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Wahloption Erfolg für die IG Metall – 260.000 Beschäftigte wollen weniger arbeiten

Die IG Metall zieht Bilanz ihres Wahlmodells zwischen mehr Geld und mehr Freizeit. Auch dank des Tarifabschlusses ist die Gewerkschaft weiter gewachsen.
Update: 21.01.2019 - 18:06 Uhr Kommentieren
Im vergangenen Frühjahr demonstrierten die Gewerkschafter für das Optionsmodell. Quelle: dpa
IG Metall

Im vergangenen Frühjahr demonstrierten die Gewerkschafter für das Optionsmodell.

(Foto: dpa)

BerlinDie in der vergangenen Metalltarifrunde etablierte Wahloption zwischen mehr Geld und mehr Freizeit kommt offenbar gut an. 260.000 Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder Schicht arbeiten, haben einen Antrag gestellt, um in diesem Jahr lieber acht zusätzliche freie Tage statt mehr Geld in Anspruch zu nehmen.

Diese Zahlen nannte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bei der Jahrespressekonferenz seiner Gewerkschaft in Frankfurt: „Dass diese Tarifregelung so von den Beschäftigten angenommen wird, zeigt, was Tarifpolitik gesellschaftlich bewegen kann.“

Die Arbeitgeber hatten sich lange gegen die Wahloption gewehrt, weil sie fürchteten, angesichts meist voller Auftragsbücher den Arbeitsausfall nicht kompensieren zu können. Dennoch stimmten sie vor knapp einem Jahr einem Tarifabschluss zu, der allen Beschäftigten die Möglichkeit gibt, ihre Arbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf bis zu 28 Wochenstunden zu reduzieren – die sogenannte kurze Vollzeit.

Außerdem vereinbarten sie ein tarifliches Zusatzgeld in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts. Metaller mit Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen sowie bestimmte Schichtarbeiter können statt des Geldes acht zusätzliche Urlaubstage in Anspruch nehmen.

Vom Handelsblatt befragte Unternehmen hatten im Vorfeld von einem eher verhaltenen Interesse an der kurzen Vollzeit berichtet, weil viele Firmen selbst schon Teilzeitoptionen anbieten. Stärker ausgeprägt war dagegen der Wunsch nach zusätzlichen freien Tagen, vor allem in der Fertigung.

Der Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie (vbm) hatte schon zu Jahresbeginn ein erstes Zwischenfazit gezogen. Demnach hatten bis dahin fast 25 Prozent aller Tarifmitarbeiter einen Antrag auf mehr freie Tage gestellt. „Die große Anzahl von Anträgen auf mehr Freizeit stellt unsere Unternehmen bei der aktuellen Arbeitsmarktsituation und den bestehenden Fachkräfteengpässen vor erhebliche Umsetzungsschwierigkeiten“, warnte vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Dies gelte insbesondere bei Schichtarbeitnehmern, von denen 36 Prozent einen Antrag auf mehr Freizeit gestellt haben. „Das Geld steht in der sehr gut bezahlenden Branche ganz offensichtlich nicht mehr im Vordergrund“, sagte Brossardt.

Laut Tarifvertrag muss ausfallendes Arbeitsvolumen kompensiert werden, damit ein störungsfreier Betriebsablauf gewährleistet wird. Ist dies nicht möglich, können beantragte Freistellungen abgelehnt werden. Laut IG-Metall-Chef Hofmann, der sich auf bundesweite Umfrageergebnisse aus gut 2.600 Betrieben berief, wurden bisher aber 93 Prozent der Anträge bewilligt.

Vielen Betrieben sei es allerdings nicht gelungen, das entfallende Arbeitsvolumen innerbetrieblich zu kompensieren, sagte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, Peer-Michael Dick. „Nur weil viele Unternehmen in den sauren Apfel gebissen haben, Anträge auch ohne entsprechenden Ausgleich zu genehmigen, um den Betriebsfrieden zu wahren, konnte das Gros der Anträge bewilligt werden.“

Statt konstruktiv an Lösungen zu arbeiten, entfallendes Arbeitsvolumen durch Mehrarbeit anderer Kollegen auszugleichen, hätten manche Betriebsräte der Geschäftsleitung die Pistole auf die Brust gesetzt, kritisierte Dick. So sei gedroht worden, künftige Mehrarbeit zu erschweren, sollten nicht alle Anträge auf die acht zusätzlichen Freizeittage bewilligt werden.

Die IG Metall ficht das nicht an, sieht ihr Vorsitzender die Gewerkschaft doch weiter auf der Erfolgsspur. So sei die Zahl der Mitglieder im vergangenen Jahr gegenüber 2017 um rund 8.000 auf 2,27 Millionen gestiegen, teilte Hofmann mit. 133.165 Beschäftigte seien neu in die Gewerkschaft eingetreten – knapp ein Viertel mehr als im Vorjahr.

Hofmann führt dies nicht zuletzt auf den erzielten Tarifabschluss mit Wahloption zurück. „Weil wir als Gestalter einer guten Zukunft erkennbar sind und die Vielfalt der Arbeitsbedingungen und Lebensentwürfe der Menschen anerkennen, sind wir attraktiv.“

In Zukunft will sich Deutschlands größte Gewerkschaft schwerpunktmäßig mit den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) auseinandersetzen, aber auch den Umbruch in der Automobilindustrie begleiten.
In jedem Betrieb soll dazu ein „Transformationsatlas“ über den Wandel und seine Auswirkungen erstellt werden, um daraus Handlungsoptionen ableiten zu können.
Den Wandel der Büroberufe etwa durch KI könne man nur gemeinsam mit den Beschäftigten gestalten, betonte die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner: „Wir brauchen vor allem eine realistische Folgenabschätzung, eine breite Qualifizierungsoffensive und gute Betriebsvereinbarungen für neue Arbeitsformen wie agile Projektarbeit.“

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