Ukraine-Krieg: CDU-Chef Merz trifft überraschend Selenski – „Ich bin wirklich vollkommen erschüttert“
Der Oppositionsführer informierte sich über die dortigen Kämpfe in den vergangenen Wochen.
Foto: ReutersKiew, Berlin. CDU-Chef Friedrich Merz hat in Kiew den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zu einem rund einstündigen Gespräch getroffen. Zu den Inhalten wolle er aber nichts öffentlich sagen, sondern zunächst Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) informieren Zunächst hatte sich Merz am Dienstag in Irpin nahe der ukrainischen Hauptstadt über die dortigen Kämpfe in den vergangenen Wochen informiert.
Der Oppositionsführer zollte den ukrainischen Streitkräften für ihren Abwehrkampf gegen die russische Invasion „jeden Respekt“ und „große Anerkennung“, wie er im Sender „Welt“ sagte. „Ich denke, wir sind in Deutschland auch weiter verpflichtet, diesem Land weiter zu helfen und gerade einer solchen Stadt wie Irpin auch beim Wiederaufbau zu helfen.“
Nach einem Gespräch mit dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko sagte Friedrich Merz am Dienstagabend: „Ich bin wirklich vollkommen erschüttert hier gewesen, bin es immer noch, diese Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf.“
In Irpin habe er gesehen, dass auch Kulturzentren, Kindergärten und Krankenhäuser getroffen worden seien und wie sich der Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung richte. „Sowas kann man nicht im Fernsehen alleine nur sehen, das muss man mal gesehen haben, um die ganze Tragik auch solcher Angriffe mal zu erfassen“, sagte der CDU-Chef.
Friedrich Merz in der Ukraine: "vollkommen erschüttert"
Er bekräftigte seine Unterstützung für Waffenlieferungen an die Ukraine. „Ich fühle mich in der Entscheidung, die wir in der letzten Woche im Deutschen Bundestag getroffen haben, sehr bestätigt, dass wir diesem Land helfen“, sagte Merz. Dafür habe er Dankbarkeit seiner Gesprächspartner erfahren. Auch einen EU-Beitrittsstatus für die Ukraine unterstützte er.
Merz war mit einem Schlafwagen in die Ukraine gereist. „Eine Nacht im Schlafwagen auf dem Weg nach Kyiw“, hatte der 66-Jährige zuvor beim Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben und dazu ein 17-Sekunden-Video verbreitet. Aus dem Zug postete Merz: „Wir haben eine interessante Reise vor uns und bis jetzt kann ich nur sagen: Alles sicher, alles gut und die ukrainischen Behörden sind äußerst kooperativ. Sehr angenehme Menschen. Es ist schön, in diesem Land zu sein.“
CDU-Generalsekretär Mario Czaja sagte im Deutschlandfunk, dass es in Kiew um das im Bundestag beschlossene Versprechen deutscher Waffenlieferungen gehen soll. „Andererseits geht's natürlich auch darum, Solidarität zu zeigen und noch einmal die Dinge mitzunehmen, die jetzt wichtig sind für die Ukraine und für den Verteidigungskampf der ukrainischen Bevölkerung.“
„Diese Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf“, sagte der CDU-Chef zu seinem Besuch im Vorort Irpin
Foto: dpaEinordnungen, bei dem Besuch könnte es sich mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen um ein Wahlkampfmanöver handeln, wies Czaja zurück. „Das hat mit den anstehenden Landtagswahlkämpfen rein wirklich gar nichts zu tun“, sagte er. Merz habe die Reise bereits am 22. Februar geplant, der Krieg sei aber dazwischengekommen.
Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth, warnte davor, eine solche Reise aus parteipolitischen Beweggründen anzutreten. „Es ist gut, wenn auch deutsche Politiker in die Ukraine reisen“, sagte der SPD-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aber sie müssen dafür gute Gründe haben. Ein schlechter Grund ist es, einen innenpolitischen Streit in die Ukraine zu tragen und sich dort parteipolitisch profilieren zu wollen. Das ist der Dramatik des Krieges nicht angemessen.“
Olaf Scholz über die Reise: „Ich billige das“
Bereits zuvor hatte es eine Diskussion über die Reisepläne des Oppositionsführers gegeben – und darüber, wie Bundeskanzler Scholz zu dem Thema steht. Im ZDF sagte er, er habe keine Einwände gegen Merz' Reise erhoben. „Ich billige das.“ Zugleich machte der Kanzler klar, dass die Ausladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier Mitte April durch die Ukraine seiner eigenen Reise nach Kiew im Weg steht.
Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk kritisierte dies drastisch: „Eine beleidigte Leberwurst zu spielen klingt nicht sehr staatsmännisch.“ Es gehe um den brutalsten Vernichtungskrieg seit dem Nazi-Überfall auf die Ukraine, „es ist kein Kindergarten“, sagte Melnyk der Deutschen Presse-Agentur. Merz sagte dazu am Dienstagabend: „Ich finde, wir sollten jetzt mal rhetorisch versuchen, auf ein Niveau zu kommen, wo wir uns die gegenseitige Hilfe nicht unnötig schwer machen.“
Zugleich betonte Melnyk, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski würde sich weiterhin freuen, Scholz in Kiew empfangen zu dürfen.
Nach Aussage über Olaf Scholz: Politiker kritisieren Melnyk
Der geplante Besuch von Steinmeier war Mitte April geplatzt, weil die ukrainische Seite ihn auslud. Er steht in der Ukraine wegen seiner Russland-Politik als früherer Außenminister in der Kritik.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) forderte Melnyk auf, sich beim Bundespräsidenten zu entschuldigen. Die Ukraine habe Steinmeier ausgeladen und könne nun nicht erwarten, dass Bundeskanzler Scholz nach Kiew reise, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Vielleicht, lieber Herr Melnyk, entschuldigt man sich einfach mal beim Präsidenten und lädt dann den Kanzler höflich ein zu kommen.“
AfD-Fraktionschef Tino Chrupalla forderte nach Melnyks Äußerung Konsequenzen. „Solche Provokationen und Beleidigungen von Verfassungsorganen sind nicht tatenlos hinzunehmen. Die Bundesregierung muss sofort Botschafter Melnyk einbestellen“, sagte er der dpa. Wenn sich Melnyk uneinsichtig zeige, müsse die Regierung darauf bestehen, dass er umgehend abberufen werde.