Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wertschöpfungsabgabe für Unternehmen So könnte die Finanzierung des Sozialstaats umgestellt werden

Wie lässt sich der Sozialstaat in Zukunft finanzieren? Ökonomen haben eine Alternative durchgerechnet, die für Arbeitgeber viel ändern würde.
Kommentieren
Im Trend sinkt der Anteil der Löhne am Volkseinkommen. Quelle: dpa
Löhne wachsen langsamer

Im Trend sinkt der Anteil der Löhne am Volkseinkommen.

(Foto: dpa)

Berlin In Deutschland herrscht Rekordbeschäftigung, dennoch geht der Anteil der Löhne am Volkseinkommen im langfristigen Trend zurück. Diese Entwicklung dürfte sich mit dem digitalen Wandel der Arbeitswelt noch verstärken. Für den Sozialstaat ist das ein Problem: Die wichtigste Finanzierungsquelle der gesetzlichen Rente, des Gesundheitswesens und der Arbeitslosenversicherung sind beitragspflichtige Lohneinkommen.

Eine Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) hat nun eine Idee reaktiviert, die bereits vor drei Jahrzehnten diskutiert wurde: Um der Erosion des Produktionsfaktors Arbeit zu begegnen, könnten die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung auf eine Wertschöpfungsabgabe umgestellt werden. Die Bemessungsgrundlage der bislang an die Arbeitnehmerentgelte gekoppelten Beiträge der Unternehmen würde dabei um Gewinne, Fremdkapitalzinsen und Abschreibungen erweitert.

In den 1980er Jahren ebbte die Debatte um eine Wertschöpfungsabgabe wieder ab. Studien hatten damals gezeigt, dass eine Umstellung zu einem gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsrückgang und einer Hemmung der Investitionen führen würde.

Die aktuellen Simulationsrechnungen, die das Handelsblatt Research Institute für das DIA vorgenommen hat, sehen dagegen nach einer Delle in der Übergangszeit langfristig positive Beschäftigungseffekte. Auch die Wirtschaftsleistung würde demnach langfristig keinen Dämpfer erhalten.

Dass eine Wertschöpfungsabgabe nicht mehr als Jobkiller wirkt, erklärt Studienautor Bert Rürup mit der gewandelten Struktur der deutschen Volkswirtschaft. So verlagere sich etwa die Beschäftigung zunehmend von der Industrie in den Dienstleistungssektor.

„Alles in allem stellt die Umstellung der Arbeitgeberanteile auf eine Finanzierung, die von der gesamten Wertschöpfung der Unternehmen abhängt, durchaus eine realpolitische Option dar“, sagt Rürup. Dabei gehe es nicht darum, die Arbeitgeber insgesamt stärker zur Kasse zu bitten. Das Gesamtvolumen der Arbeitgeberbeiträge würde sich nicht ändern, nur die Finanzierungsgrundlage wäre breiter.

Noch überdeckt die rosige Lage am Arbeitsmarkt die Auswirkungen des Rückgangs der Lohnquote, also des Anteils der Löhne am Volkseinkommen, auf das Beitragsaufkommen für die Sozialversicherungen. Die Zahl der der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt in Deutschland mit fast 33,5 Millionen so hoch wie noch nie.

„Der Honeymoon, den wir auf dem Arbeitsmarkt haben, wird aber nicht ewig halten“, mahnt Rürup. Der technologische Wandel werde sich massiv auf die Beschäftigung auswirken. Das klassische Arbeitsverhältnis, auf dem die Sozialversicherungen aufbauen, dürfte im Zeitalter der Digitalisierung an Bedeutung verlieren.

Zugleich gerät der Sozialstaat durch die Alterung der Bevölkerung unter Druck. Diese wird sich spätestens ab Mitte des kommenden Jahrzehnts deutlich bemerkbar machen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente gehen. Immer weniger Beitragszahler werden immer mehr Leistungsempfänger finanzieren müssen.

Die Einführung einer Wertschöpfungsabgabe hätte je nach Branche unterschiedliche Auswirkungen. Auf der Verliererseite würden der Studie zufolge Unternehmen in kapitalintensive Branchen wie die Landwirtschaft oder die Energiebranche stehen. Dagegen würde neben arbeitsintensiven Branchen wie dem Baugewerbe vor allem der Staat in seiner Rolle als öffentlicher Arbeitgeber entlastet.

Die Studienautoren Rürup und Dennis Huchzermeier rechnen vor, dass sich eine Umstellung des Systems vor allem dann lohnen würde, wenn der Staat einen Teil dieser Ersparnisse für Investitionen sowie die Schaffung zusätzlicher Stellen in Bereichen wie Bildung oder Pflege nutzen würde.

Verglichen mit dem Referenzszenario, bei dem die bisherige Finanzierung der Sozialversicherung zu Grunde gelegt wird, könnte die deutsche Wirtschaftsleistung dann im Jahr 2020 um rund zwölf Milliarden Euro höher ausfallen. Im Jahr 2030 läge das Plus bei rund 22 Milliarden Euro. Außerdem könnte es mittelfristig etwa 200.000 mehr Jobs geben.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

0 Kommentare zu "Wertschöpfungsabgabe für Unternehmen: So könnte die Finanzierung des Sozialstaats umgestellt werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.