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Samuel Hahnemann

Die USA haben dem Erfinder der Homöopathie Samuel Hahnemann sogar ein Denkmal gesetzt.

(Foto: Universal Images Group/Getty Images)

Umstrittene Heilmethoden Der Kampf gegen die Homöopathie im Netz beginnt bei Politikern zu verfangen

Im Internet tobt ein Kampf gegen alternative Heilmethoden. Auch SPD- und Unions-Abgeordnete positionierten sich zuletzt gegen die Homöopathie. Eine Analyse.
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BerlinEs war der vorläufige Höhepunkt einer seit 2015 in Deutschland vor allem über die sozialen Medien laufenden Kampagne gegen alternative Heilmethoden: „Heiler, Gurus, Scharlatane – der seltsame Boom der Alternativmedizin“. Unter dieser Headline führte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ jüngst einen Generalangriff auf die alternative Medizin und die Homöopathie.

Zwar scheiterte im Frühjahr der Versuch der Gegner auf dem deutschen Ärztetag, die Homöopathie aus dem Weiterbildungskatalog der Bundesärztekammer zu streichen. Homöopathie bleibt damit vorerst eine anerkannte Weiterbildung für „Schulmediziner“. Aktuell praktizieren rund 7.000 Schulmediziner mit dieser Zusatzbezeichnung. Rund 40.000 Heilpraktiker setzen Homöopathie ein.

Auch zahlen immer mehr Krankenkassen freiwillig Homöopathie und alternative Heilbehandlungen. Zwei Drittel aller gesetzlichen Kassen haben sie in ihre Satzung aufgenommen. In der Schweiz, einem Land mit einem ähnlich ausdifferenzierten Gesundheitssystem wie in Deutschland, wurde sie sogar 2017 in den Regelleistungskatalog für die dortigen Krankenkassen aufgenommen. Vorausgegangen war eine Volksabstimmung, in der sich eine Mehrheit für eine Stärkung der alternativen Medizin ausgesprochen hatte.

Doch umso heftiger mobilisieren die Gegner im Internet. Wer das Stichwort Homöopathie bei Twitter eingibt, wird Zeuge eines erbitterten Schlagabtauschs zwischen Gegnern und Befürwortern, der die Ebene sachlicher Argumentation längst verlassen hat.

Die Gegner der Alternativmedizin haben Erfolg: Vor wenigen Tagen meldete sich der oberste Chef der Behörde, die über den gesetzlichen Leistungskatalog wacht, Josef Hecken zur Wort: „Versicherte müssen sich darauf verlassen können, dass die Kassen nur bezahlen, was einen Wirkungsnachweis erbracht hat,“ sagte er der Stuttgarter Zeitung und forderte die Streichung der Homöopathie aus den Satzungsleistungen der Kassen.

Auch die Apothekenpflicht, der Medikamente unterliegen, hält der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) bei Homöopathika für überflüssig. Sie erwecke nur den Eindruck, dass es sich um ernsthafte Medikamente handele.

Tatsächlich aber läge die medizinische Evidenz homöopathischer Produkte „auf dem Niveau von Brausetabletten und Nahrungsergänzungsmitteln“. Bei Krebs will Hecken sogar ein generelles Homöopathie-Verbot auch für Selbstzahler.

Politiker bringen sich gegen Homöopathie in Stellung

Auch bei der Politik beginnt die Anti-Homöopathie-Kampagne zu verfangen. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach ließ sich jetzt mit den Worten zitieren: „Als Arzt halte ich die Homöopathie für völlig wirkungslos.“ Der Professor der Gesundheitsökonomie hat allerdings nie als Kassenarzt praktiziert. Auch etliche Unions-Abgeordnete positionierten sich zuletzt gegen die Homöopathie.

Cornelia Bajic, die Vorsitzende des deutschen Zentralverbands homöopathischer Ärzte, hält die Debatte für fatal: Hecken verkenne zweierlei, sagt sie. „Es gibt für eine Reihe von homöopathischen Therapien durchaus durch Studien überprüfte Evidenz. Mindestens ebenso bedeutsam ist aber, dass auch für einen großen Teil der Schulmedizin Wirksamkeitsstudien fehlen.“ Dies träfe auf 70 bis 80 Prozent der Schulmedizin zu.

Mit dieser Einschätzung kann sich die Medizinerin auf den langjährigen Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg Hoppe, berufen. Er trat Zeit seines Ärztelebens dafür ein, dass die Medizin eben gerade keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft sei, die sich der Naturwissenschaft bedient.

Ähnlich sieht es auch der Nachfolger Hoppes, Frank-Ulrich Montgomery. Als auf dem Ärztetag in diesem Frühjahr die Frage auf der Tagesordnung stand, ob die Homöopathie nicht aus der Weiterbildungsordnung für Ärzte gestrichen werden müsse, machte er sich mit Erfolg vor den Delegierten für ein Nebeneinander von Schulmedizin und Homöopathie stark.

Auch in der Arzneimittelindustrie hat man wenig Verständnis für den harten Kurs Heckens und anderer Homöopathie-Gegner. Entgegen der Forderung Heckens appellierte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Henning Fahrenkamp, Homöopathie weiter als Satzungsleistung der Kassen zuzulassen.

„Wer die Homöopathie als ergänzende und in der Regel nebenwirkungsarme Behandlung verbieten will, beschneidet die Therapievielfalt und bevormundet zahlreiche Patienten in Deutschland“, warnte er. Klinische Studien belegten zudem relevante Verbesserungen bei verschiedenen Indikationen durch Homöopathie.

Fahrenkamp hält auch wenig davon, homöopathischen Medikamenten den Status als Arzneimittel zu nehmen. Zulassung und Kontrolle der homöopathischen Mittel durch die nationale und europäische Zulassungsbehörde diene der Patientensicherheit genauso wie der Verkauf über die Apotheken.

Eine Clique fanatischer Kämpfer?

Bajic sieht in der aktuellen Kampagne, die vor allem über die sozialen Medien geführt wird, eine Clique fanatischer Kämpfer am Werk. Sie praktiziert seit zwanzig Jahren in Remscheid als Fachärztin für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie. „Bisher habe ich dabei immer ein sehr friedliches Miteinander von Schulmedizin und Komplementärmedizin erlebt. Wir teilen mit vielen konventionellen Ärzten die gemeinsame Zielsetzung einer integrativen Medizin.“

Sie kann auch deshalb die Vehemenz, mit der aktuell gegen die Homöopathie argumentiert wird, kaum nachvollziehen. Denn sie habe die Erfahrung gemacht, dass Homöopathie wirke. Sie sei zwar kein Allheilmittel. „Aber ich kann Menschen damit helfen und immer wieder auch zu Linderung oder Heilung beitragen.“

Genau darum geht der Streit. Die einen sagen, die 1798 von dem deutschen Mediziner Samuel Hahnemann propagierte Methode, Krankheiten mit Stoffen in stark verdünnter Form zu behandeln, die im gesunden Menschen ähnliche Krankheitssymptome auslösen, sei reine Scharlatanerie. Die anderen, darunter auch Bajic, sehen darin ein Heilverfahren, das seine Wirksamkeit über mehr als 200 Jahre erwiesen hat.

„In Indien ist die Homöopathie zusammen mit Ajurveda seit über 50 Jahren eine Säule des Gesundheitssystems. Dort gibt es dafür sogar ein eigenes Ministerium“, führt sie an. In anderen Schwellenländern trete die klassische Schulmedizin gerade erst an die Seite der alternativen oder traditionellen Medizin.

Auch die Heilpraktiker nimmt Bajic gegen Kritik in Schutz. „Sie unterliegen einer ähnlichen Sorgfaltspflicht wie Ärzte und haften nach den gleichen gesetzlichen Bestimmungen wie Schulmediziner.“ Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass Heilpraktiker auch die Grenzen ihrer Möglichkeiten gut einschätzen könnten und Patienten an Ärzte weiter verweisen, wenn sie mit ihren Möglichkeiten am Ende sind oder den Verdacht haben, dass eine Erkrankung vorliegt, die schulmedizinisch abgeklärt werden muss.

Doch so sauber läuft das Zusammenspiel zwischen Alternativ- und Schuldmedizin offenbar nicht immer. 2016 sorgte der Fall dreier Krebspatienten für bundesweite Schlagzeilen, die kurz nach der Behandlung eines Heilpraktikers im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht verstarben. Sie sollen dort von einem Heilpraktiker mit einer nicht zugelassenen Substanz behandelt worden sein. Für den Chef des gemeinsamen Bundesausschuss Josef Hecken war der Fall erstmals Anlass, sich gegen die Homöopathie zu positionieren.

Derweil geht der Kampf im Netz weiter. Vor kurzem kündigte eine Apothekerin im oberbayerischen Weilheim über Twitter an, sie wolle homöopathische Medikamente nicht mehr in die Auslage legen, weil sie es nicht verantworten könne, Patienten wirkungslose Medikamente zu verkaufen. Ein Shitstorm im Netz gegen die Apothekerin war die Folge.

Das Niveau lässt dabei oft zu wünschen übrig. So beschied kürzlich Jörg Kachelmann, Meteorologe und eifriger Twitterer gegen Globuli, einen Befürworter alternativer Heilmethoden mit den Worten: „Sie sind nicht nur dumm, sondern auch unpräzise. Homöopathie ist im Gegensatz zu Naturheilkunde kein Heilverfahren. Es ist nichts. Von geldgierigen Scharlatanen für Dumme.“

Überschaubare Umsätze

Im Vergleich mit der restlichen Pharma-Branche sind die Umsätze allerdings überschaubar: Jährlich werden homöopathische Medikamente im Gegenwert von rund 533 Millionen Euro umgesetzt, die die Patienten selbst bezahlen mussten. Von Ärzten verordnet und von vielen Krankenkassen bezahlt, werden pro Jahr Homöopathika für 96 Millionen Euro.

Das ist ein Bruchteil der 39 Milliarden Euro, die die Kassen inklusive der Zuzahlungen der Versicherten 2017 für Medikamente insgesamt ausgaben. So richtig viel zu sparen wäre also nicht, würde die Homöopathie aus dem Leistungskatalog gestrichen.

Das scheint auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn so zu sehen. Er sprach sich in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung, in der Hecken gerade erst den Stopp der Homöopathie gefordert hatte, für das glatte Gegenteil aus. Er wolle den Patienten die freie Wahl der Therapie lassen, so der Gesundheitsminister.

Auch die Kassen sollten weiterhin das Recht haben, Homöopathie per Satzung in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. „Grundsätzlich ist es jedem unbenommen, homöopathische Mittel zu nehmen. Es muss nur sichergestellt sein, dass sie nicht schaden“, so Spahn.

Christian Lübbers, HNO-Arzt aus Weilheim und einer der eifrigsten Twitterer gegen die Homöopathie interessiert Spahns Meinung eher wenig. Er rühmt lieber die französische Gesundheitsministerin, Agnés Buzyn.
Die will jetzt ganz offiziell die Wirksamkeit von Homöopathie überprüfen lassen.

Falle dieser Überprüfung negativ aus, soll diese Form der Alternativmedizin in Frankreich abgeschafft werden. Allerdings ist man sich noch nicht ganz im Klaren, welche Methoden man bei der Prüfung zum Einsatz bringen will. Es könnte also noch sein, dass die Initiative im Sande verläuft.

„Sollte es jemals eindeutige Belege dafür geben, dass Homöopathie nicht funktioniert“, sagt dazu Allgemeinmedizinerin Bajiz, würde sie sofort aufhören mit der Verabreichung von Globuli und Co.

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