Wehrbeauftragter berichtet Schlechte Stimmung in der Truppe

Die Bundeswehr ist überlastet und verunsichert. Auslandseinsätze machen den Soldaten zu schaffen, Familien gehen in die Brüche, sagt der Wehrbeauftragte des Bundestags. Die Zahl rechtextremer Vorfälle ist gestiegen.
Update: 29.01.2013 - 11:47 Uhr 17 Kommentare
Das Hauptkontingent mit 240 Bundeswehr-Soldaten der Patriot-Raketenabwehrstaffeln. Quelle: dpa

Das Hauptkontingent mit 240 Bundeswehr-Soldaten der Patriot-Raketenabwehrstaffeln.

(Foto: dpa)

BerlinIn den Streitkräften ist die Stimmung nach der Bundeswehrreform im Keller, berichtet Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte des Bundestages. Dies sei bei fast allen Dienstgraden zu spüren, stellt der FDP-Politiker in seinem am Dienstag vorgelegten Jahresbericht 2012 fest. In zwei wissenschaftliche Untersuchungen sei dies bestätigt worden. „Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenzen der Belastbarkeit erreicht, teilweise bereits überschritten. Eine Verbesserung der Stimmung in der Truppe zeichnet sich nicht ab.“

Der FDP-Politiker weist darauf hin, dass unter anderem die Pendelei zwischen Wohn- und Stationierungsort Familien belaste. Zu Verunsicherung führe auch die ungewisse Laufbahnentwicklung der Soldaten. So beklagte Königshaus „gravierende Mängel“ bei der Führung der Truppe. Bei der Ahndung von Dienstvergehen werde in Einzelfällen zweierlei Maß angewandt. Das führe zu dem Eindruck, „dass – bildhaft gesprochen – die Kleinen gehängt werden und man die Großen laufen lasse“.

Als weitere Belastung kämen mehrmonatige Auslandseinsätze hinzu. „Dies führt zu weit überdurchschnittlichen Trennungs- und Scheidungsraten. Die Bundeswehr widmet diesem Aspekt noch immer nicht die notwendige Aufmerksamkeit“, kritisierte der Wehrbeauftragte.

Wo deutsche Soldaten überall im Einsatz sind
Karte BW einsaetze
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Die Einsatzgebiete der Bundeswehr

Von Mali bis Afghanistan: In 13 Ländern außerhalb der Europäischen Union ist die Bundeswehr momentan im Einsatz. Ein Großteil der Einsätze findet in Afrika statt, wie die Karte zeigt.

huGO-BildID: 16594125 ARCHIV - Ein ISAF-Soldat der Bundeswehr, links, unterhaelt sich mit afghanischen Polizisten am 18. September 2008 waehrend ein
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ISAF in Afghanistan

Als Teil der ISAF (International Security Assistance Force) war die Bundeswehr 13 Jahre lang in Afghanistan, um das Land beim Wiederaufbau nach dem Krieg gegen die Taliban zu unterstützen. Bis zu 4900 deutsche Soldaten waren in Afghanistan stationiert. Der Einsatz endete am 31. Dezember 2014. Seitdem sind nur noch 850 deutsche Soldaten im Land, um die afghanischen Armee zu beraten und auszubilden.

UNAMA (EPA)
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UNAMA in Afghanistan

Auch die UNAMA (United Nations Assistance Mission in Afghanistan) unterstützt das Nachkriegs-Afghanistan, allerdings mit einem geringeren personellen Umfang und mit einem anderen thematischen Schwerpunkt: Der demokratischer Wiederaufbau, die Schaffung rechtsstaatlicher Strukturen und die Wahrung der Menschenrechte sind seit 2002 Fokus der UN-Friedensmission. UNAMA beschäftigt rund  2.400 vor allem afghanische Mitarbeiter. Der Bundeswehreinsatz ist bei diesem Afghanistan-Einsatz personell auf einen Mann beschränkt: Brigadegeneral Kay Brinkmann dient als Senior Military Advisor. (Foto: EPA)

Kosovo
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Nach Ende des Kosovo-Krieges 1999 verabschiedete der Uno-Sicherheitsrat eine Resolution, die den Einsatz der Nato-Sicherheitstruppe Kfor (Kosovo Force) ermöglichte. Die Kfor sollte zunächst den Abzug jugoslawischer Truppen und die Entmilitarisierung des Kosovo überwachen. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo 2008 änderten sich die Aufgaben der Kfor: die Entwicklung von Sicherheitsstrukturen, die Hilfe für Flüchtlinge und Vertriebene sowie die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen steht nun im Mittelpunkt. 2010 wurde die gesamte Kfor-Einsatztruppe reduziert. Mit derzeit fast 700 Soldaten ist der Kfor-Einsatz momentan noch die zweitgrößte Auslandsmission der Bundeswehr. Aufgabe der ausländischen Streitkräfte im Kosovo ist weiterhin die Stabilisierung des Landes.

Engagement der Bundeswehr in Afrika
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EUTM in Mali

Ein deutscher Soldat bildet in Koulikoro (Mali) einen Pionier der malischen Armee bei der Minensuche aus. Die European Training Mission Mali (EUTM Mali) soll dazu beitragen, die militärischen Kapazitäten der malischen Streitkräfte wiederherzustellen. Momentan sind bis zu 350 deutsche Soldaten in Mali, das Mandat wurde zuletzt am 26. Februar 2015 bis 31. Mai 2016 verlängert.

Bundestag stimmt über Mali-Einsatz der Bundeswehr ab
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MINUSMA in Mali

Am 27. Juni 2013 stimmte der Deutsche Bundestag außerdem für die Entsendung bewaffneter deutscher Streitkräfte zur Beteiligung an der Multidimensionalen Integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali auf Grundlage der Resolution 2100 (2013) des UN-Sicherheitsrates vom 25. April 2013.

Mali befindet sich seit einem Jahr in einer schweren Krise. Das Land wurde nach einem Militärputsch im April 2012 und dem anschließenden Verlust von staatlicher Gewalt im Norden des Landes faktisch in zwei Teile geteilt. Im Norden des Landes war von verschiedenen Rebellengruppen bereits ein eigener Staat ausgerufen worden, der international jedoch keine Anerkennung fand.

Merkel in der Türkei
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AF TUR in der Türkei

Der Deutsche Bundestag hat am 14. Dezember 2012 der Entsendung deutscher bewaffneter Streitkräfte zur Verstärkung der integrierten Luftverteidigung der NATO auf Ersuchen der Türkei und auf Grundlage des Rechts auf kollektive Selbstverteidigung (Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen) sowie des Beschlusses des Nordatlantikrates vom 04. Dezember 2012 zugestimmt. Das Mandat ist bis zum 31. Januar 2016 befristet und erlaubt den Einsatz von bis zu 400 Soldatinnen und Soldaten mit entsprechender Ausrüstung. Der Einsatz ist eine ausschließlich defensive Maßnahme und dient nicht der Errichtung oder Überwachung einer Flugverbotszone über syrischem Territorium.

Königshaus weist zudem auf einen leichten Anstieg rechtsextremer Vorfälle in der Truppe hin. Es wurden im vergangenen Jahr 67 Vorfälle nach 63 im Jahr zuvor gemeldet. Bis 2009 wurden Jahr für Jahr aber noch mehr als 100 rechtsextremistische Vorkommnisse bei der Bundeswehr registriert. Alle Vorgänge würden untersucht und geahndet. Es gehe vor allem um sogenannte „Propagandadelikte“, also das Hören rechtsextremer oder fremdenfeindlicher Musik oder das Zeigen des Hitlergrußes.

Zusätzliches Augenmerk gibt die Bundeswehr laut Königshaus auch den Fällen von sexueller Gewalt oder Belästigung in der Bundeswehr. Es dürfte, wie in der Gesellschaft insgesamt, eine nicht unerhebliche Dunkelziffer geben, dazu wolle die Bundeswehr eine Untersuchung auf den Weg bringen. 2012 seien in 50 Fällen „Besondere Vorkommnisse“ mit sexuellem Bezug gemeldet. In 16 Fällen seien Soldatinnen Opfer und Soldaten Täter gewesen. Vergewaltigungen seien aber wie in den Vorjahren die absolute Ausnahme. Es geht laut Königshaus um unangemessene Berührungen und verbale sexuelle Belästigungen. In drei der gemeldeten Fälle ging es um Übergriffe unter Männern. Königshaus wies darauf hin, im vergangenen Jahr seien vier Fälle mit Verdacht auf Kinderpornographie gemeldet worden. Soldaten sei der der Besitz und zum Teil die Verbreitung kinderpornographischer Bilder und Videos vorgeworfen worden.

Positiv bewertete der Wehrbeauftragte Verbesserungen bei der Ausrüstung der Truppe im Einsatz. Dies habe dazu beigetragen, dass in Afghanistan seit Mitte 2011 kein deutscher Soldat mehr getötet wurde. Auch die Versorgung Verwundeter lobte Königshaus. Allerdings bemängelte er, dass die Behandlung traumatisierter Soldaten weiterhin zu wünschen übrig lasse. Noch immer fehle es an Psychologen und Psychotherapeuten, während die Zahl traumatisierter Soldaten im vergangenen Jahr auf einen Höchststand von 1143 gestiegen sei.

  • dapd
  • dpa
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17 Kommentare zu "Wehrbeauftragter berichtet: Schlechte Stimmung in der Truppe"

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  • Im ersten und zweiten Weltkrieg gab es keine so hohen Trennungs- und Scheidungsraten. Waren die Leute damals noch nicht so psychisch verweichlicht?

  • Wer den Eid schwört, die Bundesrepublik Deutschland tapfer zu verteidigen, wird nicht unbedingt einsehen, weshalb er sein Heimatland in Afrika oder am Hindukusch verteidigen soll.

    Zudem sind die als Feinde bezeichneten Einwohner jener Länder, in welche die BW eindringt, zumeist Muslime. Also jene Sorte Mensch, die andererseits Deutschland geradezu überflutet und zu Millionen von unseren Politikern herzlichst eingeladen wird. Ein Schelm, wer dabei an Landnahme denkt.

    Einerseits bekriegen wir sie, andererseits pflegen wir eine Willkommenskultur, die an Selbstzerstörung grenzt.

    Das erzeugt zwangsläufig in jedem rechtschaffenen, ehrbaren deutschen Bürger in Uniform kognitive Dissonanzen, also innere Widersprüche, Sinnlosigkeitsgefühle oder gar Gewissenskonflikte.

  • Das Phantom des angeblich grassierenden Rechtsextremismus hat in unserer Gesellschaft die Rolle übernommen, wie im ausgehenden Mittelalter der Glaube an Hexerei, Ketzerrei und Hexen. Was ist das denn überhaupt, der rechte Extremismus? Wo fängt der Betroffene an ein Rechtsextremist zu werden? Ich kann diesen Unsinn nicht mehr hören, lesen oder sehen. Ist ein deutscher Patriot im Zweifelsfall schon ein "rechter Extremist" und ein linksautonomer Schläger ein couragiert handelnder Demokrat?

  • ...im Übrigen bin ich der Meinung, dass Rechtsextremismus in der BW weit verbreitet ist, aber dies unter der Decke gehalten wird. Alles andere käme einer Selbstbezichtigung nahe. Und noch zu Auslandseinsätzen: Wer für einen Auslandseinsatz täglich über 100,00 EUR steuerfreie GefahrenZULAGE erhält, sollte von diesem Geld auch seine psychischen Störungen nach Rückkehr behandeln lassen. Dies erinnert an die Finaznzbranche, in der Chancen und Gewinne persönlich eingestrichen werden und Risiken und Verluste dann auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Pfui!

  • Wer sich für eine Laufbahn bei der Bundeswehr entscheidet, nimmt in Kauf, in einen Auslandseinsatz geschickt zu werden. In vielen Fällen drängen sich die BW-Angehörigen sogar aus finanziellen Gründen darum, in Einsätze gehen zu können. Heute gibt es m.E. nur noch 2 Gründe, zur BW zu gehen: Entweder man hat einen Hang zu Befehlstönen und Hirarchien, bzw. mag den Umgang mit Waffen und denkt seine Weltanschauung dort umsetzen zu können oder man verfällt den finanziellen Reizen dieses Arbeitgebers. Es liegt auf der Hand, dass manch junger Mensch die Verdienstmöglichkeiten im Verhältnis zum vorgestellten Aufwand als sehr günstig betrachtet und das von Anfang an. Zumindest möchte ich den BW-Angehörigen sehen, der mit reinem Gewissen sagen kann, er diene aus Überzeugung. Dass die Stimmung bei dieser Truppe im Keller ist, kann nicht verwundern, fehlt es doch an jeglicher Motivation und Überzeugung. Dennoch denke ich, dass viele Herren in Uniform auf hohem Niveau jammern!

  • Früher war die Bundeswehr mal eine Verteidigungsarmee, welche dass deutsche Hoheheitsgebiet bei Angriffen von außen schützen sollte. Genau das war die Aufgabe, eine reine VERTEIDIGUNGSamee. Aber seit wir Deutschland auch am Hindukusch verteidigen (laut Aussage Peter Struck R.I.P.)
    hat sich die Sachlage komplett verändert.
    Die Politik zieht die deustchen Soldaten immer tiefer in bewaffnete Konflikte außerhalb unserer Staatsgrenzen mit rein. Grund ist dann wie immer der Bündnisfall (NATO), weshalb jetzt deutsche Pariot-Flugabwehr-Mittelstrecken-Raketen in der Türkei stationiert wurden. Von der Piratenbekämpfung am Horn von Afrika gar nicht zu sprechen. Jetzt fordern die Franzosen für den Malikrieg deutsche Tankflugzeuge an.
    Wir entwicklen uns immer mehr zu „Amerikanern“, überall wo es auf diesem Planeten knallt und Öl und Wirtschaftsinterssen zu erkämpfen sind, sind wir mit dabei.
    Schade, dass sich die deutschen Soldatinnen und Soldaten so verheizen lassen. Klar das rechte Gesocks geht zur Bundeswehr, weil man da so schön Krieg spielen und das Vaterland verteidigen kann. Aber was ist mit den anderen Soldaten/innen, welche Beweggründe, treiben diese in den Kriegsdienst? Geld und Ruhm können es sicher nicht sein, bei der miesen Bezahlung und bei posttraumatischem Belastungssysdrom. Ich habe Resepkt vor Soldaten, die sich freiwillig zur Landesverteidigung vereidigen lassen, aber ich habe keinen Resept vor Soldaten, die sich in ausländischen Kriegseinsätzen, unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe, als befehlgehorsame, unkritische Kriegs- und Tötungsroboter von der Politik misbrauchen lassen oder selbst im Kriegseinsatz ihr kostbares Leben lassen, oder schwerstverwundet aus dem Einsatz heimkehren.
    Liebe Soldaten/innen, lasst euch nicht verheizen, denkt daran, diejenigen die euch in Kriegseinsätze schicken, sitzen bei Ihrer Entscheidung hochbezahlt im sicheren Parlament. Jene die über euer Schicksal entscheiden müssen nicht mit ihrem Leben dafür bezahlen!

  • humane Katastrophe ? klingt wie dramatisches Glück !

  • @Zecke

    So ist es! Zur Bundeswehr gehen doch nur noch vorwiegend Leute, die sonst keine arbeit mehr finden! Das der Rechtsextremsimsu auch dort zugenommen hat, ist nur der Beweis dafür, wieviel Frust von den abgehängten dieser reichen Gesellschaft vorhanden ist! Und nicht nur da hat der Rechtsextremismus zugenommen...besonders auch im ÖD, in den Kommunen!!

    Ich bin der Meinung, dass es noch eine humane Katastrophe in Zukunft geben wird, wie sie Eric Hobsbawn einst beschrieb!

  • ...sie sollten den Alkohol weg lassen, dann stimmts auch wieder mit der Artikulation in Wort & Schrift.

  • Erstaunlich wieviele geistig umnebelte Gestalten hier einen sogenannten Kommentar abgeben.

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