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Verkehr und Klimaschutz Streit um die Zukunft der Flugreise: Wie lange dürfen wir noch fliegen?

Die Bundesregierung ringt darum, wie wir uns künftig fortbewegen: SPD und Grüne wollen weniger Flüge, CDU und CSU setzen auf Wachstum und Innovation.
16.06.2021 - 07:54 Uhr 1 Kommentar
Unter all den negativen Vorzeichen sollen die Luftfahrtindustrie und die Fluggesellschaften noch dafür sorgen, dass sie bis 2050 klimaneutral fliegen. Quelle: picture alliance/dpa
Flughafen Frankfurt

Unter all den negativen Vorzeichen sollen die Luftfahrtindustrie und die Fluggesellschaften noch dafür sorgen, dass sie bis 2050 klimaneutral fliegen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Berlin Wenn sich die Bundesregierung an diesem Freitag mit der Luftfahrtbranche zur Nationalen Luftfahrtkonferenz trifft, will sie einig in der Frage auftreten, wie es weitergeht mit dem Flugverkehr nach der Pandemie. Der Luftfahrtkoordinator der Regierung, Thomas Jarzombek (CDU), sagt: „Wir bauen Technologieprogramme, mit denen wir die Wettbewerbsfähigkeit der Luftfahrtindustrie erhalten wollen.“

Der Koordinator für Güterverkehr und Logistik, Steffen Bilger (CDU), ergänzt: „Wir sind optimistisch für den Luftverkehrsstandort.“ Er vermute, dass „wir wieder an die Vor-Corona-Zeit anknüpfen können“. Eine „gemeinsame Erklärung“ haben das Bundeswirtschafts- (BMWi) und das Bundesverkehrsministerium (BMVI) für die Bundesregierung erstellt, damit die Branche Planungssicherheit erhält.

Doch darauf werden die Unternehmen warten müssen, auch wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Konferenz teilnehmen wird. Ob nun Fluggesellschaften wie Lufthansa oder Hersteller wie Airbus: Sie erleben, wie an ihnen im Bundestagswahlkampf ein Exempel statuiert werden soll. Es geht um die Grundsatzfrage: Wie bewegen wir uns in Zukunft fort, wenn wir zugleich das Klima retten wollen? Werden wir noch fliegen oder nur noch Bahn fahren? Entscheidet der Staat mit Verboten oder der Markt?

Hinter den Kulissen fliegen bereits die Fetzen zwischen den von CDU und CSU geführten Ministerien für Wirtschaft sowie Verkehr auf der einen und dem von der SPD geleiteten Bundesumweltministerium (BMU) auf der anderen Seite.

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    Die „gemeinsame Erklärung“ sei „lückenhaft“, „unausgewogen“ und „einseitig aus einer ausschließlich wirtschafts- und verkehrspolitischen Betrachtung heraus“, attestierte die Umwelt-Abteilungsleiterin ihren Kollegen in einem Brief, der dem Handelsblatt vorliegt, und stellte klar, „eine Mitzeichnung der übersendeten ‚Gemeinsamen Erklärung‘“ sei „nicht möglich“. Die Ministerien sollten bei der Nationalen Luftfahrtkonferenz erklären, „dass es sich um ein Papier der Unterzeichnenden und nicht um ein Positionspapier der Bundesregierung handelt“.

    Für die Luftfahrtbranche kann es schlimmer kaum kommen, schließlich geht es um ihre Zukunft nach der Coronakrise. Dass sie überhaupt noch eine hat, überrascht ohnehin: 2020 brach der Luftverkehr weltweit zusammen, zuvor potente Fluggesellschaften wie die Lufthansa stehen inzwischen unter staatlicher Kuratel, Flughäfen kommen nur noch mit umfangreichen staatlichen Hilfen über die Runden, und der neue Hauptstadtflughafen BER ist eigentlich pleite.

    Es braucht neue Technologien – und viel Geld

    Unter all den negativen Vorzeichen sollen die Luftfahrtindustrie und die Fluggesellschaften noch dafür sorgen, dass sie bis 2050 klimaneutral fliegen. Dazu brauchen sie neue Technologien – und viel Geld, um diese zu entwickeln.

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    Wie dies gelingen soll ist unklar. Im Entwurf des Wahlprogramms der Union heißt es: Die deutsche Luftverkehrswirtschaft verbinde Deutschland mit der Welt. Sie solle „zum Technologieführer für das klimaneutrale Fliegen werden“, zugleich sollten „am Standort Deutschland synthetische Kraftstoffe entwickelt und produziert werden“ und Flüge von der Luftverkehrssteuer befreit werden, wenn sie alternative Kraftstoffe einsetzen. Flugtaxis soll die Zukunft gehören und „die Luftfahrt ein preislich wettbewerbsfähiger Verkehrsträger“ bleiben.

    Für die SPD scheint dies inakzeptabel. „Bahnfahren soll innereuropäisch günstiger und attraktiver als Fliegen sein“, fordert die Partei von Umweltministerin Svenja Schulze im Wahlprogramm. Im BMU arbeiten viele, die den Grünen nahestehen.

    Für die Ökopartei ist Fliegen „die klimaschädlichste Fortbewegungsart“, wie im Wahlprogramm steht. Nach ihrem Willen soll es ab 2030 keine Kurzstreckenflüge mehr geben, zu denen auch innereuropäische Flüge zählen. Die Menschen sollen Bahn fahren. Langstreckenflüge „gilt es zu vermindern und das Fliegen zu dekarbonisieren“.

    Dazu wollen die Grünen Kerosin besteuern, ein „echtes Nachtflugverbot“ durchsetzen, die Beimischungsquote von klimaneutralen Treibstoffen kontinuierlich erhöhen und unwirtschaftliche Flughäfen schließen.

    Umweltministerium will weniger Luftverkehr

    Kein Wunder, dass dem BMU die Maßnahmen der CDU- und CSU-geführten Ressorts missfallen. Dabei finden sich in der Erklärung, die auch die Branchenverbände BDL und BDLI unterschreiben sollen, durchaus für die Luftfahrt unangenehme Bekenntnisse, etwa mehr auf die Bahn zu setzen. Allerdings heißt es in der Erklärung auch, dass sich Kurzstreckenflüge besonders eigneten, um alternative Antriebe einzusetzen, ebenso bei Flugtaxis, die als „Wachstumsmarkt“ beschrieben werden.

    Doch will das Umweltressort nach Corona deutlich weniger Luftverkehr: Weniger Lärm, weniger Emissionen, lautet das Credo. „Vorschläge zur Reduzierung der Schadstoffemissionen und des Fluglärms fehlen völlig“, schreibt die Abteilungsleiterin. Obendrein seien mögliche klimaneutrale Kraftstoffe im Luftverkehr noch Zukunftsmusik und daher „realistisch“ einzuordnen.

    BMWi und BMVI setzen hingegen auf die Kraft der Innovationen. „Damit die Luftfahrt ihr 2050-Ziel erreichen kann, braucht es zeitnah einen Markthochlauf von aus erneuerbaren Quellen gewonnenem Power-to-Liquid-(PTL-)Kerosin“, fordern sie, auch wenn der Weg dorthin lang ist. So soll der Luftverkehr ab 2026 erst 0,5 Prozent des verwendeten Treibstoffs aus PTL nutzen, ab 2030 sollen es zwei Prozent sein.

    Die Mehrkosten in Milliardenhöhe will der Staat tragen, um zu verhindern, dass es sonst zu „Wettbewerbsverzerrungen und in der Folge zu Verkehrs- und reinen Emissionsverlagerungen zugunsten außereuropäischer Umsteigeflughäfen“ komme.

    Branche soll ihre Flotte erneuern

    Kurzfristig soll die Branche ihre Flotte erneuern. „Eine neue Generation an Verkehrsflugzeugen emittiert bis zu 25 Prozent weniger CO2 als die Vorgängergeneration“, heißt es. Wegen Corona fehle aber das Geld.

    Der Bund wolle mit einem Förderprogramm einen wirtschaftlichen Anreiz für die Flottenerneuerung geben, allerdings liege dies noch zur Genehmigung bei der EU-Kommission. Die Branche will bis 2035 ein wasserstoffbasiertes Flugzeugkonzept zur Marktreife bringen. Aber auch da gibt es Unsicherheiten, etwa bei der Wasserstoffproduktion. Fest steht: Die Flugzeuge werden kleiner, von 40-Sitzern ist die Rede.

    Die Sorge bei den Airlines ist daher groß, dass es nach der Wahl eng für sie werden könnte. Intern diskutierte das Management der Lufthansa bereits mit dem Aufsichtsrat über das „Wohlstandsniveau“, wenn die Grünen an die Regierung kommen. Es ging um die Möglichkeit der Kunden, mehrfach pro Jahr in den Urlaub zu fliegen, und darum, viele Flüge anbieten zu können. All das steht zur Disposition – und damit Umsatz und Gewinn.

    Der letzte Hoffnungsschimmer wären im Falle einer grünen Regierungsbeteiligung die „Realos“ bei den Grünen, zu denen der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehört.

    Im neuen Koalitionsvertrag seiner grün-schwarzen Regierung heißt es: „Zu einer funktionierenden Infrastruktur im Land gehört auch der Luftverkehr. Ein wettbewerbsfähiger Luftverkehrsstandort ist Grundlage des weltweiten Außenhandels sowie der Tourismuswirtschaft.“

    Am Freitag sollte der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir stellvertretend für die Verkehrsministerkonferenz der Länder das Papier unterzeichnen. Der Grüne weiß um die wirtschaftliche Bedeutung des größten deutschen Flughafens Fraport – auch wenn seine Mutter einst gegen eine weitere Startbahn demonstriert hatte. Und doch: Er werde nicht unterschreiben, „weil bislang kein abgestimmter Entwurf der Bundesregierung“ vorliege, wie seine Sprecherin erklärte.

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    • Im Jahr 2019 starteten von Deutschland aus 124 Mio. Fluggäste ihre Flüge. Bei 80 Mio. Einwohnern. Weltweit gab es 2018 4,2 Milliarden Flugpassagiere bei 7,6 Milliarden Einwohnern in 2018. Wenn die ganze Welt so viel fliegen würde, wie die Deutschen, würde die Zahl der Flugpassagiere weltweit nahezu auf das 3-fache Niveau steigen. Der Luftverkehr hat ca. 2,8 bis 3,0% vom weltweiten CO2 Ausstoß. Es darf jeder selbst werten, ob die restliche Menschheit für immer weniger fliegen sollte, als die Deutschen oder ob eine Verdreifachung der Flüge kein Problem darstellt für den Planeten. China hat beispielsweise ein enormes Wachstum bei der Anzahl der Flüge hinter sich und der Wohlstand wird dort weiter steigen. Also noch mehr Flüge.

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