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Umbau der Armeen zwingt zur Anpassung von Geschäftsmodellen Rüstungskonzerne müssen umdenken

Rüstungsunternehmen haben in Deutschland nicht nur ein Imageproblem. Glaubt man dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), geht es ihnen angesichts unzureichender staatlicher Aufträge auch noch schlecht: „Die deutsche Wehrtechnische Industrie ist an der Grenze zu ihrer Existenzsicherung angekommen“, warnt BDI-Chef Michael Rogowski.
  • Thomas Wiede (Handelsblatt)

DÜSSELDORF. In der Tat haben es die deutschen und die europäischen Rüstungsschmieden nicht leicht. Branchenkenner sind sich einig: Wollen sie im internationalen Wettbewerb mit den USA oder den günstigen Konkurrenzprodukten der verbliebenen russischen und ukrainischen Konzerne bestehen, müssen sie verstärkt kooperieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Weltweit wirbelte vor allem das Ende des Kalten Krieges die Branche durcheinander: Während 1987 nach Angaben des Bonn International Center for Conversion (BICC) noch rund 17 Millionen Menschen im Wehrsektor arbeiteten, sind es heute rund die Hälfte. Die Firmen mussten erhebliche Kapazitäten abbauen – auch mit Hilfe von Übernahmen: Allein von 1990 bis 1998 konnten die fünf größten Rüstungsunternehmen der Welt ihren Marktanteil verdoppeln.

Was auf dem US-Rüstungsmarkt – der sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 an einer historisch einmaligen Finanzspritze laben kann – gelang, hat in Europa mit der Bildung der EADS, der britischen BAE Systems oder des Raketen-Herstellers MBDA erst viel später eingesetzt. Heute sucht die Branche daher intensiv nach neuen Märkten und internationalen Kooperationen, um den knappen heimischen Budgets zu entgehen. Dabei eröffnen sich Chancen, die die Zukunft nicht gar so schwarz erscheinen lassen, wie sie Lobbyisten gerne malen.

So schafft der Umbau der Armeen Ersatzmärkte: Klaus Eberhardt, Chef des Düsseldorfer Rüstungs- und Autozulieferkonzerns Rheinmetall, des größten europäischen Anbieters von Heerestechnik, sieht keine Not, Konkurrenten zu übernehmen – obwohl Rheinmetall mit einem Jahresumsatz von rund 1,7 Mrd. Euro im Rüstungsgeschäft kein Riese ist. „Wir sind gut aufgestellt und zu Kooperationen bereit.“

Wer heute im Geschäft sein will, muss sich der „Revolution of Military Affairs“, kurz RMA, anschließen: weniger schwere Waffen, weniger Soldaten und dafür mehr Flexibilität – und vor allem mehr Informationstechnologie. „Was an „Hardware“ ausfällt, kann manchmal durch Software und Vernetzungstechnologie ersetzt werden“, meint Burkhard Theile, wehrtechnischer Chefstratege bei Rheinmetall.

Weniger Kanonen, mehr Elektronik – Theile hält sogar völlig neue Geschäftsmodelle für möglich: In Krisen greifen Politik oder Militär auf Industrie-Berater zurück, die Szenarien und Lösungsansätze erarbeiten und Simulationssysteme liefern. „Für viele Unternehmen kann der Schwenk von der Produktion einer bestimmten Hardware zum militärischen Dienstleister das künftige Geschäftsmodell sein“, sagt Ben Moores von Frost & Sullivan. In Großbritannien haben traditionelle Rüstungsunternehmen den Wandel schon hinter sich. So verdient die VT Group mittlerweile nicht nur am Bau von Kriegsschiffen, sondern vor allem am Training der Matrosen.

Darüber hinaus lockt der Markt für unbemannte taktische Drohnen, der nach Analystenschätzungen zwischen 2004 und 2013 rund 13 Mrd. Euro in die Kassen der Hersteller spülen könnte. Ähnlich sieht es im Markt für Führungssyteme aus. Zur Zeit laufen europaweit Ausschreibungen. In der Vergangenheit eine Domäne der EADS, tummeln sich heute auf dem Markt viele Anbieter: Der französische Thales-Konzern will mit Diehl, Rheinmetall und CSC Ploenzke kooperieren, um sich Aufträge zu angeln.

Europas Unternehmen – klein, aber fein? Die aktuelle Entwicklung in den USA scheint dem Recht zu geben. Beobachter registrieren im Pentagon ein immer lauteres Murren über die Rüstungsriesen: Zu teuer und zu wenig innovativ lautet die Kritik. Die Planer halten Ausschau nach kleineren Unternehmen.

Die Klagen der deutschen Wehrtechniker über stagnierende Rüstungsetats verdecken deshalb die Wirklichkeit in den oft mittelständischen Unternehmen: „Die meisten haben auch ein ziviles Standbein“, sagt ein Branchenkenner. Auffällig zudem: Kaum eine Firma habe sich in den letzten Jahren aus dem Militärgeschäft zurückgezogen, „offenbar verdienen die alle doch Geld“.

Dennoch bleibt Raum für Fusionen, aber weniger in Europa. Denn solange sich der Staat nicht aus der französischen Heeres- oder Marineindustrie zurückgezogen hat, wird kein anderes privates Unternehmen einsteigen. Eine Studie des britischen Wirtschaftswissenschaftler Keith Hartley belegt aber: Ein liberalisierter Rüstungsmarkt mit einer europäischen Beschaffungsagentur könnte helfen, Kosten von bis zu 15 Mrd. Euro im Jahr zu sparen. Europäischen Politikern sollten da die Ohren klingeln.

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