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VW-Dieselskandal VW-Managerin sorgt mit Äußerungen zum Dieselskandal für Empörung

„Dreist“, „hochproblematisch“, „nicht hilfreich“: Mit scharfer Kritik haben Politiker auf Äußerungen der VW-Managerin Werner zum Dieselskandal reagiert. Nun soll sich die Bundesregierung einschalten.
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VW: Managerin sorgt mit Äußerungen zum Dieselskandal für Empörung Quelle: dpa
Hiltrud Werner.

Die VW-Managerin weist Ansprüche von Kunden rigoros zurück.

(Foto: dpa)

BerlinDie Äußerungen der Rechtsvorständin des Volkswagenkonzerns, Hiltrud Werner, haben es in sich und schlagen in der Politik hohe Wellen. Dass Dieselfahrer sich von VW betrogen fühlen, nimmt sie mit Bedauern zur Kenntnis. Aber, schiebt sie im Interview mit dem Handelsblatt trocken hinterher, „für Kundenklagen gibt es aus unserer Sicht keine Rechtsgrundlage“. Vielmehr hätten die Kunden „weder Verluste noch Schäden erlitten“. Die Fahrzeuge seien „sicher und fahrbereit“.

Der saarländische Verbraucherschutzminister Reinhold Jost (SPD) reagierte empört. „Die Äußerungen von Frau Werner sind dreist, verdeutlichen aber auch, dass VW die berechtigte Kritik der betroffenen Dieselfahrer und vieler Politiker gar nicht ernst nimmt“, sagte Jost dem Handelsblatt. Zugleich forderte der SPD-Politiker eine Reaktion der Bundesregierung. „Wenn die Bundesregierung nicht eindeutiger im Sinne der Verbraucher Stellung bezieht, erleichtert sie es Unternehmen wie Volkswagen, ungestraft davonzukommen und möglicherweise weiterhin zu tricksen“, sagte er.

Jost konstatierte: „Der Konzern lässt nach wie vor keinerlei Schuldbewusstsein erkennen.“ Die Botschaft an VW müsse daher lauten: „Marktmacht ist kein Freibrief für Betrug, Marktmacht bedeutet Verantwortung.“

In der Großen Koalition in Berlin regt sich ebenfalls Unmut. Natürlich müsse rein rechtlich unterschieden werden zwischen den Fällen, wo Volkswagen betrogen habe, und denen, wo das Unternehmen - wie andere auch - innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen - getrickst habe. „Für Letztes sind sie vermutlich nicht zu belangen“, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kirsten Lühmann, dem Handelsblatt. Das sei aber nur die juristische Seite.

„Viel wichtiger ist es, das Vertrauen in die deutsche Automobilwirtschaft wiederherzustellen“, betonte die SPD-Politikerin. Die Aussage der VW-Managerin, dass Kunden durch die Vorgänge der Vergangenheit „keine Verluste“ erlitten hätten, sei dabei „nicht hilfreich“, so Lühmann. „Viel eher sollten sich die Hersteller bemühen, Nachrüstungen so weit wie möglich zu unterstützen und zu finanzieren“, mahnte sie. Dazu gehöre etwa auch, dass die Automobilhersteller ihren Vertragswerkstätten nicht mehr untersagen, zugelassene Nachrüstsätze einzubauen. „Hinsichtlich der Nachrüstung ist auch das Bundesverkehrsministerium gefordert, schnellstmöglich die Voraussetzungen zu schaffen“, forderte Lühmann.

Auch die FDP reagierte mit Unverständnis. „Dass ausgerechnet bei VW, das sich ja weiter teils in Staatsbesitz befindet, so wenig Verständnis für die Folgen des eigenen Handelns vorherrscht, ist hochproblematisch“, sagte der Vize-Chef der Liberalen im Bundestag, Michael Theurer, dem Handelsblatt. „Klar ist: Für die Kunden ist ein wirtschaftlicher Schaden durch die Wertverluste entstanden.“

Es stelle sich die Frage, ob es sich bei der Schummel-Software um einen verdeckten Mangel handele, sagte Theurer weiter. Die Kunden hätten sich schließlich nach Treu und Glauben darauf verlassen, dass die Fahrzeuge gemäß deutschen und europäischen Regeln hergestellt wurden. „Kritisch hinterfragt werden muss hier auch die Rolle staatlicher Behörden“, so der FDP-Politiker, „schließlich hat das Kraftfahrtbundesamt die Zulassung erteilt.“

Der Skandal um manipulierte Dieselmotoren hat Volkswagen bisher 28 Milliarden Euro gekostet. Im Gespräch mit dem Handelsblatt bestätigte die VW-Vorständin Werner diese Zahl und erklärte, allein die Anwaltskosten hätten sich inzwischen auf „einen hohen dreistelligen Millionenbetrag“ summiert. Sie rechnet auch für 2019 mit „einem für unsere Juristen und die von uns mandatierten Kanzleien arbeitsreichen Jahr“.

Werner ist seit Februar 2017 für Recht und Integrität im Vorstand von Volkswagen zuständig. Beim Antritt in Wolfsburg sagte sie: „Wir müssen die alte VW-Überheblichkeit zurücknehmen. Wir müssen die Hosen runterlassen und dürfen nichts beschönigen.“ Inzwischen hat sich ihr Ton geändert, wie ihre aktuellen Äußerungen im Handelsblatt zeigen.

Greenpeace: Scheuer muss VW zu flächendeckenden Nachrüstungen verpflichten

Obwohl Volkswagen seit einer Dekade als Unternehmen gilt, das besonderen Wert auf die Beherrschung von sogenannten Compliance-Risiken legt, konnten die weltweit 550 mit Compliance befassten Mitarbeiter den Dieselskandal weder verhindern noch rechtzeitig entdecken. Die Folgen sind gewaltig. Viele Dieselfahrer leiden unter den sinkenden Preisen für gebrauchte Dieselfahrzeuge. Wegen überhöhter Abgaswerte haben mehrere deutsche Städte Fahrverbote ausgesprochen. Millionenfach musste der größte deutsche Automobilhersteller zudem seine Fahrzeuge zurückrufen.

Für den Verkehrsexperten der Umweltorganisation Greenpeace, Tobias Austrup, liegt auf der Hand, dass VW mit dem Dieselbetrug seinen Kunden Autos angedreht habe, die heute nahezu unverkäuflich seien. „Wer darin keinen Wertverlust sehen will, besitzt ein Ausnahmetalent in Realitätsverweigerung“, sagte Austrup dem Handelsblatt.

Scharfe Kritik äußerte der Greenpeace-Experte auch an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). „Dass der VW-Konzern sich mehr als drei Jahre vor der Selbstverständlichkeit drücken konnte, seine manipulierten Autos mit neuer Hardware in Ordnung zu bringen, hat er einem Verkehrsminister zu verdanken, der mit aller Macht beide Augen zudrückt“, sagte Austrup. „Damit nicht weiter Stadtbewohner und Autobesitzer die Folgen des Abgasskandals ausbaden müssen, muss Andreas Scheuer VW sofort zu flächendeckenden Nachrüstungen verpflichten und Städten die Möglichkeit geben, schmutzige Autos auszusperren.“

Auch juristisch läuft es derzeit gegen VW. Mehr als 400.000 VW-Kunden haben sich mittlerweile einer Musterfeststellungsklage gegen das Unternehmen angeschlossen. Die Politik habe dem Verbraucherschutz hier ein starkes Instrument an die Hand gegeben, das es nun zum Wohle der Verbraucher zu nutzen gelte, sagte Saar-Minister Jost. „Ziel der Klage ist die Feststellung, dass Volkswagen Käufer vorsätzlich sittenwidrig geschädigt hat und daher Schadenersatz schuldet.“

Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller widersprach in diesem Zusammenhang der Behauptung der VW-Managerin, VW würde überwiegend vor Gericht gewinnen. „Dies steht im Widerspruch zu den veröffentlichten Entscheidungen“, sagt der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), dem Handelsblatt.

Zuletzt habe etwa das Oberlandesgericht Köln „eindeutig gegen VW entschieden“, betonte Müller. Danach habe der Konzern seine Kunden durch den Einsatz der Manipulationssoftware „vorsätzlich sittenwidrig geschädigt“. Der Schaden sei demnach bereits dann entstanden, wenn ein Auto mit manipulierter Software erworben wurde. Ein Autokäufer könne erwarten, dass er seinen Wagen ohne rechtliche Unsicherheiten im Straßenverkehr nutzen kann, habe das Gericht weiter argumentiert. „Das deckt sich mit der Einschätzung des VZBV und gibt Rückenwind für die Musterfeststellungsklage gegen VW“, so Müller.

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4 Kommentare zu "VW-Dieselskandal: VW-Managerin sorgt mit Äußerungen zum Dieselskandal für Empörung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • gegen so viel Arroganz hilft nur Kaufboykott - auch andere Mütter.....

  • @Herr Jobst Deterding, wenn man nur aufgrund einer Quote eingestellt wurde, dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass man nicht die Qualitäten eines verantwortungsvollen Managers besitzt.

  • Wie kann man in einer hohen, wichtigen Position eines Konzern solche dämlichen Aussagen treffen,
    unbegreiflich !

  • Man darf nicht das unverantwortliche (Nicht-)Handeln der Umweltverbände und Verbraucherschutzvereine unter den Tisch fallen lassen. Während sie sonst wegen jeder Kleinigkeit ein Gewinnabführungsverfahren nach § 10 UWG gegen jedes Unternehmen anstrengen, dass auf unlautere oder gesetzwidrige Weise Gewinn erwirtschaftet hat, lassen alle (ADAC, BUND, DUH und alle Verbraucherschutzvereine) diesem Unternehmen seine unrechtmäßig erworbenen Gewinne.
    VWs Bereitschaft, jedem Kunden die Hardwarenachrüstung ohne Wenn und Aber zu bezahlen, wäre bereits mit der Klageandrohung sicher schlagartig da.
    Das riecht streng nach Korruption in den Reihen der Verbände.