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Unternehmensgründer An deutschen Hochschulen entstehen immer mehr Start-ups

Hochschulen haben professionelle Gründerhilfen etabliert. Ein Problem ist jedoch das Förder-Durcheinander, welches Unsicherheiten nach sich zieht.
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1776 Start-ups sind 2017 aus deutschen Hochschulen hervorgegangen. Quelle: Jesco Denzel/laif
Gründer aus der Hochschule

1776 Start-ups sind 2017 aus deutschen Hochschulen hervorgegangen.

(Foto: Jesco Denzel/laif)

Berlin Kein Zweifel: Ohne die Hilfe der Leuphana würde es das Ökounternehmen Melawear heute nicht geben“, sagt Henning Siedentopp. Der 33-Jährige mit Dreitagebart hat 2014 ein Unternehmen für ökologisch produzierte Rucksäcke gegründet – sein Topseller hat sich seither 30.000-mal verkauft.

Seit dem Frühjahr 2018 stellt sein Unternehmen auch ökologisch korrekte und fair gehandelte Sneaker her. Der Umsatz liegt mittlerweile bei einer Million Euro, Melawear schrieb von Anfang an schwarze Zahlen. Als es losging, war Siedentopp noch Student im zweiten Jahr des Masterstudiengangs „Management and Entrepreneurship“ an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Dass aus seiner Idee Realität wurde, lag an einem ganzen Bündel von Hilfsmaßnahmen: „Der Entrepreneurship-Hub der Uni hat uns ökonomisch, rechtlich und steuerlich beraten, und wir konnten Räume der Leuphana nutzen“, sagt er. Auch die Masterarbeit konnte Siedentopp über seine Firma schreiben: eine Machbarkeitsstudie zu Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie.

„Die Uni finanzierte uns ein Jahr lang zwei halbe Stellen“, erzählt der Jungunternehmer. Extrem hilfreich seien auch das Netzwerk der Uni und die Kontakte in die Wirtschaft gewesen – und „dass wir immer sagen konnten, wir sind eine Ausgründung der Leuphana – das hat uns Glaubwürdigkeit und Rückhalt verschafft“.

Denn Melawear passt ideal zum Ansatz der Uni, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Das Unternehmen ist eine Vorzeigeausgründung der Leuphana, die schon 2016 vom Stifterverband ausgezeichnet wurde. Generell gilt mangelhafter Transfer von Innovationen aus der Wissenschaft in die Wirtschaft als Schwachstelle des Innovationsstandorts Deutschland – und zugleich als immenses Potenzial.

Der vierte „Gründungsradar“ des Stifterverbands zeigt nun, dass zumindest Ausgründungen aus den Hochschulen des Landes einen großen Schritt vorangekommen sind: „Seit der ersten Erhebung im Jahr 2012 hat sich die Gründungskultur an den Hochschulen etabliert. Das ist eine großartige Entwicklung“, sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbands.

Geldgeber benötigt

Problematisch sei allerdings die hohe Abhängigkeit der Gründungsförderung von externen Geldgebern: Insgesamt hatten die Hochschulen 109 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Drei Viertel davon waren jedoch Drittmittel. Das Geld stammt also nicht aus dem festen Budget der Hochschulen, sondern aus Zusatztöpfen von Bund, Ländern, der EU oder von privaten Förderern.

Dass diese Mittel aber immer wieder neu beantragt werden müssen, sorgt für Probleme. „Dadurch gibt es viel Fluktuation beim Personal, und so geht immer wieder Kompetenz verloren“, sagt Andrea Frank, Autorin des „Gründungsradars“, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Der Gründungsradar bewertet die Hochschulen anhand von 33 Indikatoren. Als Sieger für exzellente Gründungsförderung wurden diesmal bei den großen Hochschulen die Technische Universität München, bei den mittleren die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und bei den kleinen die HHL Leipzig Graduate School of Management prämiert.

Insgesamt hatten im vergangenen Jahr 191 Hochschulen 1.776 Gründungen gemeldet, 2012 waren es 1.145. An 740 Gründungen waren im Jahr 2017 Studenten und Absolventen aus dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen MINT-Bereich beteiligt.

Und die Gründer bewegen sich in Zukunftsfeldern: 434 widmen sich IT-gestützten Dienstleistungen, 105 der Medizintechnik, und 57 arbeiten mit Umwelt-, Klima- und Energietechnologie. Insgesamt laufen aktuell 7.135 Gründungsprojekte.

Der Aufschwung resultiert nicht nur aus der Breite: Auch die 72 Hochschulen, die schon am ersten Radar 2012 teilnahmen, steigerten ihre Gründungen von 837 auf 1.173. „Die ganz überwiegende Zahl der Hochschulen hat ihre Gründungsförderung verbessert“, sagt Andrea Frank.

Die Beratung sei deutlich vielfältiger geworden, und es würden mittlerweile zahlreiche unterschiedliche Praktiker eingebunden. Ganz wichtig für den Erfolg: Bei vier von fünf Hochschulen ist das Thema laut Stifterverband heute bei einem Mitglied der Hochschulleitung angedockt – und damit Chefsache.

Die ausgezeichnete TU kann inzwischen sogar stolz auf ein „Unicorn“ verweisen: 2011 gegründet, wurde das IT-Unternehmen Celonis SE kürzlich in den USA von Finanzexperten mit einer Milliarde Dollar bewertet, teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit, das es einst mit einem Exist-Gründerstipendium von gut 83.000 Euro förderte. Als sehr gut bewertet die Studie auch die Starthilfe an der Hochschule München und der Universität des Saarlandes.

Kräftig aufgeholt haben die mittelgroßen Hochschulen mit bis zu 15.000 Studenten: Die Topadressen sind hier neben der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg die Uni Mannheim und die Europa-Uni Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Bei den kleinen Hochschulen mit bis zu 5.000 Studenten dominieren die privaten: An der Spitze stehen hier erneut die HHL Leipzig und die WHU – Otto Beisheim School of Management, gefolgt von der Filmuniversität Babelsberg.

Der ökonomische Erfolg der Gründungen lässt sich allerdings nicht in diesem Rahmen messen, so der Stifterverband. Klar ist aber der Nutzen für die jeweilige Region, denn drei Viertel der Gründer bleiben in der Nähe ihre Hochschule.

Die Politik dürfe sich auch nicht „auf den bisherigen Erfolgen ausruhen“, mahnt der Bericht. Denn schon 2020 geht die europäische Förderperiode für die einschlägigen EFRE-Mittel zu Ende. Gut sei, dass der Bundeswirtschaftsminister die Mittel für die Exist-Förderlinie ab 2019 auf knapp 80 Millionen Euro pro Jahr verdoppelt habe.

Dazu kommt die Initiative „[email protected]“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Einzelne Bundesländer haben eigene Programme aufgelegt: NRW etwa das Programm „Exzellenz Start-up Center“ oder Baden-Württemberg die Förderlinie „Gründungskultur“.

Aber gerade weil das Thema Gründungsförderung Konjunktur hat, ist die Förderlandschaft mittlerweile unübersichtlich geworden, kritisiert der Stifterverband: Bund, Länder und Kommunen hätten in den letzten Jahren „zahlreiche, teils auch parallele oder in Konkurrenz untereinander stehende Förderstrukturen geschaffen“, so Frank. So registrierte der neueste Radar mehr als 70 verschiedene Förderprogramme.

Für Gründer selbst sei insbesondere das regionale Unterstützungsangebot an vielen Standorten unübersichtlich geworden. Die Zukunft der Gründungsförderung ist also nicht nur abhängig von einer stabilen Finanzierung, „sondern bedarf einer Klärung der Rollen“, mahnt die Studie.

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