehofer-Nachfolger in Bayern, Markus Söder, in einer Sommerpausen-Sondersendung bei Anne Will auftreten, und zuvor wird im ZDF Bundeskanzlerin Merkel das traditionelle „Sommerinterview“ geben. Da hat sie den Termin wieder gut gewählt. Allerdings: Die Chance, dieses Interview wie im Juli 2014 an genau dem Tag zu geben, an dem Deutschland dann Fußballweltmeister wird, besteht in diesem Sommer nicht mehr.

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2 Kommentare zu "TV-Kritik: „Glaubwürdigkeitsfallen“ und „Donnerschläge“ – Maischberger-Talk mit Seehofer wird zum Psychoduell "

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  • Seehofer hatte vor Jahren eine schwere Herzoperation und lag sogar auf der Intensivstation. Auf die Intensivstation wird man nur gebracht, wenn es um Leben und Tod geht. Wer weiß, was der Mann tagtäglich an Tabletten schlucken muss.
    Am besten übernimmt die AfD das Amt.

  • Frau Maischberger war beim Interview mit Seehofer ständig mit einem Gesichtsausdruck unterwegs, der sagte: Na, Dir glaube ich gar nichts, was für eine Lüge erzählst Du mir als nächstes ? Seehofer blieb trotz der ständigen Unterbrechungen seiner Kommentare durch Maischberger erstaunlich ruhig. In einer konservativen Familie würde man sagen : Frau Maischberger war wie ein schlecht erzogenes Kind.

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