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Verbraucherschutz Gute Siegel, schlechte Siegel

Bei über 1000 Qualitätssiegeln kann man schnell den Überblick verlieren. Für die Bundesregierung sind nur wenige dieser Label relevant. Zwei möchte sie jetzt aufwerten. Verbraucherschützer halten davon wenig.
Update: 09.03.2017 - 10:03 Uhr 1 Kommentar
Der Blaue Engel ist ein von den Umweltministern des Bundes und der Länder eingeführtes Öko-Zeichen, das seit 1978 vergeben wird. (Quelle: dpa)
Umweltzeichen.

Der Blaue Engel ist ein von den Umweltministern des Bundes und der Länder eingeführtes Öko-Zeichen, das seit 1978 vergeben wird. (Quelle: dpa)

Berlin Als sich die Staats- und Regierungschefs der sieben großen Industriestaaten (G7) vor zwei Jahren im bayrischen Elmau trafen, wurde nicht nur über Freihandelsabkommen, Treibhausgase oder aktuelle Krisenherde gesprochen, sondern auch über die Globalisierung und ihren Folgen für die Gesellschaft. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte damals die große Verantwortung für vernünftige Arbeitsbedingungen in den Lieferketten. „Wir alle haben die schrecklichen Bilder von Rana Plaza in Bangladesch vor Augen“, sagte Merkel seinerzeit.

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013, bei dem über 1000 Menschen starben, warf ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in den Entwicklungsländern. Und veranlasste die Bundesregierung die Einhaltung von Arbeits-, Sozial-, und Umweltstandards entlang der internationalen Lieferketten zu einem Schwerpunkt ihrer G7-Präsidentschaft im Jahr 2015 zu machen. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sterben jährlich 2,3 Millionen Menschen an Folgen der Arbeit, davon etwa 350.000 bei Arbeitsunfällen und etwa zwei Millionen an arbeitsbezogenen Krankheiten.

In Elmau versprachen die G7-Staatschefs, sich für besser durchschaubare Lieferketten einzusetzen und Unternehmen wie Branchen dazu zu ermutigen, sich enger mit Leitlinien zur Wahrung der Sorgfaltspflicht  zu befassen. Ein verantwortungsvolles Lieferkettenmanagement sollte, so der Wunsch, auch von Umwelt - und Sozialsiegeln aufgegriffen werden. Das Thema ist Teil einer neuen nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, mit der die Bundesregierung ihren Beitrag für eine bessere Welt leisten will. Das Kabinett beschloss dazu Anfang des Jahres ein 250-seitiges Aktionsprogramm, das bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden soll.

Zum Ziel gesetzt hat sich die Regierung etwa, „Informationen zu glaubwürdigen Siegeln und Labeln für gute Kaufentscheidungen“ bereitzustellen und bestehende „glaubwürdige Zeichensysteme“ wie den Blauen Engel auf weitere verbraucherrelevante Produktgruppen auszubauen.

Diese Pläne werden nun offenbar konkret – und sind nicht nur auf ein Verbraucher-Label beschränkt. „Die Bundesregierung strebt an, dass beim Umweltzeichen „Blauer Engel“ und  beim europäischen Umweltzeichen zukünftig die Lieferketten stärker berücksichtigt werden“, heißt es in einer dem Handelsblatt vorliegenden Antwort des Bundesumweltministeriums auf einer Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Nicole Maisch.

Begründet wird dies unter anderem damit, dass global nachhaltiger Konsum nur dann möglich sei, „wenn auch die international vereinbarten Arbeits- und Sozialstandards in globalen Lieferketten Anwendung finden“. Die Bundesregierung setze sich daher, wie es in der Antwort heißt, „ressortübergreifend für die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, für gute Arbeit sowie für nachhaltige Produktions- und Lieferketten weltweit ein“. Das Thema soll auch im  Rahmen  der  deutschen  G20-Präsidentschaft vorangetrieben werden,  „um so Menschen-,  Arbeits-,  und  Umweltstandards  global  zu stärken“.

„Wir brauchen eine Aufsicht, die das Einhalten der Kriterien prüft“

Metropolen der Nachhaltigkeit
Nachhaltiges Leben
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Nachhaltigkeit kennt viele Perspektiven: die der Menschen, der Umwelt und des Profits zum Beispiel. Die Beratergesellschaft Arcadis hat 100 Weltstädte in diesen drei Kriterien miteinander verglichen. Herausgekommen ist der Sustainable Cities Index (SCI), der die Nachhaltigkeit verschiedener Großstädte in Prozentzahlen miteinander vergleicht, die sich wiederum in verschiedene Einzelbewertungen aufschlüsseln – darunter Demografie, Einkommensverteilung, Gesundheit, Grünflächen, Müllmanagement, Tourismus und Infrastruktur. Die 15 nachhaltigsten Städte folgen im Überblick.

(Foto: dpa)
Platz 15: Paris
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Paris ist die Stadt der Liebe, wenngleich die Pariser bekanntlich eher eine Hassliebe zu ihrer Stadt pflegen. Dennoch zählt die französische Metropole zu den 15 nachhaltigsten Städten weltweit. Im Vergleich erzielt Paris 67,6 Prozent.

(Foto: Reuters)
Platz 14: Kopenhagen
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Kopenhagen ist nicht nur die Hauptstadt der Dänen, sondern auch der Fahrradfahrer. Regelmäßig erzielt die Stadt den ersten Platz, wenn es um Rankings zur Fahrradfreundlichkeit geht. Im Sustainable Cities Index reicht es allerdings nur für den 14. Platz – bei einem Nachhaltigkeitswert von 68 Prozent.

(Foto: dpa)
Platz 13: Edinburgh
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Edinburgh gilt als eines der wichtigsten Handelszentren des britischen Königreichs – vor allem in der Kategorie „Profit“ des SCI schnitt die schottische Großstadt besonders gut ab. Mit einer Gesamtwertung von 68,1 Prozent landet Edinburgh auf Platz 13 im Ranking.

(Foto: dpa)
Platz 12: Genf
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Klares Wasser aus einem sauberen Brunnen unter strahlend blauem Himmel: In Sachen Umweltschutz und grüner Energie liegt Genf in der Schweiz im internationalen Vergleich ganz weit vorne. Insgesamt erzielt die Stadt eine Wertung von 68,1 Prozent – und damit Platz 12 im SCI.

(Foto: dpa)
Platz 11: Amsterdam
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1612 wurden die Grachten in der niederländischen Hauptstadt errichtet – und bis heute erfreuen sich Touristen an den schmalen Wassergassen Amsterdams. Wenn das kein gutes Beispiel für nachhaltiges Bauen ist. Im Ranking gibt das den elften Platz (Wertung 68,2 Prozent).

(Foto: Reuters)
Platz 10: München
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Von den vier deutschen Städten im SCI schaffen es ganze drei in die Top Ten – am niedrigsten von ihnen wurde München platziert. Die bayerische Landeshauptstadt erzielt einen Gesamtwert von 68,6 Prozent. Punkte gab es vor allem für die günstige Bevölkerungszusammensetzung sowie eine vergleichsweise hohe Einkommensgleichheit.

(Foto: dpa)

Der Blaue Engel ist ein von den Umweltministern des Bundes und der Länder eingeführtes Öko-Zeichen, das seit 1978 vergeben wird. Die Jury zeichnet damit Produkte aus, die durch den sparsamen Einsatz von Rohstoffen, ihre Lebensdauer und die Art der Entsorgung besonders umweltfreundlich sind. Laut Bundesregierung setzt das Verbraucherlabel in punkto Qualität genauso  „wichtige Standards“ wie das europäische Umweltzeichen und das deutsche Bio-Siegel.

Das Engel-Label findet sich in so vielen verschiedenen Produktgruppen und Branchen wieder wie kein anderes Umweltzeichen. Derzeit tragen rund 12.000 Produkte von 1.500 Unternehmen in 120 Produktgruppen den Blauen Engel: darunter Möbel, Haushaltsgeräte, Putzmittel aber auch Computer und Telefone, Heizungsanlagen, Sonnenkollektoren sowie Car-Sharing oder Stadtbusse.

Bekannt ist das Zeichen hauptsächlich vom Recycling-Toilettenpapier oder den emissionsarmen Farben. Neu sind besonders energieeffiziente LED-Lampen, gewässerschonende Haushaltsreiniger und Waschmittel, schadstoffgeprüfte Stofftiere sowie energiesparende Telefonanlagen.

Verbraucherschützer stehen den Siegel-Plänen der Bundesregierung zurückhaltend gegenüber. Es sei zwar zu begrüßen, dass die Politik sich dem Thema Lieferketten stärker widme. „Ob das Umweltzeichen Blauer Engel oder das EU-Bio-Siegel geeignet sind, ist fraglich“, sagte Kathrin Krause, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), dem Handelsblatt. „Schließlich handelt es sich um freiwillige Umweltzeichen, anstatt verbindlicher Kriterien.“

Der VZBV ist ohnehin der Auffassung, dass zu viele Label im Umlauf sind. „Für Verbraucher ist der Siegel-Dschungel mit über 1000 Siegeln keine Orientierung“, sagte Krause. Der VZBV fordert daher, „staatliche Mindestkriterien für eine sozial- und ökologisch verantwortliche Produktion zu etablieren, an denen sich Produzenten und Verbraucher orientieren können“. Nötig sei zudem eine übergeordnete Kontrollinstanz. „Wir  brauchen auch eine Aufsicht, die das Einhalten der Kriterien prüft – sonst sind Siegel eher ein buntes Feigenblatt statt Nachweise für Nachhaltigkeit und Fairness“, sagte Krause.

Die Expertin ist überzeugt, dass staatliche Mindestanforderungen den Siegel-Dschungel lichten und Klarheit und Orientierung für Produzenten und Verbraucher bringen könnten, was unter sozial- und ökologisch verantwortlicher Produktion zu verstehen sei. Der Blaue Engel und das europäische Umweltzeichen seien hingegen „freiwillige Umweltzeichen, die Kriterien vorgeben um das Umweltzeichen tragen zu dürfen“. Das EU-Bio-Siegel basiere demgegenüber auf der EG-Öko-Verordnung – quasi ein Gesetz. „Hier gibt es klare Kriterien, die durch staatliche Stellen kontrolliert und bei Verstößen auch sanktioniert werden“, so Krause.

Bundesregierung sieht Vielzahl der Siegel kritisch

Auch die Bundesregierung scheint nicht sehr angetan davon zu sein, dass inzwischen sehr viele Siegel vergeben werden. Die Anstrengungen von Siegel-Initiativen und Unternehmen, die Verbraucher über nachhaltig hergestellte Produkte zu informieren, werde zwar grundsätzlich begrüßt, heißt es in der Antwort auf die Grünen-Anfrage. Gleichzeitig sehe man aber „in der Vielzahl der Siegel eine Herausforderung für Verbraucher und Verbraucherinnen, informierte Kaufentscheidungen treffen zu können“.

Die Bundesregierung empfiehlt daher das von ihr initiierte Verbraucherportal siegelklarheit.de, um sich über gängige Umwelt- und Sozialsiegel zu informieren. Für das Portal seien „produktgruppenspezifische Mindestkriterien“ in den Bereichen Glaubwürdigkeit, Sozialverträglichkeit und Umweltfreundlichkeit festgelegt worden. Damit gebe es einen „Benchmark für Siegel, der die Unterscheidung zwischen vertrauenswürdigen, inhaltlich anspruchsvollen und weniger vertrauenswürdigen Siegeln erlaubt“.

Die Verbraucherschützer überzeugt das nicht. „Die Mindestkriterien, die das Portal siegelklarheit.de festgelegt hat, haben keine Auswirkungen auf die Siegellandschaft“, sagte VZBV-Expertin Krause. „Es sind keine Kriterien die die Produktion von Gütern sowie Nutzung und Auslobung von Nachhaltigkeitseigenschaften verändern.“ Zudem liste siegelklarheit.de nur Siegel, die eine „positive Bewertung“ also einen „Smiley“ erhalten hätten. „Der Siegel-Dschungel wird dadurch nicht gelichtet.“ Im Gegenteil: Die „schwachen“ oder „ambitionslosen“ Siegel, die für Verwirrung auf dem Markt sorgten, existierten weiter. 

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1 Kommentar zu "Verbraucherschutz: Gute Siegel, schlechte Siegel"

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  • Unsere grünsozialistische Merkelregierung blickt doch bei so vielen Siegeln gar nicht mehr durch.
    Bei Trump und Putin gibt es sowas nicht.

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