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Vermögensverteilung IWF macht Familienunternehmen für Ungleichheit in Deutschland verantwortlich

Dem Währungsfonds zufolge verstärkt sich die Ungleichheit in Deutschland immer mehr. Als Quell des Übels macht der IWF die Familienunternehmen aus.
16 Kommentare
IWF macht Familienunternehmen für Ungleichheit verantwortlich Quelle: dpa
Maschinenbau

Die Erfolge der exportstarken Familienunternehmen haben den Effekt der Einkommensungleichheit seit dem Jahr 2000 erheblich verschärft, urteilt der IWF.

(Foto: dpa)

Berlin Auf wenig ist die Exportnation Deutschland so stolz wie auf ihren starken unternehmerischen Mittelstand: Ohne ihn hätte das wirtschaftsstärkste Land Europas die tiefe Rezession nach der Finanzkrise nicht so schnell überwunden. Ohne ihn wäre die Wirtschaft generell anfälliger für externe Schocks. Ohne die großen Familienunternehmen wären Arbeitnehmer viel stärker dem angelsächsischen „Hire and fire“-Kapitalismus ausgesetzt.

Die Familienunternehmen sorgen für soziale Ausgewogenheit in dem Land mit seiner ausgeprägten Mittelschicht, lautet der breite Konsens in Deutschland.

Das Gegenteil ist der Fall, sagt nun in nie gekannter Deutlichkeit der Internationale Währungsfonds (IWF). „Deutschland ist eines der Länder mit der höchsten Vermögens- und Einkommensungleichheit der Welt“, schreiben die IWF-Ökonomen in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Mehr noch: Die Ungleichheit verstärke sich quasi automatisch immer mehr.

Als Quell des Übels macht der IWF die großen Familienunternehmen aus: Dort konzentriere sich der Reichtum des Landes in den Händen einiger weniger. Die Erfolge der exportstarken Familienunternehmen, vor allem in China, hätten den im System angelegten Effekt seit dem Jahr 2000 erheblich verschärft.

„Deutschlands Erfolg auf globalen Exportmärkten muss vor dem Hintergrund seiner hohen Vermögensungleichheit betrachtet werden, um die Treiber hinter dem Anstieg der privaten Ersparnisse und der Zunahme des Leistungsbilanzüberschusses zu verstehen“, schreiben die Ökonomen.

Konkret arbeiten sie heraus, dass in den vergangenen beiden Jahrzehnten einerseits Zurückhaltung der Arbeitnehmer bei den Löhnen und andererseits die hohe Sparquote des reichsten Prozents auch die Einkommensungleichheit verstärkt habe. Die wachsende Einkommensungleichheit wiederum verstärke die Vermögensungleichheit. „Vermögens- und Einkommensungleichheit sind eng miteinander verbunden“, urteilt der IWF.

Bisher herrschte in Deutschland die Sicht vor, dass zwar die Vermögen ungleich verteilt seien, nicht aber die Einkommen.

Ein wichtiger Indikator dafür, dass Deutschland eines der Länder mit der höchsten Ungleichheit der Welt sei, ist laut IWF das sogenannte Median-Vermögen von 61.000 Euro. Es besagt, dass die Hälfte der Bevölkerung weniger und die andere Hälfte mehr Vermögen besitzt.

Nur wenige Immobilienbesitzer in Deutschland

Der Wert von 61.000 Euro in Deutschland ist nur etwas höher als in Polen, aber niedriger als in Griechenland und erheblich niedriger als im Durchschnitt der Euro-Länder, der bei 100.000 Euro liegt. Gleichzeitig ist der Anteil des reichsten Prozents am Gesamtvermögen mit 24 Prozent mit der höchste in Europa.

Zum einen liege das an der sehr niedrigen Immobilieneigentumsquote in Deutschland. Zum anderen aber auch daran, dass nur sehr wenige Menschen hierzulande Eigentum an Unternehmen hielten. Wer große Vermögen halte, könne mehr sparen als Gehaltsempfänger.

„Die Einkommensungleichheit in Deutschland mag weniger schwer wiegen als in Großbritannien, den USA, Japan und Korea, aber ihre Zunahme in den vergangenen Jahrzehnten war steil“, schreibt der IWF. Vor allem zwischen den Jahren 2000 und 2007 sei der Gini-Koeffizient, der Maßstab für die Verteilung des verfügbaren Einkommens, stark gestiegen.

Nach 2009 ist laut IWF ein Großteil des Wohlstandszugewinns in Form einbehaltener Gewinne von Familienunternehmen angefallen. Er komme damit nur wenigen zugute. Die Unternehmensteuerreformen 2001 und 2008, die einbehaltene Gewinne steuerlich begünstigten, hätten diesen Effekt noch verstärkt.

Der IWF beschreibt zudem die Gleichzeitigkeit eines nach oben schnellenden Leistungsbilanzüberschusses seit der Jahrtausendwende mit der Zunahme der Top-Einkommen. Die unteren und mittleren Einkommen dagegen hätten auf gleichbleibendem Niveau verharrt, erklärt der IWF. Die Konsumquote am Bruttoinlandsprodukt sei deshalb gesunken.

Außerdem würden die Bezieher niedriger Einkommen stärker unter den Niedrigzinsen auf ihre Ersparnisse leiden, weil sie weniger Mittel hätten, zum Beispiel Immobilien zu erwerben. Mit all diesen Befunden dürfte der IWF in Deutschland Wasser auf die Mühlen von Globalisierungskritikern leiten, die seit Langem bemängeln, dass der Exportboom nur wenigen zugutekomme.

Der IWF gibt der Bundesregierung auch klare Empfehlungen, wie sie politisch gegen den Automatismus, dass Reiche reicher und Arme ärmer werden, vorgehen kann. Zum einen sollte sie die Wagniskapitalförderung für Start-ups so reformieren, dass Börsengänge einfacher und für die Unternehmen billiger werden: Dann, so meinen die Ökonomen, könnten sich breitere Kreise am Aktienerwerb beteiligen.

Vor allem aber brauche Deutschland höhere Steuern auf Vermögen. Vor allem die Erbschaft- und Schenkungsteuer müsse höher sein, verlangt der IWF. Sie trage bisher nichts dazu bei, der Vermögenskonzentration bei wenigen Familien entgegenzuwirken.

Mehr: Die Ungleichheit bei Erwerbseinkünften ist global zwar etwas zurückgegangen, doch in Deutschland ist das anders. Hierzulande öffnet sich die Schere weiter.

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16 Kommentare zu "Vermögensverteilung: IWF macht Familienunternehmen für Ungleichheit in Deutschland verantwortlich"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Es ist richtig, dass die Superreichen Geld verdienen ohne Ende; aber z.B. Quandt / Klatten sind kein Mittelstand. In meiner Region fängt der Mittelstand bei Firmen ab etwas 100 MA an. Die haben andere Sorgen als viele Millionen zu scheffeln.

  • Die Aussage des IWFs ist ganz klar und unmissverständlich. Vermögen wird im Gegensatz zur Arbeit zu schwach besteuert. Die oberen 10% müssen mehr abgeben oder in Umwelt, Bildung und Infrastruktur investieren. Die Familien Quandt/Klatten und Porsche/Piech könnten mal einen großen Batzen für die Elektro Ladeinfrastruktur zahlen anstatt gleich wieder nach dem Staat zu rufen. Fast 100Jahre haben sie riesige Summen Geld mit dem Auto gemacht, wenn sie das weiter machen wollen, dann müssen sie auch substantiell von Ihrem Vermögen in solch öffentlich anerkannte Infrastrukturmaßnahmen investieren oder in Bildung und Umwelt. Und das die Immobilien Besitzquote wegen der Grunderwerbssteuer so niedrig ist, dass ist doch ein übler Scherz. In Düsseldorf und Umgebung kann sich kaum einer ohne Unterstützung von vermögenden Eltern/Verwandten Eigentumswohnung geschweige Haus leisten.

  • Es mag sein, dass der Immobilienbesitz in Deutschland zu gering ist, das finde ich auch. Darum stehen andere Länder wie selbst Griechenland ja besser da. Warum schlägt der IWF dann nicht vor, mal die ganzen Steuern auf Immobilienerwerb oder Besitz zu senken sowie die horrenden Nebenkosten (Strom, Wasser, etc.)? Ich sehe einfach keinen Sinn darin, die Erbschaftssteuer zu erhöhen oder Vermögenssteuern zu erheben. Das wird keinem dazu verhelfen, in Deutschland eine Immobilie erwerben oder sein Geld in Aktien investieren. Dieser Staat wird immer sozialistischer.

  • Die Leistungsstarken für die Vermögensunterschiede verantwortlich zu machen, ist schon „ein Stück weit dreist". Seit Jahren steigen die Sozialausgaben. Gleichzeitig wird eine steigende „Schere“ beklagt. Vielleicht ist es genau entgegengesetzt. Die steigenden Sozialausgaben führen dazu, dass die persönliche Antriebskraft nachlässt. Das gilt insbesondere dann, wenn die Leistungen nicht nach dem Subsidiaritätsprinzip, d.h. nur derjenige erhält Leistungen, der nicht in der Lage ist sich selbst zu helfen, vergeben werden.
    Im Übrigen werden wir nicht "reicher" wenn es keinen Mittelstand gäbe. Aber die Statistiker rechnen uns vor, das wir im Median ärmer werden, wenn bspw. Bill Gates Deutscher werden würde.

  • Familienunternehmen investieren in Unternehmen. Wenn diese Form der Vermögensbildung
    in nachhaltiger Form in Deutschland mit zum Lehrplan gehören würde, wäre das imho schon ein Schritt in die richtige Richtung. Im Unterschied zu Polikern haften Familienunternehmer für ihre Entscheidungen.
    Wenn ein Politiker die "Verantwortung" für seine Fehler übernimmt, tritt er bei vollen Bezügen zurück. Also bezahlte Freizeit. Eigentlich ein schlechter Scherz auf unsere Kosten.
    Eine Lehre könnte sein: Angeglichende Regeln für Politiker und Geschäftsführer; und irreführende Wahlwerbung auch strafbar machen. Dann wären die Großkoalitionäre schon draußen, die Abschaffung des Soli hatten beide versprochen.

  • An Herrn Otto Meyer, ja das ist problematisch. Die hohe Mobilität nutzt nur den Familienunternehmen. Wer ein bezahltes Eigenheim sein Eigen nennt, der ist vermutlich auch schon eine Stufe weiter und muss nicht zum Mindestlohn in zig Kilometern Entfernung jeden Drecksjob machen nur weil er Angst hat aus der Wohnung geklagt zu werden weil er die Miete nicht mehr bezahlen kann. Und natürlich profitiert die Volkswirtschaft, allerdings profitieren die jeweiligen Akteure unterschiedlich stark.

  • Die Familienunternehmer haben etwas richig gemacht, und daher wäre es doch toll, wenn das Wissen und die Fähigkeiten, welche dies ermöglicht haben, weiteren Teilen der Bevölkerung zugänglich und nutzbar wäre.
    Zur Basis des erfolgs gehört: Die Übernahme der persönlichen Verantwortung, lebenslanges Lernen, Verständnis von Bedarf, Markt und Menschen, Stakeholder Philosophie (ein nachhaltig erfolgreiches Handeln funktioniert nur, wenn alle Beteiligten langfristig ehrlich & fair beteiligt bleiben).
    Für die Nicht - Familien Unternehmer hat der Staat die Fürsorge übernommen. Das Ergebnis erinnert an Elbphilharmonie, Stuttgart 21, und den Flughafen in Berlin. Wenn dieses mehr und mehr sozialistische und bürokratische System schecht funktioniert, wäre die Selbstreflexion sicher hilfreicher als der typische Versuch,
    die Schuld auf Andere zu schieben.
    Hier ein paar Hinweise zum Staatsversagen auf breiter Front: Zurecht ist das Vertrauen in die Politik ist auf dem Tiefststand. Und dies, obwohl die und die Steuer- und Abgabenlast auf dem Höchststand ist, also nach Kräften umverteilt und belastet wird.
    Die Bankenkrise war in Deutschland eine Krise der staatlich kontrollierten Landesbanken.
    Die Volkswagen Dieselkrise: Der Aufsichtsrat wird dominiert (Sprerrminorität) von der Landesregierung in Niedersachen, und der IG Metall. Geschädigt wurden hier die Verbraucher und der Handel. Es gibt keine Einkommenseinbußen bei den Mitarbeitern, und die "Strafe" von 5 Mrd. hat das Land Niedersachsen erhalten.
    Also eine "Vergütung" für den Aufsichtsrat. Bei Interesse kann ich die Liste gern noch ergänzen!

  • Herr Neppe, Ihr Schlüssel ist keiner. Es geht nicht um Reinvestition oder Konsum. Die reichen Familienunternehmen werden ja immer reicher gerade weil sie so viel von den Gewinnen reinvestieren können. Sie investieren entweder in gleiche oder andere Geschäftsfelder. Und wenn Sie sich Einkommen auszahlen lassen, dann ist das oft auch so viel mehr als man zum Leben braucht, dann wird da auch wieder Geld angelegt. Diesmal dann halt in Immobilien oder anderweitig an den Kapitalmärkten...,Aktien, Fonds...etc...

  • Herr Neppe, Ihr Schlüssel ist keiner. Es geht nicht um Reinvestition oder Konsum. Die reichen Familienunternehmen werden ja immer reicher gerade weil sie so viel von den Gewinnen reinvestieren können. Sie investieren entweder in gleiche oder andere Geschäftsfelder. Und wenn Sie sich Einkommen auszahlen lassen, dann ist das oft auch so viel mehr als man zum Leben braucht, dann wird da auch wieder Geld angelegt. Diesmal dann halt in Immobilien oder anderweitig an den Kapitalmärkten...,Aktien, Fonds...etc...

  • Seltsame Logik des IWFs, als ob die Aktienscheu des Durchschnittsdeutschen etwas mti der Anzahl der an der deutschen Börse notierten Aktien zu tun hätte. Zur Erinnerung: Die Mehrheiten der DAX Unternehmen liegen weitgehend in ausländischer Hand.

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