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Weiterbildungsseminar

Insbesondere in Zeiten der Digitalisierung sind Fortbildungen wichtig.

(Foto: E+/Getty Images)

Weiterbildung Debatte über Steuerbonus – In Sachen Qualifizierung gibt es noch Luft nach oben

Die Weiterbildung ist in Zeiten der Digitalisierung unentbehrlich. Von neuen steuerlichen Förderungen könnten vor allem mittelständische Unternehmen profitieren.
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BerlinWenn es um das Thema digitale Arbeitswelt geht, hat Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eine gute und eine schlechte Nachricht parat. Die gute: Die Arbeit wird uns auch morgen nicht ausgehen. Die schlechte: Es wird in vielerlei Hinsicht andere Arbeit sein. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) prognostiziert, dass aufgrund der Digitalisierung bis 2035 rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze abgebaut sein werden. Aber es entstehen auch annähernd genauso viele Jobs neu.

Damit dieser Wandel nicht viele Verlierer auf dem Arbeitsmarkt produziert, sind Qualifizierung und Weiterbildung zentral. Zum Jahresbeginn ist das neue „Qualifizierungschancengesetz“ in Kraft getreten, das unter anderem neue Beratungsangebote der Bundesagentur für Arbeit (BA) und einen Ausbau der Weiterbildungsförderung vorsieht.

Die Wirtschaft kann sich aber durchaus mehr vorstellen. Analog zur geplanten steuerlichen Forschungsförderung sollte der Fiskus auch Unternehmen unterstützen, die ihr Personal fit für das digitale Zeitalter machen: „Eine steuerliche Weiterbildungsförderung wäre gerade für kleinere und mittlere Unternehmen ein interessanter Anreiz, am Bedarf des Betriebs orientiert in die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter zu investieren“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks.

Auch der Mittelstandsbeauftragte der SPD, Harald Christ, hält eine solche staatliche Unterstützung für sinnvoll: Sie würde Unternehmen motivieren, noch mehr in Qualifizierung zu investieren und damit wettbewerbsfähig zu bleiben. Und den Beschäftigten würde sie ebenfalls nützen. Unter dem Strich könnte die steuerliche Weiterbildungsförderung „dem Standort helfen – und wäre so eine Investition in die Zukunft“, sagt Christ, der auch Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums ist.

Jeder zweite Betrieb hat Angebote

Dafür sollte Geld da sein: „Die schwarze Null ist kein Selbstzweck – schon gar nicht, wenn notwendige Zukunftsinvestitionen dafür geopfert werden.“

Tatsächlich gibt es in Sachen Qualifizierung noch viel Luft nach oben. Zwar ist das politische Ziel, dass pro Jahr im Schnitt mindestens jeder zweite Erwerbstätige eine Weiterbildung absolvieren sollte, inzwischen erreicht. 2010 lag die Quote nur bei gut 40 Prozent.

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Allerdings gebe es weiter eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“, kritisiert die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Elke Hannack: „Männer in Vollzeit und Führungspositionen haben gute Chancen, sich weiterzubilden.“ Teilzeitkräfte, ältere Beschäftigte, Frauen und Migranten nähmen dagegen weit unterdurchschnittlich an Qualifizierungen teil.

Von den Betrieben wartet im Schnitt jeder zweite mit Weiterbildungsangeboten auf. Allerdings steigt das Engagement mit der Unternehmensgröße. Gerade bei kleinen und mittelständischen Betrieben gibt es Nachholbedarf.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag zwar einen großen Sprung nach vorn versprochen. Doch die Gespräche über die angekündigte „nationale Weiterbildungsstrategie“ haben gerade erst begonnen. Auch der Bundestag steht hier noch am Anfang: Die Enquete-Kommission Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt läuft sich gerade warm, das Thema Weiterbildung steht hier ab 2020 auf der Agenda. Dann könnte es auch um den Steuerbonus für Weiterbildung gehen. Das sei „eine Idee, über die man auf jeden Fall diskutieren sollte“, sagt der Vorsitzende der Kommission, Stefan Kaufmann (CDU). „Unbestritten brauchen wir mehr Anreize, um Unternehmen zu mehr Weiterbildung zu bewegen.“

Denn wenn es ihnen gut gehe, hätten sie keine Zeit dazu, und wenn es ihnen schlecht gehe, kein Geld. Daher „brauchen wir gute Ideen, um vor allem Mittelständler zu mehr Qualifizierung ihrer Mitarbeiter zu motivieren – sonst werden sie die Herausforderung der Digitalisierung kaum bestehen“, betont Kaufmann. Die Enquete-Kommission werde sich damit intensiv beschäftigen. Auch die Unionsfraktion hat soeben eine Projektgruppe zum Thema Weiterbildung gegründet.

Beim Koalitionspartner stößt das Thema ebenfalls auf offene Ohren: „Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt aus bildungspolitischer Sicht alle Instrumente, die Weiterbildung von Fachkräften in Deutschland fördern“, sagt der Fachexperte der Partei, Martin Rabanus. Vor allem dann, wenn die Instrumente kleinen und mittelständischen Betrieben nützten. Man müsse aber prüfen, ob und gegebenenfalls wie die geltenden Abschreibungsmöglichkeiten ergänzt werden müssten.

Allerdings gibt es auch Kritik an dem Vorstoß. „Einen generellen Steuerbonus sehe ich skeptisch“, sagt DGB-Vize Hannack. „Hier würde Geld mit der Gießkanne verteilt.“ Die Folge könnten Mitnahmeeffekte sein: Unternehmen, die ihr Personal aus eigenem Interesse ohnehin qualifizieren, lassen sich ihre Anstrengungen vom Staat bezahlen.

Auch der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, mahnt: „Ein Steuerbonus muss ordnungspolitisch gut begründet sein.“ Entscheidend sei, ob die Unternehmen angemessen oder zu wenig in Weiterbildung investieren. Die IW-Weiterbildungserhebung zeige zwar Nachholbedarf bei kleineren und mittleren Firmen, so Hüther. „Die Antwort liegt aber weniger beim Geld als vielmehr bei den Kompetenzen.“

Der IW-Chef hält gezielte Anstrengungen der Bundesregierung zur Fachkräftesicherung – etwa das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung – für wirksamer und effizienter. Das Zentrum unterstützt kleine und mittlere Unternehmen etwa bei ihrer Personalarbeit. „Wenn überhaupt, müsste steuerliche Weiterbildungsförderung beim Beschäftigten ansetzen, wo die Erträge anfallen – unabhängig vom konkreten Arbeitgeber“, rät Hüther. Erwerbstätige können aber in ihrer Einkommensteuererklärung schon heute Weiterbildung als Werbungskosten beim Fiskus geltend machen. Hier müsse also dafür Sorge getragen werden, dass keine Doppelförderung stattfindet.

FDP will ein „Midlife-Bafög“

Egal ob finanzielle Anreize am Ende über eine steuerliche Förderung, über Gutscheinmodelle oder ein Digitalisierungs-Bafög gesetzt werden: Bei richtiger Ausgestaltung lieferten die Instrumente Betrieben und Beschäftigten die Flexibilität, tatsächlich benötigte Weiterbildungen auszuwählen, sagt DIHK-Vizehauptgeschäftsführer Dercks.

„Damit dies gut gelingt, ist parallel eine weitere Verbesserung der Weiterbildungsberatung sinnvoll.“ Die Grünen-Sprecherin für Aus-und Weiterbildung, Beate Walter-Rosenheimer, mahnt, auf jeden Fall die Betriebe weiter eng einzubinden: „Sie wissen selbst am besten, welche Kompetenzen in Zukunft gebraucht werden.“

Während die Bundesregierung noch über ihrer Weiterbildungsstrategie brütet, kommen aus der Opposition schon eigene Vorstellungen: „Lebenslanges Lernen muss die vierte Säule des Bildungssystems werden, wenn Deutschland den Anschluss an die digitale Transformation der Wirtschaft nicht verlieren will“, sagt Grünen-Digitalpolitiker Dieter Janecek. „Die Arbeitsagenturen sollten künftig alle Betriebe und alle Erwerbstätigen unterstützen – und zwar nicht erst, wenn jemand ohne Job ist.“ Entsprechende Pläne finden sich auch bei der SPD, die aus der Bundesagentur für Arbeit eine Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung machen will.

Die FDP macht sich für ein „digitales Freiraumkonto“ stark, auf dem Beschäftigte Geld für Kursgebühren, Verdienstausfall bei Fortbildungen oder ein Sabbatical ansparen können. Hier gibt es durchaus Parallelen zum „Chancenkonto“ der SPD. Geringverdienern wollen die Liberalen Weiterbildung durch ein „Midlife-Bafög“ ermöglichen.

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