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Wachstumsprognose 2030 Der Langfristgewinner: Rostock könnte sich zur Hochburg für Start-ups entwickeln

Die Hansestadt zählt zu den Regionen, die sich laut dem Forschungsinstitut Prognos bis 2030 mit am besten entwickeln werden. Woran liegt das?
20.11.2020 - 09:30 Uhr Kommentieren
Größter öffentlicher Arbeitgeber der Hansestadt. Quelle: imago images/Shotshop
Universität Rostock

Größter öffentlicher Arbeitgeber der Hansestadt.

(Foto: imago images/Shotshop)

Düsseldorf Wie wird sich die Wirtschaft in Deutschland nach der Coronakrise entwickeln? Die Experten des Beratungsunternehmens Prognos haben exklusiv für das Handelsblatt eine Wachstumsprognose bis zum Jahr 2030 errechnet – heruntergebrochen bis auf Landkreisebene. Zu den Gewinnerregionen zählt die Hansestadt Rostock. Ein Porträt über die aufstrebende Region an der Ostsee.

Ein Start-up gründen? Für Jonas Flint kam das während seines Informatik-Studiums an der Universität Rostock nicht infrage. Doch als er promovierte, nahm er an einem Ideenwettbewerb teil – und wurde so auf das Zentrum für Entrepreneurship der Uni aufmerksam. Das Zentrum unterstützte Flint und die Mitgründer bei den Formalia, half beim Netzwerken. „Die Universität hat uns den Gründergeist eingehaucht“, sagt Flint. Das war im Herbst 2016.

Heute ist er Geschäftsführer seiner Softwareentwicklungsfirma DEJ Technology, die 16 Mitarbeiter beschäftigt. „Die Gründeratmosphäre hier ist bodenständig – und Stadt und Land fördern die Start-up-Szene“, erzählt der 33-Jährige. „Rostock wird in der Öffentlichkeit als Start-up-Stadt völlig unterschätzt.“

In der Tat: Wer an Start-ups denkt, dem mögen Bilder von Berlin oder München in den Sinn kommen, aber eher nicht von der 200.000-Einwohner-Hafenstadt an der Ostsee. Doch tatsächlich wird Rostock für Start-ups immer attraktiver. „Die Wege zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Rathaus sind hier sehr kurz“, sagt Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen. Der dänische Ex-Unternehmer ist der einzige Ausländer, der die Geschicke einer deutschen Großstadt lenkt.

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    Die neue Gründermentalität wirkt sich positiv auf die gesamte Stadt aus, bescheinigen die Forscher des Beratungsunternehmens Prognos. In ihrer Modellrechnung für die Entwicklung bis 2030 steht Rostock im bundesweiten Vergleich auf dem sechsten Platz – nur einige Regionen im Berliner und Münchener Speckgürtel sowie die Stadt Leipzig sollen ihre Bruttowertschöpfung im laufenden Jahrzehnt noch stärker steigern können.

    Rostock zählt zu einer Gruppe von Städten, die von ihren Forschungseinrichtungen profitieren. Diese Orte wirkten gerade in Ostdeutschland wie „Inseln der Glückseligen“. Neben der 1419 gegründeten Universität, die heute der größte öffentliche Arbeitgeber der Stadt ist, sind in Rostock auch ein Fraunhofer- und ein Max-Planck-Institut beheimatet.

    Die Wege zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Rathaus sind hier sehr kurz. Claus Ruhe Madsen (Oberbürgermeister Stadt Rostock)

    Rostock ist zudem die einzige Großstadt in Mecklenburg-Vorpommern und hat den Vorteil, dass es den wirtschaftlichen und kulturellen Bezugspunkt für ein großes Umland bildet. Für dieses Umland sehen die Prognos-Forscher allerdings keine gute Perspektive: So zählt bereits der an die Hansestadt angrenzende Landkreis Rostock in der Modellrechnung bis 2030 zu den Verlierern der Republik.

    Das Wachstum, mutmaßen die Experten, wird sich allein auf die Stadt konzentrieren. Die Forscher erwarten, dass Rostock durch Zuzüge aus dem Umland profitiert. In der Rangliste liegt Rostock sowohl bei der prognostizierten Entwicklung der Einwohnerzahlen als auch bei der Zahl der Erwerbstätigen auf den vorderen Plätzen. So dürften Firmen in Rostock vergleichsweise wenige Probleme haben, passende Fachkräfte zu finden.

    Wegen der wachsenden Start-up-Szene rechnet Prognos-Regionalökonom Olaf Arndt damit, dass sich viele junge Menschen in Rostock ansiedeln oder dort bleiben werden. Es gelte: „Viele junge Menschen strahlen eine offene Mentalität aus und locken Firmen und Investoren an.“

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    Eine der Geburtshelferinnen der Start-up-Szene ist Kathrin Krüger-Borgwardt. Sie initiierte vor zehn Jahren das Zentrum für Entrepreneurship der Uni. Die Geschäftsführerin des Zentrums zählt jedes Jahr etwa zehn Ausgründungen. Welchen Erfolg diese haben können, zeigt das Biotechnologieunternehmen Centogene. Die Rostocker Firma ist mittlerweile an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gelistet und hat in der Corona-Pandemie einen PCR-Schnelltest entwickelt.

    Auf solchen Erfolgen ruht sich Rostock nicht aus. In einem Accelerator-Programm sollen Start-ups ab 2021 durch Coachings die Chance erhalten, ihre Produkte und Geschäftsideen zügig weiterzuentwickeln. Bis 2025 will die Stadt ein Start-up-Center aufbauen. Unter einem Dach vereint, sollen die Jungunternehmer vom direkten Austausch profitieren.

    Ein solches Center könne Wachstumsimpulse für die ganze Region setzen, sagt Prognos-Ökonom Arndt: „In Rostock haben Start-ups durch vergleichsweise geringere Mieten kostengünstige Startbedingungen und können sich abseits des Trubels der Metropolen gut weiterentwickeln.“ Für einen hohen Freizeitwert nach Feierabend sorgen der Ostseestrand im Stadtgebiet und die Fähre, die Rostock in nur zwei Stunden mit Dänemark verbindet.

    In der Vergangenheit seien Start-ups in die nahen Metropolen Hamburg und Berlin abgewandert, erklärt Krüger-Borgwardt. „Rostock steht auf der Investorenlandkarte noch nicht so weit oben. Mit Accelerator-Programm und Start-up-Center wollen wir die Attraktivität und die Wachstumsbedingungen für Start-ups verbessern.“

    Unternehmer als Bürgermeister

    Durch Madsens Einzug ins Rathaus im September 2019 dürfte auch die Politik das Thema weiter forcieren. Der frühere Unternehmer sagt über sich, dass er den Blick aus der Wirtschaft und den Mut habe, neue Wege zu gehen. Das Prognos-Ranking nehme er als Ansporn. Der parteilose Madsen war zuvor sechs Jahre lang Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rostock.

    Nicht nur in der langen Frist sehen die Prognos-Experten für Rostock gute Chancen. Laut dem Beratungsunternehmen zählt die Hansestadt zu jenen 15 Regionen, die 2020 in der Coronakrise die wirtschaftlich geringsten Verluste hinnehmen mussten.

    Klaus-Jürgen Strupp, Madsens Nachfolger als IHK-Präsident, erklärt sich das mit den Erfahrungen zur Zeiten der Wende. Unternehmer, die damals gründeten, hätten „bereits tiefgreifende Veränderungen und Systemwechsel erlebt“. Diese Erlebnisse machten sie „auch in den derzeit unruhigen Zeiten resilient„.

    Eine wichtige Rolle dürfte allerdings auch spielen, dass die meisten Gründungen im universitären Bereich der Digitalisierung und der Biotechnologie zuzuordnen sind – Branchen also, die unter der Coronakrise wenig leiden.

    Jungunternehmer Flint kam kurz vor der Wende in Rostock zur Welt. Aus der Hansestadt will er nicht mehr wegziehen. So gehe es auch vielen Gründer-Kollegen. Flint: „Die Hilfsbereitschaft der gestandenen Unternehmer ist groß. Alle wollen, dass Start-ups Erfolg haben.“ An deren Erfolg hängt schließlich auch die Zukunft der Hansestadt.

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