Wahlkampf Wie Kanzlerin Angela Merkel in Hessen um ihre Macht kämpft

Gestärkt durch die CSU-Niederlage in Bayern, kämpft Angela Merkel um ihre Rolle als Nummer eins der Union. In Hessen hilft sie Volker Bouffier.
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Die Bundeskanzlerin kämpft dafür, auch für die nächsten zwei Jahre noch Vorsitzende der CDU zu bleiben. Quelle: Reuters
Angela Merkel

Die Bundeskanzlerin kämpft dafür, auch für die nächsten zwei Jahre noch Vorsitzende der CDU zu bleiben.

(Foto: Reuters)

BerlinDer Boxer-Song „Eye of the Tiger“ schallt durch die Lautsprecher. Angela Merkel bahnt sich den Weg durch das Festzelt von Ortenberg, in dem 1800 Gäste klatschen und jubeln. Hunderte Mobiltelefone schnellen in die Höhe, um die Kanzlerin und den CDU-Spitzenkandidaten und Ministerpräsidenten von Hessen, Volker Bouffier, im Bild festzuhalten.

Groß wie Klein, alle sind gekommen, um einmal jene Politiker zu sehen, die doch sonst nie in diese Zehntausend-Seelen-Gemeinde kommen. Oben auf der Bühne bedankt sich Merkel für den „freundschaftlichen Empfang“.

Eine Autobahnstunde von Frankfurt entfernt kämpfen Merkel und Bouffier um jede Stimme, im sogenannten ländlichen Raum. Hier feiern sie an diesem Wochenende den 752. Kalter Markt, eine Landwirtschaftsmesse mit Jahrmarkt. Deshalb das große Zelt.

Hier siedelten in der Eisenzeit die Kelten und legten einen Ringwall an, um sich vor Feinden zu schützen. Einen Ringwall scheint auch Merkel in diesen Tagen zu bauen. Schließlich will sie nach der Hessenwahl auf dem Bundesparteitag im Dezember noch einmal für weitere zwei Jahre zur CDU-Chefin gewählt werden.

Erster Baustein für ihren Wall war die Niederlage der CSU in Bayern. Sie bestätigte vielen in der Union, dass sich Dauerkritik an Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik nicht auszahlt. Die nächsten Steine legte Merkel am Wochenende: Samstag hatte sie auf dem Landesparteitag in Thüringen den Spitzenkandidaten Mike Mohring unterstützt und die Partei aufgefordert, endlich über die Zukunft zu reden.

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„Sie hat mit ihrer klaren Sprache stehende Ovationen erhalten“, sagte Mohring dem Handelsblatt. Von Endzeitstimmung könne keine Rede sein. „Das ist überhaupt nicht so.“

Am Sonntag dann schloss Merkel den Wall. Auf Bouffiers Wunsch hin hatte sich die Parteispitze demonstrativ in Berlin versammelt. So tritt nicht nur Merkel im Endspurt auf: Präside Jens Spahn etwa hat sich 16-mal vor Ort angeboten, Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wurde 17-mal eingeladen. Merkel hat zudem angekündigt, per Gesetz Fahrverbote in Städten verhindern zu wollen. Das Signal soll helfen.

In den Umfragen steht Bouffiers CDU bei mageren 26 Prozent, nach 38 Prozent vor fünf Jahren. Ein schlimmeres Absacken als das der CSU in Bayern (–9,7 Prozent) würde die Diskussion um Merkel neu anheizen. Ob der Wall hält?

In der Region um Ortenberg fürchten sie Fahrverbote, nicht direkt vor der Haustür, aber in Frankfurt oder Darmstadt. Die Landstraße muss jeden Tag 10.000 Autos verkraften, die sich vorbei an Fachwerkhäusern und kleinen Höfen („Kilo Äpfel ein Euro“) in Richtung Metropolen schlängeln. Der Bäcker versorgt die Pendler ab fünf Uhr mit Kaffee und Frühstück.

Deshalb redet Merkel nicht nur über die Bildungspolitik und die Versorgung im ländlichen Raum, sondern auch über den Diesel. Die Automobilindustrie habe „betrogen“, sagt sie und erklärt, wie sie „überall“ Fahrverbote mit „klaren Regeln“ verhindern will.

Laster, Busse und kommunale Fahrzeuge will sie umrüsten, damit die Grenzwerte „sehr schnell eingehalten werden“. Auch sei „die Automobilindustrie in der Verpflichtung“, etwa durch „schnelle Umtauschangebote“ ohne Nachteile für die Kunden (!) und „so schnell wie möglich Hardwarenachrüstungen“.

Doch ob all das hilft? Der Duisburger Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer hat bundesweit fast 400 Messstationen untersucht. Demnach sind die Werte im Neunmonatsvergleich zu 2017 lediglich um 0,9 Prozent gesunken. „Wenn die Werte weiter so langsam sinken, werden wir bis 2025 warten müssen, bevor wir auf Fahrverbote verzichten können“, sagte er dem Handelsblatt.

Zweifel haben auch die Zuhörer im Festzelt, weshalb sich der Applaus in Grenzen hält. Dafür ist er umso lauter, als die Kanzlerin den sachlichen Regierungsstil von Schwarz-Grün in Hessen lobt, von dem ihre Regierung in Berlin „nur lernen“ könne. Auch ihre scharfe Kritik an jenen, die gegen Ausländer hetzen, sichert ihr viel Applaus.

Draußen hatte die NPD noch lautstark am Ende der mehr als hundert Meter langen Schlange der Wartenden „5 000 Euro Willkommensgeld für deutsche Neugeborene“ gefordert und „einen rechten Haken“ am Wahltag. Es verfing nicht – im Gegenteil: Applaus und „Bravo“-Rufe erntet auch Bouffier, als er sich klar distanziert und die AfD als „schlechte Alternative“ bezeichnet, die „für nichts eine Lösung“ habe.

Ob das reichen wird? „Wir brauchen keine linken Experimente“, warnt Merkel sicherheitshalber. Wie Bouffier kritisiert sie die FDP, die sich bei den Jamaika-Verhandlungen „vom Acker gemacht“ habe. Jeder solle seine Stimmen einer Partei geben, auf die Verlass sei. „Auf die CDU ist Verlass“, sagt sie. Hier in Ortenberg jubeln sie.

Vielleicht reicht es am Sonntag doch noch für eine Neuauflage von Schwarz-Grün. Ansonsten wird Bouffier wohl die FDP fragen müssen, ob sie nicht Lust auf Jamaika hat – zumindest in Wiesbaden.

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