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Ungehorsam des Jahres Greta Thunberg weckt das Umweltgewissen der ganzen Welt

Die Botschaft der 16-Jährigen: Wir müssen die Emission von Treibhausgasen stoppen. Was mit ihrem Schulstreik begann, wurde 2019 zur Massenbewegung.
20.12.2019 - 16:00 Uhr 6 Kommentare
Quelle: dpa +++ dpa-Bildfunk

(Foto: dpa +++ dpa-Bildfunk)

Alles beginnt am 20. August 2018 vor dem schwedischen Reichstag. Eine Schülerin setzt sich vor das Gebäude und streikt für das Klima, indem sie fortan freitags nicht mehr zur Schule geht. Ihre so einfache Logik: Wozu in der Schule lernen, wenn es die Welt in Zukunft nicht mehr gibt? Das sitzt.

Kaum ein Jahr später wird sie für den Nobelpreis gehandelt, hat bei Klimakonferenzen gesprochen, bei den Vereinten Nationen und beim Weltwirtschaftsforum in Davos eindringliche Appelle an Politiker gerichtet, Preise erhalten und Trump öffentlich mehr oder weniger einen Trottel genannt. Sie prägt mit ihrer Botschaft internationale Konferenzen und bewegt Millionen Jugendliche über Fridays for Future hinaus.

Wie konnte das geschehen?

In der Werbekommunikation kann Großes entstehen, wenn man die Zeit richtig zu lesen vermag. Den Kontext: das gesellschaftliche Umfeld verstehen, Zusammenhänge sehen, Zeitgeist und Strömungen erkennen. Das alles ist wie ein fruchtbarer Boden, auf dem eine Idee wächst. Gut gemacht, wächst eine Idee rasant, entwickelt Momentum, das sich im Falle Gretas zu einer globalen Bewegung entwickelt hat.

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    Auch wenn es mittlerweile eine richtige Legendenbildung rund um ihren kometenhaften Aufstieg gibt: Dass es ein Mädchen mithilfe ausgesuchter PR-Experten und einem guten Netzwerk allein schaffen kann, zum Weltstar der Klimabewegung zu werden, ist unwahrscheinlich. Oder andersrum: Wenn es so einfach ist, warum gelingt es dann so wenig anderen? So viel zu den Verschwörungstheorien.

    Zielführender ist es, sich die Umstände genau anzusehen, die den rasanten Aufstieg Gretas in den Klimaolymp befeuert haben.

    Der Texter und Kreativchef von Jung von Matt arbeitet seit 18 Jahren bei der Werbeagentur. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Mit seinen drei Kindern war auch er zuletzt bei der Fridays-for-Future-Demo in Hamburg. Quelle: Xing
    Joachim Kortlepel

    Der Texter und Kreativchef von Jung von Matt arbeitet seit 18 Jahren bei der Werbeagentur. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Mit seinen drei Kindern war auch er zuletzt bei der Fridays-for-Future-Demo in Hamburg.

    (Foto: Xing)

    Dass wir uns hier gleich richtig verstehen: Die sollen Gretas Wirken nicht mindern. Greta hat etwas geschafft, was weder Regierungen, Wissenschaftler noch Ökoverbände zu leisten vermochten: Sie hat das Thema Klima ganz oben auf die globale Tagesordnung gesetzt. Die Klimabewegung hatte bis zum Sommer 2018 kein Gesicht. Danach hatte sie eines, und die Medien griffen es dankbar auf. Gute Geschichten brauchen Gesichter – denn ohne ein Gesicht kann man Themen nur schlecht vermitteln.

    Und es ist auch nicht irgendein Gesicht. Greta ist vieles – aber kein Mainstream. Sie eckt an. Diese Art der Polarisierung ist wichtig in der Kommunikation. Es macht sie einzigartig. In der Kommunikation sprechen wir dabei von Charakterecke. Eine Positionierung klar besetzen. Haltung zeigen. Das kann Mut sein, Ausdauer, Entschlossenheit, Wahrhaftigkeit. Vieles ist möglich, solange es authentisch, konsequent und konsistent gelebt wird.

    Gretas Charakterecke ist ihre Echtheit. Sie ist weder vom Kommerz getrieben noch Moralapostel, noch eifert sie jemandem nach, noch will sie gefallen. Greta ist Greta. Eine 16-Jährige. Mit Asperger. Und sie hat eine ganz klare und einfache Botschaft für uns: Wir müssen die Emission von Treibhausgasen stoppen.

    Wissenschaftler warnen uns seit Jahrzehnten vor den Gefahren. Auch die Politik kennt die Herausforderungen. Angela Merkel war einmal die Klimakanzlerin. Mittlerweile ist es vorbei mit der einst viel gelobten deutschen Klimapolitik. Ohne das Versagen der Politik wäre Greta Thunberg nicht der Star der kommenden Generationen, sondern wahrscheinlich heute noch ein relativ unbekanntes Schulkind.

    Greta betrat die Bühne, als der Klimawandel greifbar war und die Politik keine Antworten lieferte. Greta kämpfte heldenhaft mit Worten und Taten gegen eine scheinbare Übermacht. Allein beginnt sie ihre Reise, an deren vorläufigem Höhepunkt Weltbekanntheit steht, ohne dass sie danach gestrebt hätte. Wohl aber nutzt Greta ihre Aufmerksamkeit. Für ihre Botschaft.

    Die Digitalisierung hat den Rest übernommen. Denn die Waffen der Jugend und mittendrin Greta sind heute anders als zu Zeiten Kennedys, der das Fernsehen als Leitmedium entdeckt hatte. Heute pusht Social Media alles in Real Time raus. Die Botschaften, aber auch die globale Organisation laufen digital. Gretas Worte bei den Vereinten Nationen – zigmillionenfach geteilt, geliked und kommentiert. Ohne Social Media wäre ihr rasanter Aufstieg nicht denkbar gewesen.

    Kontext, Gretas Echtheit und Digitalisierung sind schon ein starker Dreiklang – aber ein vierter Wirkstoff tritt hinzu, der uns alle betrifft und auch deswegen als eine Art Beschleuniger wirkt: Konflikt. Greta ist auch deswegen so „wirksam“, weil sie einen Konflikt anspricht, den wir alle – mehr oder weniger – in uns führen.

    Der Unwille zur Veränderung

    Das Problem ist: Der Klimawandel ist zu abstrakt, er wartet nicht direkt vor unser Haustür. Er ist kein Einzelereignis, nicht wirklich greifbar, sondern ein Prozess von vielen kleinen Schritten: Waldbrände, Ernteausfälle, Stürme und Flutkatastrophen auf der einen Seite, und auf der anderen das schöne Wetter im Sommerurlaub an der heimischen Nordseeküste. Jahrhundertkatastrophe und Jahrhundertsommer: gleichzeitig.

    Intelligent, wie wir sind, verändern wir also unser Verhalten. Nicht. Denn Veränderung kostet uns zunächst: etwa Geld oder Zeit. Klimafreundlich handeln ergibt für uns aber vor allem dann Sinn, solange dem Aufwand auch ein direkter Nutzen gegenübersteht.

    Und genau da ist der Haken, den die Ökonomie als klassisches Kooperationsdilemma bezeichnet. Mich kostet klimafreundliches Verhalten etwas – aber vom Nutzen habe ich selbst direkt nichts. Von meiner Verhaltensänderung profitieren am Ende alle Menschen auf der Erde. Und das auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Für viele ist das zu abstrakt.

    Es ist schon irre: Kein vernünftiger Zeitgenosse stellt die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. Und dennoch richten wir unseren Planeten kollektiv zugrunde.

    Und Greta? Sie sitzt bei diesem Konflikt mittendrin und erinnert uns fast täglich daran, das zu tun, von dem wir eigentlich wissen, dass es richtig ist. Auch deswegen verfängt Greta so sehr. Weil wir die Wahrheit kennen. Bisher hat sie in der Welt der Politik nur niemand wie Greta so konsequent immer wieder vorgetragen.

    Was machen wir also? Wir suchen Entschuldigungen für das eigene Verhalten. Wir folgen Geschichten der Verharmlosung, der Leugnung, der Herabwürdigung. Zuerst ist Greta schlecht in der Schule, weil sie so oft fehlt. Dann wurden Vorwürfe laut, dass sie ja nur während der Schulzeit demonstriert und nicht in ihrer Freizeit (das sollten wir mal deutschen Gewerkschaften vorwerfen).

    Dann ist sie auf einmal ferngelenkt von Strippenziehern und PR-Spezialisten; zuletzt wurde ihr Umweltbewusstsein hinterfragt, weil ihre medienwirksame Atlantiküberquerung es erforderte, dass zwei Menschen fliegen mussten. Wir lenken uns ab, indem wir versuchen, Greta kleinzuschreiben. Doch diese Geschichten machen Greta noch bekannter.

    Greta ist und bleibt standhaft. Sie ist echt, ihr Thema ist größer. Greta hat im Sommer 2018 mitten in unsere Herzen und Köpfe getroffen, und ihre Wirkung hat nicht nachgelassen.

    Am 20. September 2019 schrieben Greta und die Fridays-for-Future-Aktivisten Geschichte. Weltweit demonstrierten Millionen Menschen (und tun es noch). Im Dezember waren es anlässlich der COP25 in Madrid allein 500.000 Unterstützer. Ein Ende ist nicht in Sicht. Greta ist gekommen, um zu bleiben, und ihr Wirken zeigt uns in größter Klarheit auch dies: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

    Mehr: Lesen Sie in unserem Dossier „Menschen des Jahres 2019“, wer in diesem Jahr Großes geleistet hat, wer überrascht oder enttäuscht hat.

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    6 Kommentare zu "Ungehorsam des Jahres: Greta Thunberg weckt das Umweltgewissen der ganzen Welt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Der Kommentator bringt es mit der Beschreibung des Kooperationsdilemmas auf den Punkt: Ich kann auf das Autofahren komplett verzichten, sehr viel Geld für Photovoltaik, Solarwärme und Fassadendämmung an meinem Haus ausgeben, auf Flugreisen vollkommen verzichten, kein Steak aus Argentinien und keine Kiwis aus Neuseeland mehr essen und und und. Aber: Das allein wird den Klimawandel nicht im geringsten einbremsen. Warum nicht? Weil mein Nachbar genau das alles nicht macht, weil er wie viele andere auch eher zur Verharmlosung des Klimawandels neigt als zu einer konsequenten Verhaltensänderung. Die aktuellen nicht aufhörenden Waldbrände in Australien stören hier keinen: Viel zu weit weg und dehalb viel zu "abstrakt"! Aber es hilft alles nichts: Ohne die vier größten CO2-Produzenten USA, China, Russland und Indien wird die Einhaltung der weltweiten Emissionsziele nicht erreichbar sein. Einer von mehreren Hoffnungsschimmern: Auch die Industrie in Deutscland - laut Handelsblatt eines von drei Ländern, das die Folgen des Klimawandels weltweit am stärksten spürt - merkt bereits die kostenintensiven und wachtumshemmenden Folgen des Klimanwandels. Sie drängt selbst auf Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen. Mit anderen Worten: Wenn es ums liebe Geld geht, steigt der Druck im Kessel. Hoffentlich auch bei den Politikern. - Übrigens: Der Verweis auf die Gewerkschaften und ihre Demonstrationen während der normalen Arbeitszeiten ist super. Das nimmt den Kritikern der Fridays for Future - Demos mächtig den Wind aus den Segeln. Chapeau!

    • Der Kommentator bringt es mit der Beschreibung des Kooperationsdilemmas auf den Punkt: Ich kann auf das Autofahren komplett verzichten, sehr viel Geld für Photovoltaik, Solarwärme und Fassadendämmung an meinem Haus ausgeben, auf Flugreisen vollkommen verzichten, kein Steak aus Argentinien und keine Kiwis aus Neuseeland mehr essen und und und. Aber: Das allein wird den Klimawandel nicht im geringsten einbremsen. Warum nicht? Weil mein Nachbar genau das alles nicht macht, weil er wie viele andere auch eher zur Verharmlosung des Klimawandels neigt als zu einer konsequenten Verhaltensänderung. Die aktuellen nicht aufhörenden Waldbrände in Australien stören hier keinen: Viel zu weit weg und dehalb viel zu "abstrakt"! Aber es hilft alles nichts: Ohne die vier größten CO2-Produzenten USA, China, Russland und Indien wird die Einhaltung der weltweiten Emissionsziele nicht erreichbar sein. Einer von mehreren Hoffnungsschimmern: Auch die Industrie in Deutscland - laut Handelsblatt eines von drei Ländern, das die Folgen des Klimawandels weltweit am stärksten spürt - merkt bereits die kostenintensiven und wachtumshemmenden Folgen des Klimanwandels. Sie drängt selbst auf Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen. Mit anderen Worten: Wenn es ums liebe Geld geht, steigt der Druck im Kessel. Hoffentlich auch bei den Politikern. - Übrigens: Der Verweis auf die Gewerkschaften und ihre Demonstrationen während der normalen Arbeitszeiten ist super. Das nimmt den Kritikern der Fridays for Future - Demos mächtig den Wind aus den Segeln. Chapeau!

    • Mein Umweltgewissen war schon immer wach. Weder Greta noch Ihre Hintermänner
      mußten mich wecken.
      Gilt Gleiches auch für d. o. g. Redakteur?
















      eder Greta noch deren Hintermänner.
      Ich bitte im voraus um Nachsicht. Irgendwie hat der Redakteur des Artikels eine falsche und daher zu bunte Brille beim verfassen des Artikels auf seiner Nase.

    • Fortsetzung: Der Bereich Industrielle Landwirtschaft sollte intensiv angegangen werden. Chinesische Konzerne produzieren ca. 40% des Schweinefleisches und auch das erforderliche Kraftfutter. Große Soja-Produzenten in Brasilien und USA gehören auch dazu. In Frankreich gibt es ebenfalls Großfarmen für Schweine. Lediglich 1% der landwirtschaftlichen Produktion in Frankreich sind kleine Betriebe.

    • So wird es wohl sein. Ich meine: Der Ansatz, wie wir heute in Deutschland das Thema Klima aufgreifen, ist teilweise der falsche. Wenn wir heute z.B. den Treibstoff verteuern, bringt das nicht viel. Ich wohne auf dem "platten" Land; da fehlt viel Infrastruktur. Da ist man auf das Auto angewiesen. Wegen der Treibstoffpreise fährt man nicht weniger, sondern ärgert sich über die Mehrkosten.

    • Ich teile die Meinung des Autors nicht - ich glaube, das Maedchen wird manipuliert. Aber
      ich respektiere auch Andersdenkende.

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