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Umsteiger des Jahres Christine Lagarde kann zum Glücksfall für die EZB werden

Einige Ökonomen kritisieren, dass eine Juristin den Chefposten bei der EZB erhält. Doch die vermeintliche Schwäche könnte sich als Stärke erweisen.
19.12.2019 - 16:00 Uhr Kommentieren
Quelle:  Peter Juelich/Bloomberg Julius Brauckmann Illustration

(Foto:  Peter Juelich/Bloomberg Julius Brauckmann Illustration)

Als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) hat Christine Lagarde eine der schwierigsten und gleichzeitig wichtigsten Aufgaben in Europa übernommen. Europa und die EZB befinden sich an einer entscheidenden Weggabelung: Gelingt es, den Kontinent endlich nachhaltig aus der Krise zu ziehen und das enorme Potenzial der europäischen Wirtschaft mit mehr als 500 Millionen Menschen zu heben, oder wird Europa den Weg Japans in die Stagnation und Isolation gehen?

Hierfür ist es ganz entscheidend, dass es Lagarde gelingt, die EZB neu aufzustellen, ihre Rolle zu entpolitisieren und das nationale Silodenken zu überwinden. Die Fähigkeiten dafür hat sie. Als Lagarde im Juli 2011 die Führung des Internationalen Währungsfonds (IWF) übernahm, musste sie die Institution neu ausrichten.

Der IWF hatte über die Jahre stark an Bedeutung verloren, und viele Länder glaubten – fälschlicherweise –, Krisen seien ein Relikt der Vergangenheit und sie bräuchten den IWF zur finanziellen und technischen Unterstützung nicht mehr – bis zur globalen Finanzkrise 2008. Vor allem die europäische Finanz- und Schuldenkrise seit 2010 hat dann schmerzlich gezeigt, wie unersetzlich der IWF bei der Bekämpfung von Krisen ist.

Nationale Regierungen und europäische Institutionen hatten schlichtweg nicht die Kompetenzen und die Mittel, die Schuldenkrise in Griechenland, die Bankenprobleme in Spanien und Irland und eine breite Marktpanik wirkungsvoll zu bekämpfen. Unter der Führung von Christine Lagarde hat der IWF ganz entscheidend zur Beendigung der europäischen Krise beigetragen.

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    Obwohl sich viele Regierungen gegen die Einmischung durch den IWF gewehrt haben, hätte die Krise ohne die technische Expertise des Währungsfonds deutlich größere Schäden hinterlassen. Eine entscheidende Stärke Lagardes waren ihr politisches Gespür und ihre Fähigkeit, einen Konsens zu finden.

    Marcel Fratzscher ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Als Berater des früheren Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) leitete der 48-Jährige eine Kommission zur Stärkung von Investitionen. Von 2001 bis 2012 arbeitete er für die EZB und leitete dort seit 2008 die Abteilung „Internationale wirtschaftspolitische Analysen“. Quelle: ©  Kien Hoang Le / Age
    Marcel Fratzscher

    Marcel Fratzscher ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Als Berater des früheren Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) leitete der 48-Jährige eine Kommission zur Stärkung von Investitionen. Von 2001 bis 2012 arbeitete er für die EZB und leitete dort seit 2008 die Abteilung „Internationale wirtschaftspolitische Analysen“.

    (Foto: © Kien Hoang Le / Age)

    Dabei hat sie sich stets als verlässliche Partnerin für die europäischen Staats- und Regierungschefinnen und -chefs erwiesen. Gleichzeitig ist es ihr gelungen, auch einen Konsens innerhalb des IWF-Direktoriums gegen teils große Widerstände vor allem vonseiten der Schwellenländer herzustellen.

    Mit Gegenwind hatte sie auch zu kämpfen, als ihr Wechsel zur EZB bekannt wurde: Vor allem die hartgesottenen Ökonomen monierten, dass sie Juristin und nicht Ökonomin sei und dazu noch von außerhalb der Welt der Zentralbanken komme. Doch diese vermeintliche Schwäche könnte sich noch als große Stärke erweisen.

    Es wird nämlich künftig bei Weitem nicht ausreichen, dass die EZB die richtigen geldpolitischen Entscheidungen trifft. Das größte Problem der EZB ist derzeit weniger das Inflationsziel als vielmehr das mangelnde Vertrauen: Viele in Politik, Wirtschaft und Medien in Deutschland sehen die EZB als Problem und nicht als Lösung für die europäische Krise.

    Eine Zentralbank braucht aber das Vertrauen, um ihre Aufgaben erfolgreich erfüllen zu können. Sie muss ein Stabilitätsanker für die Wirtschaft sein, auf den sich alle verlassen können. In drei Rollen wird sie sich (wieder) beweisen müssen: als politische Moderatorin, als Kommunikatorin und als Reformerin. Christine Lagarde hat als IWF-Chefin bereits gezeigt, dass sie alle drei Rollen sehr erfolgreich ausfüllen kann.

    Lagardes To-do-Liste

    Als Kommunikatorin muss sie nun die EZB-Geldpolitik nicht nur den Finanzmärkten vermitteln, sondern vor allem den Bürgern. Sie muss erklären, wieso die Verantwortung für die Nullzinsen weniger bei der EZB als vielmehr bei einer unzureichenden Wirtschaftspolitik liegt.

    Sie muss vor allem vermitteln, dass weitere Reformen – von einer Vollendung der Banken- und Kapitalmarktunion über klügere Regeln bis hin zur besseren Koordination der nationalen Finanzpolitiken – unerlässlich sind. Sie muss erklären, wozu eine stärkere internationale Rolle des Euros im Wettbewerb gegenüber China und den USA essenziell ist.

    Der Schlüssel für die Frage, ob es Lagarde dann gelingen wird, die Politik zu notwendigen Reformen der Währungsunion zu bringen, hängt ganz entscheidend von ihrer Fähigkeit ab, die Bürger von der großen Bedeutung der Gemeinschaftswährung zu überzeugen. Am schwierigsten wird diese Aufgabe für sie in Deutschland sein.

    Einem Land, in dem eine Spar-Obsession vorherrscht und es noch immer schwierig ist, den Menschen zu vermitteln, dass nur kluge Zukunftsinvestitionen in Bildung, Innovation und Infrastruktur den Wohlstand und gute Arbeitsplätze sichern helfen. Weitere Herausforderungen sind die internen und inhaltlichen Reformen.

    Der interne Streit zwischen den 25 Mitgliedern des EZB-Rats – die 19 nationalen Zentralbankgouverneurinnen und -gouverneure plus die sechs EZB-Direktoriumsmitglieder, darunter der Präsident – hat in den vergangenen Jahren der Institution im öffentlichen Ansehen und dadurch auch in ihrer Effektivität erheblichen Schaden zugefügt. Lagarde wird die Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse umgestalten müssen, damit die EZB wieder mehr mit einer Stimme spricht und ihre Glaubwürdigkeit stärkt.

    Die große inhaltliche Herausforderung wird die Neuausrichtung des Mandats der EZB sein. Ist das Preisstabilitätsziel von knapp unter zwei Prozent noch angemessen? Welche Instrumente will die EZB unter welchen Umständen nutzen? Wie soll die EZB auf neue Herausforderungen wie den Klimawandel, digitale Währungen und einen geschwächten Multilateralismus reagieren?

    Ihr unideologisches, pragmatisches und evidenzbasiertes Handeln hat Lagarde als IWF-Chefin zum Erfolg verholfen, und diese Fähigkeiten werden für sie auch als EZB-Präsidentin entscheidend sein, um die Notenbank als Institution neu auszurichten. Christine Lagarde ist ein Glücksfall für Europa und für die EZB – vielleicht gerade weil sie keine Zentralbankökonomin ist.

    Ihre reiche Erfahrung beim IWF, ihre persönliche Integrität und der große Respekt, den sie sich global erworben hat, werden wichtig für den Erfolg der EZB sein. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass der Erfolg der EZB und des Euros letztlich entscheidend vom politischen Willen der europäischen Regierungen abhängt, die notwendigen Reformen Europas voranzutreiben.

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