Vertriebenstiftung Ruf nach Ende des Steinbach-„Spuks“

Nach der Entscheidung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, sich aus der CDU-Führung zurückzuziehen, werden Rufe nach weiteren Konsequenzen laut. Die SPD fordert auch ihre Abberufung aus dem Menschenrechts-Ausschuss des Bundestages, der Zentralrat der Juden in Deutschland will eine Ende des „Spuks“ im rat der Vertriebenenstiftung.
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Steinbach hatte mit umstrittenen Äußerungen zur Rolle Polens vor Kriegsbeginn im Jahr 1939 für Unstimmigkeiten in der Unionsfraktion gesorgt. Quelle: dpa

Steinbach hatte mit umstrittenen Äußerungen zur Rolle Polens vor Kriegsbeginn im Jahr 1939 für Unstimmigkeiten in der Unionsfraktion gesorgt.

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, legte im Gespräch mit Handelsblatt Online der Bundesregierung nahe, gegen Steinbachs Verband auch in der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ vorzugehen. Steinbach gehe es nicht um Versöhnung, sondern um das „revisionistische Geschichtsbild“ ihres Verbandes. „Spätestens jetzt gilt es dem entschieden entgegenzutreten und dem Spuk eine klare Absage aller Demokraten zu erteilen“, sagte Kramer. „Insbesondere der außenpolitische Vertrauensschaden wirft uns um Jahrzehnte zurück.“

Steinbach hatte mit umstrittenen Äußerungen zur Rolle Polens vor Kriegsbeginn im Jahr 1939 für Unstimmigkeiten in der Unionsfraktion gesorgt. Zuvor war Steinbach von Kulturstaatsminister Bernd Neumann kritisiert worden. Neumann (CDU) hatte am Mittwoch Äußerungen der BdV-Funktionäre Arnold Tölg und Hartmut Saenger kritisiert. Tölg hatte davon gesprochen, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht habe. Die CDU-Mitglieder Tölg und Saenger sind als Mitglieder für den Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ benannt, der Zentralrat der Juden zog sich deswegen zumindest vorläufig aus dem Gremium zurück.

Zentralrats-Generalsekretär Kramer begrüßte zwar die „klare, distanzierende Reaktion“ in der CDU-Bundestagsfraktion auf Steinbach. Er schloss aber dennoch nicht aus, dass jüdische Vertreter dem Stiftungsrat endgültig fernblieben. Die aktuellen Äußerungen Steinbachs bestätigten, „wie richtig unsere Entscheidung ist, dass wir nach langem Ringen unsere Mitgliedschaft in der Vertriebenenstiftung aktuell ruhen lassen und einen Austritt nicht ausschließen“. Der Zentralrat sei der Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Polen durch eine ganze Reihe von bilateralen Kontakten und Projekten verbunden. „Wenn es nicht anders geht, dann eben außerhalb der Stiftung.“ Die Entsendung der beiden Stellvertreter des BdV in den Stiftungsrat sei eben „kein vernachlässigbarer Akt“, sondern vielmehr „Ausdruck der wahren Absichten von Frau Steinbach und des BdV, die Stiftung für Ihre Zwecke zu instrumentalisieren und bewusst die Geschichte in ihrem Sinne umzuschreiben“, so Kramer.

Die SPD fordert auch Steinbachs Abberufung aus dem Menschenrechts-Ausschuss des Bundestages. „Wer so unsensibel revisionistische Thesen verteidigt wie sie, ist nicht geeignet, in wichtigen menschenrechtlichen und historischen Fragen sachgemäß zu urteilen“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD- Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, am Freitag „Spiegel Online“.

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24 Kommentare zu "Vertriebenstiftung: Ruf nach Ende des Steinbach-„Spuks“"

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  • [23] Maximilian,
    " weil dann mit Sicherheit kein Zeitzeuge mehr lebt! Vielleicht müsste gar doch das eine oder andere Geschichtsbuch umgeschrieben werden? Wer nichts zu verbergen hat, öffnet sich .."
    Jeder Staat hat etwas zu verbergen, was der Tagespolitik schaden kann, auch Frau Merkel. Zu angemessener Zeit werden werden die Archive schon geöffnet werden. Aber deshalb wird kein Geschichtsbuch umgeschrieben.

    Ein allgemeiner Fehler ist es, nur sich selbst zu sehen und sich nicht mit der Situation des Gegenüber zu befassen. Das Verständnis füreinander würde enorm wachsen.
    "... da sehe ich Parallelen zur Kirche!"
    Guter Nachtrag! Wenn die ihre Archive öffnen, sind schlagartig alle Popen auf H4 gesetzt. Für gläubige Menschen würde eine Welt zusammenbrechen.
    Aber immerhin, Nr. 18 hat bis zum letzten Tag seine Kichensteuer bezahlt.

  • @Peter Scholz
    ".......... dann können Sie uns sicher auch sagen, weshalb die meisten Archive der Siegermächte bis 2030 verschlossen bleiben sollen!?"
    Natürlich, Sie sollen nicht wissen, was da drin steht!

    ......... weil dann mit Sicherheit kein Zeitzeuge mehr lebt! Vielleicht müsste gar doch das eine oder andere Geschichtsbuch umgeschrieben werden? Wer nichts zu verbergen hat, öffnet sich ..... da sehe ich Parallelen zur Kirche!

  • [21] Maximilian,
    ".......... dann können Sie uns sicher auch sagen, weshalb die meisten Archive der Siegermächte bis 2030 verschlossen bleiben sollen!?"
    Natürlich, Sie sollen nicht wissen, was da drin steht!
    Nächster Absatz: ich habe kein Problem mit der Nationalhymne und wenn jemand unsere Nationalflagge hisst, dann ist es sein gutes Recht. Schwarz-Rot-Gold ist für mich eine wunderschöne Farbkombination, weil ich zu den Anfängen Deutschlands stehe (1848 Pauskirche).
    ich habe nur etwas gegen das 3. Reich und gegen Leute, die es heute noch anhimmlern. Kommen Sie damit klar?
    Die Allierten? Klar haben die Fehler gemacht. Sie limitierten z.b. den Exudus und hätten vielen Menschen das Leben retten können. Das aber war Kriegspolitik; eine unmenschliche Abwägung von Prioritäten.
    1848 war eine gute Zeit, denn sie führte unmittelbar dazu, Wohnungen für den "kleinen Mann mit seiner kleinen Frau" zu bauen, die nach 30 Jahren Mietzeit Eigentum wurden. Nur dann gab es einen schrecklichen Fehler, den Hobrecht beklagte; es entstanden nach englischem Muster Arbeiter-Viertel und es konnte sich ein Proletariat organisieren. Ohne diesen Fehler gäbe es keine SPD und auch die braunen Horden hätte es nie gegeben.

    Siehe: bPS Niedenstein Hobrecht

  • @Peter Scholz
    "Ja, ich gehen den Dingen gerne auf den Grund; bin ja kein Politiker."

    .......... dann können Sie uns sicher auch sagen, weshalb die meisten Archive der Siegermächte bis 2030 verschlossen bleiben sollen!?

    @Ach so .........

    ..... nicht immer gleich die Nazi-Keule schwingen!
    ich denke seit Sarrazin treffen Sie damit die breite Mehrheit in der bevölkerung auch nicht mehr! National ist spätestens seit der WM 2006 wieder "in". Der Deutsche darf sich wieder outen, siehe Flaggen, öffentliches singen der Nationalhymne .......... vor 5 Jahren noch undenkbar!

  • @ Peter Scholz (19)

    „Diese Gesamtentwicklung ist offenbar an Frau Steinbach vorbeigegangen,
    weil es im Europa von heute nicht mehr darauf ankommt, wer was zuerst getan hat.“

    Genau das wird uns Deutschen immer vorgehalten und zwar von denen, die nicht bereit sind für ihr historisches Tun Verantwortung zu übernehmen. Nicht in Form von „Schuldanerkenntnis“, sondern in Form von Anerkenntnis der Mitverantwortung für das, was auf Grund des eigenen Tuns folgte. Mindestens zwei Staaten in Europa sind meilenweit davon entfernt auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.
    in zdfinfo gab es gestern zu diesem Thema eine „History“, gezeigt wurde u.a. der Film eines tschechischen Regisseurs, der sich mit der Rolle der Tschechen gegenüber den Sudetendeutschen 1945 – 1948 beschäftigte und dort zu heftigen Protesten führte, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein weiterer beitrag folgte aus Polen zum selben Thema.
    Das Fazit von Guido Knopp!!!: „Man muß auch den Deutschen zugestehen dem ihnen widerfahrenen Exodus in Würde gedenken zu dürfen, so, wie es andere Völker auch tun.“
    Und dies wird uns Deutschen nicht zugestanden, mit dem Hinweis auf die „Schuld“ und weil dieser Teil der Geschichte aus bequemlichkeit einfach unter den Tisch fallen soll. Von daher ist die Gesamtentwicklung keineswegs an Frau Steinbach vorbeigegangen, sie ist den ignoranten lästig geworden, weil sie auf diesen Punkt hinweist und fordert.

    Denn schon gibt es einen neuen Artikel zu Steinbach und Polen.

  • [18] yahel,
    "... haben Sie sich auch nach den Ursachen, die zu dieser Katastrophe führten, gefragt?"
    Ja, ich gehen den Dingen gerne auf den Grund; bin ja kein Politiker.
    Viele haben noch die alte Landkarte der Germanen vor Augen, bevor die Römer kamen. Von Polen war da weit und breit nichts zu sehen. An der Weichsel lebten Vandalen, nördlich die Goten und westlich die burgunder in homogenen Stammesgesellschaften ohne staatliche Organisation.
    Rom war staatlich organisiert, überlegen, machte Druck und auf sich aufmerksam. Geplagt vom Existenzkampf haben in dieser Folge die germanischen Stämme ihr Stammesgebiet verlassen und Slawen rückten nach. Das ist doch ein ganz natürlicher bis heute andauernder Prozeß des Überlebens! Die Grenzziehung bestimmte immer der Stärkere, notfalls durch Allianzen. Auch beim Völkerbund war es noch so.
    Erst durch den 2. Weltkrieg wurde dieses Manko beseitigt und seitdem leben Völker in völkerrechtlich gesicherten Grenzen. So war es im letzten Augenblick noch möglich, den Staat israel innerhalb der willkürlich gezogenen Grenzen der Kolonialmächte zu gründen. Die Siedlungspolitik israels in der Westbank ist insoweit völkerrechtswidrig.
    Um festzustellen was willkürlich gezogenen Grenzen bedeuten, muß man nicht nach Afrika schauen. Die Türkei ist mit ihrem Kurdenproblem ein sehr aktuelles Thema und man kann sich gut vorstellen, daß sie sich über jeden Kurden freut, der das Land verläßt.
    Nun, wir haben Allianzen geschlossen. Die EU hat die Grenzen geöffnet und innerhalb der äußeren Grenzen herrscht Freizügigkeit. Diese Freizügigkeit darf aber nicht die eigene Kultur und die Wirtschaft belasten. Kein EU-Mitglied will das. Sarkozys hat ein Signal gesetzt.
    So ist integration nur auf einzelne individuen anwendbar, da sie zur Assimilation führt. Werden Gruppen integriert, entstehen Subkulturen; Parallelgesellschaften mit dem Nachteil von Arbeiter-Vierteln. Die Assimilation kann dann sehr lange dauern.
    Diese Gesamtentwicklung ist offenbar an Frau Steinbach vorbeigegangen, weil es im Europa von heute nicht mehr darauf ankommt, wer was zuerst getan hat.

    ich habe hier ein buch aus dem Stern Verlag "Deutsche und Russen, 1000 Jahre gemeinsame Geschichte. Dazwischen steht das polnische Schicksal.

    http://www.bps-niedenstein.de/

  • @ Peter Scholz (17)
    „So, und nun ist es eine Frage, ob man das versteht oder nicht.“

    Sie reflektieren das Ergebnis einer langen Handlungskette von hüben und drüben, haben Sie sich auch nach den Ursachen, die zu dieser Katastrophe führten, gefragt? Aus politischer bequemlichkeit ist das die Machtübernahme der Nazis 1933. Das Verhalten aller Staaten in Europa, besonders der, die 1919 Deutsche, Österreicher, Ungarn und Ukrainer zugeteilt bekamen, werden dabei überhaupt nicht betrachtet. Ebensowenig das Verhalten der Staaten des Völkerbundes, der über die Einhaltung der Vorortverträge wachen sollte. Die Aktivitäten der Westmächte Frankreich und England in dieser Zeit interessieren auch niemanden. Dieser Teil der Geschichte wird einfach ignoriert und niemand fragt sich, weshalb die genannten Staaten ihre Archive diese Zeit betreffend weiterhin geschlossen halten. Wenn alles so klar ist, wie es seit über 60 Jahren gesagt wird, haben sie doch nichts zu befürchten und könnten sie den Historikern dieser Welt zugänglich machen.

    „ich habe das verstanden, denn ich mußte mir im Schulunterricht berge von Leichen der Konzentrationslager ansehen. ...wird mir heute noch schlecht..“

    Die habe ich in meinem Geschichtsunterricht auch gesehen, unser Geschichtslehrer hat in diesem Zusammenhang über seine russische Kriegsgefangenschaft berichtet.

  • [16] yahel,
    eine von vielen geschichtlichen Tatsachen, die es auch in meiner Familie gab.
    Meine Großeltern lebten im Dorf Schwandte nördlich von berlin wo nach dem Mauerfall die SPD-Ost gegründet wurde. Zum Kriegsende lebte dort meine Oma allein. Als die Russen kamen wurde nach Nazis gefragt und die Dörfler nannten meine Oma. Daraufhin wurde sie vergewaltigt und erschlagen.
    So, und nun ist es eine Frage, ob man das versteht oder nicht. ich habe das verstanden, denn ich mußte mir im Schulunterricht berge von Leichen der Konzentrationslager ansehen. ...wird mir heute noch schlecht..

  • @ Peter Scholz (15)

    „ich frage mich, ob man überhaupt von Vertriebene reden kann und sie eine Unterstützung bedürfen.“

    Meine Großeltern haben in Schlesien einen Hof bewirtschaftet, in einem Dorf, in dem auch Polen lebten. Als sich der Krieg dem Ende neigte, kamen diese Nachbarn auf den Hof, verprügelten meine Großmutter, vergewaltigten sie und ihre 13-jährige Tochter. Danach zündeten sie deren Hof an und jagten sie aus dem Dorf. Meine Großmutter ist mit dieser Erfahrung ins Grab gegangen, daß sie vertrieben wurde durfte sie in der DDR nicht sagen, da es dort keine Vertriebenen gab, sondern nur „Umsiedler“. Meine Tante hat über diese „Erfahrungen“ nie ein Wort verloren, wenn die Sprache auf Flucht und Vertreibung kam, verließ sie den Raum. So wie denen, ist es sehr vielen ergangen. Hier im Westen hat man sich den Kult des Verschweigens aufgebaut und sieht die Vertrieben als lästige und ewiggestrige. Keiner dieser Menschen will dorthin zurück, sie wollen lediglich anerkannt bekommen, daß sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Anlaß dazu waren die Erfahrungen mit den Gebietswegnahmen nach dem Ersten Weltkrieg und dem Umgang der aufnehmenden bzw. erst geschaffenen Staaten mit diesen Nichtstaatsbürgern, denen auch noch die durch den Völkerbund garantierten Minderheitenrechte verweigert wurden. Dies betraf nicht nur Deutsche, sondern auch Ungarrn, Ukrainer, selbst Polen und Tschechen waren betroffen, je nachdem in welchen Staat der Landstrich fiel in dem sie wohnten.

  • [4] Helmers, unser Agiprop-Spezi weiß genau was Sache ist.
    Es ist sogar schwer, allgemein von Vertreibung im Sinne von ethnischer Säuberung zu reden. Die großen Flüchtlingsströme sind zunächst einmal durch die Nazipropaganda entstanden. Stramme Nazis haben natürlich ein Flucht der etwaigen Rechtfertigung vorgezogen. Eigentlich hätte auch jeder bleiben können, wenn er nur integrationswillig und unbelastet genug gewesen wär. Viele sind geblieben und leben heute noch dort in 3. Generation. Nach der Grenzöffnung sind nicht nur aus Polen Übersiedler zu uns gekommen, es gab und gibt auch einen Gegenstrom. Ob nun Masuren oder Sonderwirtschaftszonen, wer nach Polen geht, kann dort bon leben.
    Einem erloschenen Feuer nochmals Nahrung zu geben, ist einfach verkehrt.
    ich frage mich, ob man überhaupt von Vertriebene reden kann und sie eine Unterstützung bedürfen.

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