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Unternehmer klagen über Defizite von Schulabgängern Firmen bringen Azubis das Schreiben bei

Die Handwerkskammer Hamburg wollte es genau wissen – und lud Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden hatten, nicht nur persönlich ein sondern testete auch gleich ihre Mathe und Deutschkenntnisse, Hauptschulniveau 9. Klasse. Das traurige Ergebnis: Von den 105 Teilnehmern fielen mehr als die Hälfte (57 %) durch.

BERLIN. Sie scheiterten, weil sie nicht in der Lage waren, etwa aus fünf Zahlen das richtige Ergebnis für „7537,64 minus 3849,78“ zu wählen. „Solche Jugendliche sind nicht ausbildungsfähig, seufzt Angela Hellberg, Berufsbildungsexpertin der Kammer. „Auch für einen Maler reicht es heute nicht mehr, den Pinsel zu schwingen, er muss auch eine Flächenberechnung hinkriegen“.

Das Hamburger Beispiel illustriert, dass die Klagen der Wirtschaftsverbände über mangelnde Eignung der Schulabgänger nicht aus der Luft gegriffen sind – selbst wenn sie mitunter als willkommene Ausrede im politischen Kleinkrieg um die Lehrstellenlücke erscheinen. Nicht ohne Grund wettert DIHK-Chef Martin Wansleben, man habe es zunehmend mit Jugendlichen zu tun, „die Probleme mit den Ziffern eins bis neun haben“.

Als deutsche Schüler bei der Pisa-Studie so blamabel abschnitten, überraschte das die Unternehmer am wenigsten – beklagten sie doch schon seit Jahren deren Defizite. Doch Kultusminister reagieren auch heute noch allergisch: Kürzlich erklärte deren Vorsitzende, Hessens Ministerin Karin Wolff (CDU), es sei „nicht zulässig“, die Probleme der Unternehmen mit den Lehrlingen den Schulen anzulasten.

Doch die Ausbildungsstatistik beispielsweise des Chemieriesen BASF spricht sogar dafür, dass das Problem von Jahr zu Jahr wächst: Seit 25 Jahren testet der Ludwigshafener Konzern seine Lehrstellen-Bewerber mit den gleichen Aufgaben. Mit erschreckendem Ergebnis: Ob Haupt- oder Realschüler, Rechnen oder Schreiben, die BASF-Ausbilder stellen einen „nahezu kontinuierlichen Abwärtstrend“ fest. 1975 konnten die Realschüler noch drei von vier Rechtschreibfragen richtig beantworten, im Sommer 2003 nur noch jede zweite. Die Trefferquote der Hauptschüler sank gar von der Hälfte auf ein Drittel – und das obwohl BASF nur solche Schüler einbezieht, die ihre gesamte Schulzeit in Deutschland verbracht haben. Gefragt war etwa, ob die Worte „Rezebt - Quahl - Gebüren - erwidern - Gelengichkeit - Pulfer“ richtig geschrieben sind und wie es gegebenenfalls korrekt heißen muss.

Für den heute unverzichtbaren Umgang mit Computern brachte ein Teil der Bewerber nicht einmal Grundkenntnisse mit, berichtet Eva Seifert von der Münchner Knorr-Bremse AG. Auch die Allgemeinbildung lasse zu wünschen übrig. Mancher wisse nicht einmal, wann die Mauer zwischen der Bundesrepublik und der DDR gefallen sei. Auf die Schulnoten verlassen sich zumindest große Unternehmen längst nicht mehr. Denn diese „stehen „in keiner Korrelation zu den Ergebnissen unserer Tests“, sagt Seifert. So greifen die Firmen denn seit Jahren zur Selbsthilfe: Von 125 kaufmännischen Lehrlingen bei Henkel bekommen 40 % am Abend Nachhilfe im Mathematik – und das seien nicht Hauptschüler sondern „fast ausschließlich Abiturienten“, stellt Ausbilder Marco Siedler klar.

BASF setzt früher an. Seit 1993 haben 520 Hauptschulabgänger, die den Eingangstest nicht bestanden hatten, ein Jahr lang das BASF-Training „Start in den Beruf“ durchlaufen. Sie werden mit der Praxis vertraut gemacht und in Mathe, Deutsch und Wirtschaftslehre nachgeschult. So fit gemacht, können sie die Lehre ein Jahr später beginnen.

Offensichtlich nötig ist auch eine sozialpädagogische Betreuung – inklusive Schullandheim mit den BASF-Ausbildern. Lernen sollen sie dabei auch so simple Dinge wie Zuverlässigkeit. Denn vielen Jugendlichen „haben die Eltern nicht beigebracht, jeden Tag früh aufzustehen und regelmäßig zur Ausbildung zu gehen“, schimpft Wansleben.

Kleine Betriebe können es weder finanziell noch organisatorisch leisten, Bildungslücken zu füllen. Hier springt das Arbeitsamt ein und finanziert „Stützunterricht“ für Azubis parallel zur Berufsschule. 2002 waren es im Schnitt 64 000 Lehrlinge, die drei bis acht Stunden Nachhilfe pro Woche bekamen. Kostenpunkt: 193 Mill. Euro.

Die nach Pisa ausgebrochene Debatte macht den Ausbildern landauf landab zwar Hoffnung, dass es „tatsächlich zu Veränderungen kommt“, heißt es bei BASF und anderswo. Irgendwann – doch für die nächsten Jahre, so Henkel-Ausbilder Siedler, „müssen wir aber davon ausgehen, dass sich nichts ändert“. Alle Beteiligten wissen: Der Umbau im Bildungssystem ist eher eine Sache von Jahrzehnten.

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