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Umfrage Nur eine Minderheit der Kassenpatienten muss lange auf einen Arzttermin warten

Die Wartezeiten von Privatversicherten und Kassenpatienten beim Arzt gleichen sich seit Jahren an. War Spahns Terminservicegesetz überhaupt nötig?
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Die Reform des Gesundheitsministers beinhaltet unter anderem einen Bonus für Hausärzte bei der Vermittlung von Facharztterminen bis hin zu Zulagen für die Behandlung von Neupatienten. Quelle: dpa
Bundesgesundheitsminister Spahn

Die Reform des Gesundheitsministers beinhaltet unter anderem einen Bonus für Hausärzte bei der Vermittlung von Facharztterminen bis hin zu Zulagen für die Behandlung von Neupatienten.

(Foto: dpa)

Berlin Seit Mai ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) in Kraft, mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gesetzlich Versicherten schneller zu Arztterminen verhelfen möchte. Noch ist es viel zu früh, um mögliche Auswirkungen auf die Wartezeiten in den Praxen zu sehen. Doch eine Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) legt nahe: Eigentlich hätte man das teure Gesetz gar nicht gebraucht.

Die diesjährige Versichertenbefragung der KBV zeigt nämlich, dass sich die Terminvergabe bei Privatversicherten und Kassenpatienten schon seit einiger Zeit angleicht. Mit Ausnahme einiger Facharztgruppen sind lange Wartezeiten für gesetzlich Versicherte, die als Beleg für eine „Zwei-Klassen-Medizin“ herangezogen werden, kein wirkliches Problem.

Von den gesetzlich versicherten Befragten mussten demnach 29 Prozent bei ihrem letzten Arztbesuch überhaupt nicht warten, bei Privatpatienten waren es 30 Prozent. Sechs Prozent der Kassenpatienten mussten sich einen Tag, zehn Prozent eine Woche gedulden (Privatversicherte: sieben Prozent beziehungsweise 14 Prozent). Wartezeiten von über drei Wochen erlebten 15 Prozent der gesetzlich Versicherten und zwölf Prozent der Privatpatienten.

Wenn nur Fachärzte betrachtet werden, warten Kassenpatienten etwas länger auf einen Termin. So gaben 30 Prozent der Befragten an, dass es über drei Wochen gedauert habe, bis sie einen Spezialisten sehen konnten. Besonders lang dauerte es der Erhebung zufolge bei Frauenärzten, Kardiologen und Psychiatern. Für die Erhebung befragte die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der KBV von Mitte März bis Ende April mehr als 6100 Versicherte.

„Wenn man sich die Ergebnisse der letzten Jahre anschaut, stellt man fest: Die Unterschiede bei den Wartezeiten auf einen Termin waren bei gesetzlich und privat Versicherten nie so gravierend, wie gerne kolportiert wird“, erklärte KBV-Chef Andreas Gassen. „Das hindert einige Leute aber nicht daran, gebetsmühlenartig die Behauptung vorzutragen, dass gesetzlich Versicherte zu lange auf Termine warten.“

SPD kritisiert zu lange Wartezeiten

Außerdem seien nicht alle Termine gleich dringend, sagte Gassen. „Auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung muss ich als Patient im Zweifel länger warten als wenn ich eine Grippe habe.“

Vor allem die SPD kritisiert zu lange Wartezeiten für Kassenpatienten in Arztpraxen. Die Partei verfolgt das Ziel einer Bürgerversicherung, die zu einer Abschaffung der Privaten Krankenversicherung führen würde. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wertete das TSVG deshalb auch als wichtigen Schritt in Richtung Bürgerversicherung.

Mit der Union aber ist die Abkehr vom dualen Krankenversicherungssystem nicht zu machen. Im Koalitionsvertrag einigten sich CDU, CSU und SPD allerdings darauf, „in einem Sofortprogramm die Leistungen und den Zugang zur Versorgung für gesetzlich Versicherte“ zu verbessern.

Bei der Vorstellung seines Termingesetzes bewegte sich Spahn in der Nähe der sozialdemokratischen Rhetorik: „Gesetzlich Versicherte warten zu oft zu lange auf Arzttermine“, sagte der Minister.

Die Instrumente, mit denen die Wartezeiten von Kassenpatienten verkürzt werden sollen, reichen von einem Bonus für Hausärzte bei der Vermittlung von Facharztterminen bis zu Zulagen für die Behandlung von Neupatienten. Für niedergelassene Mediziner gilt fortan eine verpflichtende Untergrenze von 25 Sprechstunden pro Woche.

Höhere Vergütung für offene Sprechstunde

Bestimmte Facharztgruppen wie Augen-, Frauen- und HNO-Ärzte müssen zudem mindestens fünf Stunden wöchentlich als offene Sprechstunde ohne vorherige Terminvereinbarung anbieten. Für Leistungen, die in diesen Sprechstunden erbracht werden, bekommen Ärzte ebenfalls eine höhere Vergütung.

Die Mehrkosten durch die Zusatzhonorare für Ärzte setzt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung mit rund 775 Millionen Euro im Jahr höher an als das Gesundheitsministerium, das von 600 Millionen Euro spricht. Die Krankenkassen zweifeln, dass die Regelungen tatsächlich zu mehr Terminen führen. Stattdessen befürchten sie Mitnahmeeffekte: Ärzte könnten an neuen Patienten mehr verdienen, ohne aber unter dem Strich mehr Versicherte aufzunehmen.

Auch KBV-Chef Gassen erwartet durch die Neuregelungen „keine rasante Verschiebung“ bei Terminvergabe. „Für die schnellere Terminfindung hätten wir das TSVG nicht gebraucht“, sagte er.

Der Grund für Wartezeiten ist nach Ansicht der KBV vor allem die immer knapper werdende Arbeitszeit von Ärzten. Zwar steige die Zahl der Ärzte in Deutschland an, junge Mediziner bevorzugten aber Angestelltenverhältnisse und Teilzeit.

Die durchschnittliche Arbeitszeit eines angestellten Arztes lag im Jahr 2017 demnach bei 23 Stunden pro Woche. „Das ist etwas weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Arbeitszeit eines selbstständigen Arztes mit eigener Praxis“, erklärte KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. Die Zahl der Praxen sei von 2007 bis 2017 um gut 14 Prozent zurückgegangen. Hofmeister warnte, dass sich die Lage weiter verschärfen werde: „Die große Ruhestandswelle bei den jetzigen Praxisinhabern steht uns erst noch bevor.“

Mehr: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereitet die nächste Reform vor: Er will die Notaufnahmen entlasten.

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