Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Visa-Affäre Das Rückspiel gegen Joschka Fischer beginnt

Ab morgen wird in Köln der zweite Visa-Prozess verhandelt. Staatsanwalt Bülles ist fest entschlossen, die Verantwortlichkeit der Behörden für den Missbrauch klarzustellen.

KÖLN. Es hat geregnet am Morgen des 24. Juni 2002 in Weinsberg, dem Weinstädtchen nahe Heilbronn. In den Wingerten hängen noch Wolkenfetzen, als die Autos aus Köln vor dem Büro des Geschäftsmanns Heinz Martin Kübler vorfahren. Geschäftlich ist Kübler auf der Höhe in diesen Tagen, die Allianz-Vertretung läuft seit 20 Jahren mehr oder weniger erfolgreich, er baut und vertreibt Immobilien und verkauft unter der Hand Mercedes-Limousinen. Auch sein neuester Geschäftszweig macht ihm Freude: Reiseschutzpässe.

Plötzlich klingelt es. Danach wird im Leben und Arbeiten des Heinz Martin Kübler nichts mehr so sein wie zuvor. Denn vor der Tür stehen Beamte des „EK Reisepass“, einer Sonderkommission des Bundesgrenzschutzes aus Köln.

In Gang gekommen ist das alles an einem schönen Frühlingstag am Rhein, dem 30. April 2002. In seinem schlichten Büro im Kölner Justizzentrum legt Egbert Bülles den Ordner mit dem Aktenzeichen 100 JS 7/02 an. Seit einem Jahr schon hat der Kölner Oberstaatsanwalt, Leiter einer von zwei Abteilungen gegen organisierte Kriminalität, gegen eine aus der Ukraine stammende Bande von Schleusern ermittelt. Dabei ist er auch auf den Geschäftsmann Kübler gestoßen, dessen neuer Geschäftszweig – Reiseschutzpässe – sich bei den Schleusern besonderer Beliebtheit erfreut. Was Bülles zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Küblers Geschäft läuft mit Billigung, ja Unterstützung der Bundesregierung, die Kölner Ermittlungen münden in den Schleuserskandal, den Visa-Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Mag in Berlin nach dem TV-Auftritt von Joschka Fischer auch ein Spannungstief eingetreten sein in der Visa-Affäre, in Köln beginnt am morgigen Freitag vor dem Landgericht ein neues Kapitel. Denn dort treffen der Erfinder der Reiseschutzpässe und der Mann, der den Schleuserskandal ins Rollen brachte, vor Gericht aufeinander; Heinz Martin Kübler als Mitangeklagter des bereits wegen Schleuserei verurteilten Deutsch-Ukrainers Anatolij Barg und Egbert Bülles als Chefankläger. Der hat davon gesprochen, jetzt beginne sein „Rückspiel“. Und damit hat er wohl auch Joschka Fischer gemeint.

Der Angeklagte Kübler ist einer, den sie in Schwaben „Fixle“ nennen, ein cleverer Zeitgenosse, aber einer, der manchmal übers Ziel hinausschießt. Kübler trägt gerne kräftig gefärbte Krawatten unter dem dunklen Anzug, die Brille ist blau getönt, er gelt sich das Haar und fährt einen S-Klasse-Mercedes. Das Geschäft mit Reisekrankenversicherungen, die Kübler weiter auf eigene Rechnung verkauft, läuft vollautomatisiert online per Computer. Das ist Küblers Spezialität, so war das auch bei den Reiseschutzpässen. „Während wir uns hier unterhalten, habe ich 82 Policen verkauft“, sagt er. Die Kunden sitzen heute in Eritrea, Ägypten oder China.

Ob er nie daran gedacht hat, mit seinen Dokumenten Schleusungen zu fördern? „Dass die Visumvergabe nicht ordentlich geprüft wurde, das habe ich nie erwartet“, sagt der 42 Jahre alte Landwirtssohn. Dann erzählt er seine Version des Skandals.

Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen