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Verkehrswende Wissenschaftler halten lokale Fahrverbote für wenig sinnvoll

107 Lungenärzte zweifeln Diesel-Fahrverbote an. Die Bundesregierung hat deshalb eine Untersuchung in Auftrag geben – und die kommt zu ähnlichen Ergebnissen.
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Die Wissenschaftler (v. l.) Jos Lelieveld, Manfred Hennecke und Martin Lohse kritisieren begrenzte Fahrverbote als „kurzfristigen Aktionismus“. Quelle: imago images / Jürgen Heinrich
Vorstellung der Ergebnisse

Die Wissenschaftler (v. l.) Jos Lelieveld, Manfred Hennecke und Martin Lohse kritisieren begrenzte Fahrverbote als „kurzfristigen Aktionismus“.

(Foto: imago images / Jürgen Heinrich)

BerlinFührende Wissenschaftler halten begrenzte Diesel-Fahrverbote auf einzelnen Straßen für wenig hilfreich, um die Luft in den Städten zu verbessern. Sie sprechen von „kurzfristigem Aktionismus“. Die Experten der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina empfehlen stattdessen eine umfassende Strategie und eine grundlegende Verkehrswende – mit einem Ausbau vor allem des öffentlichen Nahverkehrs.

Die Wissenschaftler sehen es nicht als vordringlich an, Stickstoffdioxid-Grenzwerte zu verschärfen, die in vielen Städten vor allem durch Dieselabgase überschritten werden. Grundsätzlich aber müsse mehr getan werden, um den Ausstoß von Schadstoffen zu verringern. Das gelte auch für Feinstaub und Treibhausgase.

Vor allem der EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft war in die Kritik geraten, nachdem eine Gruppe von 107 Lungenärzten den gesundheitlichen Nutzen angezweifelt hatte. Um Klarheit zu schaffen, hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Leopoldina um eine Stellungnahme gebeten. Der Arbeitsgruppe gehörten 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten an.

Da der NO2-Grenzwert in vielen deutschen Städten überschritten wird, könnte es zu mehr Fahrverboten für ältere Diesel kommen. Bisher sind in Hamburg zwei Straßenabschnitte gesperrt, in Stuttgart ein großer Teil des Stadtgebiets.

Die Wissenschaftler kritisieren in ihrer Stellungnahme eine Verengung der Debatte auf NO2 als „nicht zielführend“. Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Er könne die Sterblichkeit erhöhen und Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems oder auch Lungenkrebs verursachen. Die Politik solle prüfen, ob die Grenzwerte verschärft werden sollten. Feinstaub stammt etwa aus Dieselruß, Reifenabrieb oder Abgasen von Industrie, Kraftwerken und Heizungen.

Die Experten bestätigten aber auch die Gesundheitsgefahr von Stickoxiden (NOx). Sie könnten Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und trügen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Damit wurde die Kritik der 107 Lungenärzte in zentralen Punkten zurückgewiesen.

Der Autor des Papiers, Dieter Köhler, hatte Rechenfehler eingeräumt, war aber dabei geblieben, dass Risiken und die Grenzwerte wissenschaftlich nicht hinreichend belegt seien. Martin Lohse, Vizepräsident der Leopoldina, sagte, Köhler habe sich „vergaloppiert“, obwohl er einen Finger in die Wunde gelegt habe.

Weder für Stickstoffdioxid noch für Feinstaub lässt sich den Wissenschaftlern der Leopoldina zufolge ein exakter Wert nennen, unterhalb dessen keine Gesundheitsfolgen zu erwarten seien. Am Ende seien Grenzwerte eine Entscheidung der Politik.

Um die Luftqualität nachhaltig zu verbessern, seien „lokale Maßnahmen und kurzfristiger Aktionismus“ wenig hilfreich - etwa „kleinräumige und kurzfristige Beschränkungen“, die sich gegen einzelne Verursacher der NO2-Belastungen richteten. „Dies gilt unter anderem für Straßensperrungen und isolierte Fahrverbote, die zu einer Verkehrsverlagerung in andere Stadtgebiete führen“, hieß es.

Empfehlung für Verkehrswende

Zudem mahnte die Gruppe, der Kampf gegen NO2 dürfe nicht dazu führen, dass klimaschädliche CO2-Emissionen stiegen. Ein kompletter Austausch der Dieselflotte durch Benziner gleicher Gewichtsklasse und gleicher Motorleistung sei nicht empfehlenswert. Diesel stoßen bei gleicher Motorenleistung mehr Stickstoffoxid aus, aber weniger CO2. Vielmehr seien „neue Mobilitätskonzepte vor allem in städtischen Ballungsräumen“ notwendig, so die Experten.

Sie sprachen sich generell für eine Verkehrswende aus. Dazu zählten alternative Antriebe wie Elektromotoren, ein besseres Verkehrsmanagement und Geschwindigkeitsbeschränkungen auf städtischen Autobahnen sowie ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Der Klimaexperte Ottmar Edenhofer sagte, die Verkehrswende senke beim Feinstaub die Risiken für die Gesundheit der Menschen und beim CO2 die Risiken der globalen Erwärmung.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte, die Leopoldina bestätige seine Strategie. Das zwei Milliarden-Paket für saubere Luft etwa zur Umrüstung von Dieselbussen und Ausbau der E-Mobilität sei wirksam. Streckenbezogene Fahrverbote seien der falsche Weg. Scheuer forderte außerdem erneut eine Debatte über Schadstoffgrenzwerte, sie dürften nicht „politisch-ideologisch festgesetzt“ sein.

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) fühlte sich bestätigt. Der Bericht zeige, dass Luftschadstoffe im Vergleich mit anderen Umweltfaktoren am stärksten die Gesundheit gefährden könnten, damit sei der Fokus auf Luftqualität „zwingend notwendig“.

Die Leopoldina empfehle, den NO2-Grenzwert beizubehalten und die Grenzwerte für Feinstaub zu verschärfen. Da es keinen Schwellenwert für die Gesundheitsgefahr gebe, erscheine es umso wichtiger, sich „eher an schärferen als an schwächeren Grenzwerten zu orientieren“.

Das Umweltbundesamt (UBA) schloss sich der Einschätzung an, dass kleinräumige Fahrverbote für einzelne Straßen nicht der richtige Weg seien, und empfahl stattdessen „weiträumige Umweltzonen“, die die gesamten Kerngebiete der Innenstädte umfassten.

Brexit 2019
  • dpa
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1 Kommentar zu "Verkehrswende: Wissenschaftler halten lokale Fahrverbote für wenig sinnvoll"

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  • Ja wie üblich, Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) deutet die Studie um und glaubt, dass ihre Schwachsinnsforderungen durch die Studie bestätigt würden, was aber nur meine Vermutung bestärkt, entweder kann sie nicht richtig lesen oder versteht gelesenes nicht.
    Die Studie sagt eindeutig, dass es keine wissenschaftlichen Schellenwerte für Schadstoffe gibt, vor allen bei NOX, ab denen diese nachweisbar Gesundheitsschädlich sind und die fingierten Todeszahlen pro Jahr sind damit obsolet. Grenzwerte sind damit immer nur politische Werte.
    Schadstoffe müssen reduziert werden, dieser Aussage der Studie kann man voll und ganz zustimmen. Nur sinken die Luftschadstoffe seit jahrzehnten kontiunierlich. Konzentrationen die wir vor 20 Jahren nicht einmal messen konnten sind heute meßbar und werden zur Panikmache mißbraucht.
    Feinstaub ist laut der Studie ein Problem, nur Feinstaub produziert auch ein Elektroauto und kaum weniger als ein Verbrenner. Nach Studien kommen bei 10000 km etwa 0,8 bis 1,2 kg Reifenabrieb je Pkw, da ist der Bremsstaub zwar gering nicht enthalten. E-Autos sind aufgrund ihrer Akkus ca. ein plus von 700-1000 kg minus ca, 250kg für Entfall Verbrennungsmotor und Getriebe bleibt ein mehr von 450 - 750 kg. Dies verursacht mit der stärkeren Beschleunigung einen höheren Reifenabrieb so dass ein vergleichbarer E-Pkw eher bei 1,2 kg liegen dürfte. Dann stellt sich noch die Frage wie der Strom hergestellt wird? Braunkohle?
    Der E-Hype wird wie eine Sau durchs Dorf getrieben und alle springen drauf.
    Was aber jeder tun kann, nur noch das Notwendigste fahren. Wochenendspazierfahrten müssen ja nicht wirklich sein und sind nicht notwendig.
    Der öffentliche Nahverkehr, na ja. Nur weil ich Mensch bin mich auf einen 1/4m² in Bus und Bahn zusammenquetschen mit intensiven kontakt zum Nachbarn mit allen Gerüchen usw., im Tierschutz ist das verboten da steht jedem tier mehr Platz zu..