Bundeswehr

Die deutschen Marine-Soldaten sollen neue Kampfschiffe erhalten.

(Foto: dpa)

Verteidigungsindustrie Das kampfstärkste Schiff in der Geschichte der Bundeswehr wird immer teurer

Mit MKS 180 soll die Bundeswehr ein modernes Kampfschiff erhalten. Doch das Projekt, das auch Deutschlands Werften aus der Krise führen soll, dürfte deutlich teurer werden.
Update: 16.09.2018 - 15:18 Uhr 2 Kommentare

Hamburg, KielHinter Dieter Dehlke sieht es aus wie im Krisenjahr 2008. Die beiden mächtigen Schwimmdocks sind leer; hoch im Wasser liegend versperren sie den Touristen auf der Stadtseite von Hamburg den Blick auf die Traditionswerft Blohm & Voss.

Wenig rührt sich auf dem Gelände an diesem Tag im Spätsommer. Dehlke, 53 Jahre alt, Familienvater und weit gereist im deutschen Schiffbau, hat sich an einem der Elbe zugewandten Teil der Werft aufgebaut. Vor ihm ziehen die Ozeanriesen vorbei, um am Hafen entladen zu werden. „Bald läuft hier die Arbeit wieder an, die Sommerpause geht zu Ende“, sagt der Werftchef. Die Docks würden dann erneut gefüllt.

Dehlke lenkt dabei seinen Blick auf ein frei stehendes Gebäude mit Ausblicksplattform, das alte Lotsenhaus. Als Blohm & Voss noch zu Thyssen-Krupp gehörte, wurde es mit edlen Hölzern und schweren Teppichen ausgestattet, um die Superreichen für Megajachten zu begeistern. Heute arbeiten dort vor allem Experten an den Plänen für das geplante Mehrzweckkampfschiff MKS 180.

Es soll ein Schiff der Superlative werden. Knapp 170 Meter lang, 180 Mann Besatzung und einsetzbar von der Arktis bis an den Äquator, der Stolz der Bundesmarine. Zwei Firmen bewerben sich um den Auftrag, German Naval Yards und die niederländische Damen-Gruppe. Bekommen die Holländer den Zuschlag, sollen die Schiffe auf Dehlkes Werft gebaut werden.

Für Blohm & Voss wäre es ein Befreiungsschlag. Die Werft im Hamburger Hafen ist hart von der Branchenkrise getroffen worden. So musste Dehlke die Zahl der Mitarbeiter um ein Drittel auf 600 senken. Kommt MKS 180, kann er wieder aufstocken, hofft er.

Das neue Schiff ist der wohl größte Auftrag, den die Marine seit Jahrzehnten zu vergeben hat. Und er hat eine Besonderheit: Erstmals hat das Verteidigungsministerium den Bau europaweit ausgeschrieben. Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) will so das beste Schiff erhalten.

Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS), der Hauslieferant, ist dazu aus Sicht der Berliner nicht in der Lage. Im Frühjahr schlossen sie den Platzhirsch aus dem Bieterkreis aus. Zu schlecht sei zuletzt die Qualität gewesen und zu teuer sei die Firma, hieß es. Nach jüngsten Berechnungen plant das Ministerium mit Kosten von mindestens 5,3 Milliarden Euro, wie das Handelsblatt aus Berliner Kreisen erfahren hat.

Für MKS 180 hatte der Bund anfänglich 3,5 Milliarden Euro veranschlagt. Die Beamten begründen die Steigerung mit Mehraufwendungen für eine bessere IT-Ausstattung, zudem wurden die Kosten für Trainingseinrichtungen hinzugerechnet.

Dem Verteidigungspolitiker Matthias Höhn (Linke) reicht das nicht. „Von der Leyen ist aufgefordert, Transparenz herzustellen und der Öffentlichkeit diese Kostenexplosion zu erklären“, sagte er dem Handelsblatt. In der Tat offenbart sich erst in den laufenden Gesprächen mit den Bietern der Mehraufwand, berichtet ein Beteiligter. Mit neuester Technik müsse das Gefährt gegen Cyberattacken gesichert werden. „Außerdem verlangen die Militärs Platzreserven, um das Schiff nachrüstbar zu halten.“

Vier bis sechs Schiffe vom Typ MKS 180 will der Bund anschaffen, hintereinander gereiht sind das 1.000 Meter Stahl. Der wird kosten: Die veranschlagten 5,3 Milliarden Euro reichen für vier Schiffe, der Kauf von zwei weiteren gilt als sicher.

Massive Mängel an den Booten

MKS 180 ist mehr als ein technologisch anspruchsvolles Kriegsgerät. Das Projekt hat das Potenzial, die Industrie umzugestalten. Mit Lürssen, TKMS und German Naval Yards konkurrieren drei einheimische Hersteller um Aufträge der Bundeswehr. Viel zu viele, wie Verteidigungspolitiker beklagen.

Maximal zwei, eher ein Anbieter sei nötig, sagte ein Branchenkenner. „Diese Werft müsste ihr Geschäft aber richtig verstehen.“ Zu oft hatte die Marine lange auf Schiffe warten müssen, die dann auch noch teurer und mit schlechter Qualität abgeliefert wurden.

Mahnendes Beispiel ist die Fregatte F 125, die längst im Einsatz sein sollte. Drei dieser Modelle sind aber noch immer am Hafenkai bei Blohm & Voss vertäut, sie werden von dem Altkonsortium Lürssen und TKMS gefertigt. Dazu zählt auch die „Baden-Württemberg“, die von der Marine wegen massiver Mängel zurückgegeben wurde.

Solche Fälle soll es laut Verteidigungspolitikern nicht mehr geben, das Missmanagement hätte künftig auch fatale Folgen. Denn die Bundesregierung plant eine Aufrüstung der Marine, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.

Die Bestellliste für die nächsten Jahre ist lang

In den kommenden zehn Jahren sollen laut Branchenkreisen Schiffe im Wert von über 20 Milliarden Euro angeschafft werden. Auf der Bestellliste stehen neben MKS 180 neue Korvetten, Tanker, Minenräumer, U-Boote und Aufklärer.

Das zeugt davon, wie sehr die Seestreitkräfte in den vergangenen 25 Jahren vernachlässigt wurden. „Das jahrelange Schrumpfen der Flotte ist Gott sei Dank vorbei“, sagte der Inspekteur der Marine, Andreas Krause, vor einigen Monaten. Dies ist nicht nur nötig, um altes Material zu ersetzen. Auch die Anforderungen an die Bundeswehr sind gestiegen. Rund um den Erdball soll die Marine eingesetzt werden.

Der Bedarf könnte noch steigen. Mit dem Rückzug der Amerikaner aus Europa und dem Vordringen Russlands erhöhen die EU-Staaten ihre Verteidigungsausgaben. Deutschland plant Waffenkäufe in dreistelliger Milliardenhöhe.

Ungeachtet dessen lässt die Regierung ein schlüssiges Konzept für die Neuordnung der Wehrindustrie vermissen. Die Branche ist mittelständisch geprägt; selbst die deutschen Marktführer Rheinmetall und Thyssen-Krupp liegen weit hinter Größen wie Boeing oder BAE Systems.

Mit MKS 180 könnte sich das ändern. „Das Projekt wird die Zukunft der Branche prägen“, sagte Islandar Safa, Eigner der Kieler German Naval Yards, dem Handelsblatt. Er spricht sich für eine Konsolidierung der deutschen Werften aus. „Die wird kommen, ob wir wollen oder nicht.“ In den USA und Großbritannien haben sich die Anbieter schon zusammengeschlossen, das beginnt nun auch in Kontinentaleuropa.

Die Schwergewichte Naval aus Frankreich und die italienische Fincantieri haben eine Fusion vereinbart, sie würden den unangefochtenen Marktführer schaffen.

Die Verschmelzung wird Folgen für Deutschland haben: Italien wird laut Branchenkreisen künftig seine U-Boote wohl bei Naval kaufen. Bislang war Rom Stammkunde bei TKMS, einem der führenden Hersteller konventioneller U-Boote. Auch dies dürfte Überlegungen von Thyssen-Krupp beschleunigen, seine Werften zu verkaufen.

Erstes Anzeichen: Der Konzern gliedert TKMS in eine eigene Einheit aus und dockt diese direkt am Vorstand an. Bevor die Werften abgestoßen würden, müssten sie aber saniert werden, hieß es. „Dies passiert nun.“
Safa und Lürssen dürften Interesse am Überwasser-Bereich haben, Naval und die schwedische Saab könnten TKMS komplett übernehmen, heißt es in der Branche.

Für Safa ist MKS 180 geeignet, um die Konsolidierung aktiv zu gestalten. Es sei ein international gefragtes Vorzeigeschiff. Dies würde die Auslastung verbessern. Das Geschäft werde attraktiver. Und bei Blohm & Voss senken sie die Schwimmdocks zur Freude der Touristen künftig vielleicht etwas häufiger ab.

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2 Kommentare zu "Verteidigungsindustrie: Das kampfstärkste Schiff in der Geschichte der Bundeswehr wird immer teurer"

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  • Haben Frankreich, Italien oder England jemals militärische Großaufträge europaweit ausgeschrieben? Wäre mir nicht bekannt. Die halten Arbeitsplätze und Technologie lieber im Hause

  • Das in Deutschland die geplanten Objekte immer teurer werden sind wir doch gewohnt.
    Ob Berliner Flughafen, Stuttgart 21, Elbphilharmonie etc. Wer ist der Dumme ? Natürlich der Steuerzahler.
    Bei der Bundeswehr gibt es nurr wenige einsatzfähige Panzer und Flugzeuge. Dwer ganze Laden ist desolat. Anstatt erst einmal die Grundausstattung in Ordnung zu bringen werden wieder neue Projekte in Angriff genommen.
    Frau von der Leyen ist vollständig überfordert und völlig fehl am Platz.

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