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Umfrage der Gewerkschaft IG-Metall-Chef Hofmann: „Unternehmen spielen Roulette mit Zukunft der Beschäftigten“

Die deutschen Unternehmen sind schlecht auf Digitalisierung und Mobilitätswende vorbereitet. Das zeigt eine Umfrage der IG Metall unter Betriebsräten.
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Der IG-Metall-Chef wirft Unternehmen vor, sich nicht ausreichend auf den Transformationsprozess vorzubereiten. Quelle: IG Metall
Jörg Hofmann

Der IG-Metall-Chef wirft Unternehmen vor, sich nicht ausreichend auf den Transformationsprozess vorzubereiten.

(Foto: IG Metall)

BerlinWenn Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vom Wandel in der Arbeitswelt berichtet, erzählt er gerne eine Episode aus seiner Heimat Peine. Im dortigen Stahlwerk hätten früher 10.000 Beschäftigte gearbeitet – aktuell seien es noch 800.

Dass Stahl heute in China, Indien oder Südkorea deutlich billiger produziert werden kann als hierzulande, hat zu tiefen Wunden in Deutschlands Industrielandschaft geführt. Einstige Zentren der Schwerindustrie wie das Ruhrgebiet oder das Saarland stecken noch mitten im Strukturwandel.

Ein solch drastischer Bruch wie beim Stahl droht der Metall- und Elektroindustrie sicher nicht. Aber auch Deutschlands industrielle Schlüsselbranche steht vor tiefgreifenden Umwälzungen – in mehrfacher Hinsicht.

Die Klimaziele und die Umstellung auf Elektromobilität bedeuten eine Zäsur für Autobauer und Zulieferer, weil ihre Dieselmotoren oder Getriebe künftig nicht mehr gefragt sein werden. Die Digitalisierung verändert nicht nur die Produktion in den Fabriken, sondern könnte auch in den Verwaltungsbüros, in der Logistik und der technischen Kundenbetreuung Arbeitsplätze kosten.

Erschwerend hinzu kommt die konjunkturelle Abkühlung: Der Maschinenbauverband VDMA beklagt seit nunmehr fünf Monaten eine stetig sinkende Nachfrage.

Die IG Metall will dem Wandel nicht begegnen wie das Kaninchen der Schlange. Deshalb hat die Gewerkschaft in knapp 2.000 Betrieben mit rund 1,7 Millionen Beschäftigten Betriebsräte und Vertrauensleute befragt, welche Veränderungen und welchen Anpassungsbedarf sie sehen.

Ein Ergebnis: Knapp die Hälfte der Betriebe hat bisher noch gar keine oder zumindest keine ausreichende Strategie zur Bewältigung der Transformation. Die Fähigkeit, sich auf neue Qualifikationen und zum Teil auch neue Geschäftsmodelle einzustellen, sei in den Unternehmen erst in Ansätzen vorhanden, kritisierte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bei der Präsentation des „Transformationsatlas“ seiner Gewerkschaft: „Wenn sich die Unternehmen weiterhin so defensiv verhalten, spielen sie Roulette mit der Zukunft der Beschäftigten.“

Mittelfristig sei mit einem Beschäftigungsabbau zu rechnen, der sich nach Regionen und Branchen unterscheiden und in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten am größten ausfallen werde, erwartet der Leiter des Bereichs Betriebspolitik beim IG-Metall-Vorstand, Rudolf Luz. So rechneten 54 Prozent der Betriebe in der Auto- und Zuliefererindustrie mit einer sinkenden Zahl von Arbeitsplätzen.

Die Gewerkschaft macht sich deshalb für ein Transformationskurzarbeitergeld stark, mit dem Beschäftigte bei sinkendem Arbeitsvolumen im Betrieb gehalten und qualifiziert werden könnten.

Hoffmann forderte die Unternehmen auf, mehr in neue Produkte und Geschäftsmodelle zu investieren, eine vorausschauende Personalplanung zu betreiben und die betriebliche Qualifizierung zu stärken. Außerdem bräuchten die Betriebsräte mehr Mitbestimmungsrechte bei Weiterbildung, Personalplanung und strategischen Fragen.

Arbeitgeber wehren sich gegen die Übernahme der Kosten

Von der Politik verlangte der Gewerkschafter verlässliche Rahmenbedingungen für die Energie- und Verkehrswende. Außerdem müssten besonders von der Transformation betroffene Regionen mit Strukturfonds gestützt werden.

Von Arbeitgeberseite kam heftige Kritik: „Einerseits unterstützt die IG Metall überdimensionierte Klimaziele und gefährdet damit unsere Leitindustrie, die Automobilindustrie“, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (vbm).

Gleichzeitig wolle die Gewerkschaft aber die damit verbundenen strukturellen Herausforderungen und die daraus entstehenden Kosten für Transformationsregelungen den Unternehmen auferlegen. „Das ist der falsche Weg“, sagte Brossardt. Nötig sei eine Klimapolitik, die für die Industrie auch machbar sei.

Auch der Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, Oliver Zander, mahnte die Politik, die richtigen Rahmenbedingungen für den anstehenden Strukturwandel zu setzen, dabei aber die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft einzuhalten: „Dort, wo Entwicklungen klar erkennbar sind, werden sie von den Unternehmen schon jetzt konsequent berücksichtigt.“

Zander forderte aber auch Zurückhaltung der Gewerkschaft in kommenden Lohnrunden. Denn um in neue Produkte, Geschäftsmodelle oder die Beschäftigten investieren zu können, müssten die Unternehmen von Kosten entlastet werden.

Bei der Politik findet die IG Metall dagegen durchaus Gehör. Nächste Woche wollen Arbeitsminister Heil und Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) die im Koalitionsvertrag versprochene Nationale Weiterbildungsstrategie vorstellen.

Ein Ziel ist etwa, Hoch- und Berufsschulen zu „regionalen Kompetenzzentren“ für Weiterbildung zu machen. Heil hat außerdem anklingen lassen, dass er sich für Betriebsräte ein Initiativrecht in Weiterbildungsfragen wünscht. Auch für das von der IG Metall geforderte Transformationskurzarbeitergeld hat der Minister Sympathie erkennen lassen.

Der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie lehnt eine Ausweitung der Mitbestimmung dagegen strikt ab. Auch müssten sich Qualifizierungsansprüche strikt am betrieblichen Bedarf orientieren, forderte Hauptgeschäftsführer Brossardt.

Persönliche Qualifizierungsziele seien vom Arbeitgeber nicht zu bezahlen, und ein verbindlicher, langfristiger Qualifizierungsplan gehe an der betrieblichen Realität vorbei. „Die unternehmerische Entscheidungsfreiheit muss unangetastet beim Unternehmen liegen, denn es trägt das wirtschaftliche Risiko.“

Die IG Metall will aber auf jeden Fall weiter Druck machen. Für den 29. Juni ruft die Gewerkschaft zu einer Großdemonstration in Berlin auf. Motto: „#FairWandel. Nur mit uns.“

Mehr zum Thema: Besonders im Hinblick auf die digitale Revolution müssen viele Unternehmen derzeit und künftig nachrüsten. Unterstützung bei entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen bekommen sie dabei von Start-ups.

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  • Unternehmen sind in Deutschland extrem stark reguliert. Das bindet massiv Ressourcen bei den Mitarbeitern und es entstehen hohe Kosten. Wie sollen sich Unternehmen auf den globalen Anforderungen unter Digitalisierung vorbereiten? Die hohen Lohnkosten und Steuern erdrücken die Unternehmen. Die Politik könnte helfen die Regulierung und die Steuern zurückfahren. Der politische Wille in der Regierung dazu ist nicht vorhanden.

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