What's right? Endlich, Herr Gauck!

Der Bundespräsident mit dem großem Bonus eines Freidenkers in sein Amt. Doch bislang hat Joachim Gauck nur in Plattitüden der politischen Korrektheit gesprochen. Jetzt findet er plötzlich zu Haltung und Klartext. Gut so!
21 Kommentare
Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Joachim Gauck macht formal eine gute Figur. Der Bundespräsident hat in seinen ersten beiden Jahren dem Amt das zurück gegeben, was es dringender braucht als alles andere: Würde und Respekt. Nach den spektakulär gescheiterten Präsidentschaften Köhler und Wulff ist das schon viel. Seine Reden – der pastorale Ton ist wie gemacht fürs Amt – fühlen sich an wie Wellnessoasen der Debattenrepublik, seine Auftritte kommen, wenn schon nicht geschmeidig oder cool, so doch gesetzt und stilsicher daher. Seine Beliebtheit ist ebenso da wie seine Integrationskraft.

Und doch liegt über Schloss Bellevue ein Schleier des Unechten. Gauck war als Mann mit ungewöhnlicher Integrität und geistiger Autonomie gestartet. Er gehörte nicht zum glatt geschliffenen politischen Establishment, er konnte unbequem sein und war ein Freidenker, noch dazu ein intelligenter. Umso enttäuschender wirkte dann die Rolle, die er als 11. Bundespräsident der Republik annahm – nämlich die eines reichlich Konventionellen.

Gauck sprach plötzlich so, wie alle in Berlin sprechen, wenn sie nicht anecken, aber geliebt sein wollen. Er entfaltete einen Superkonformismus, der zu seiner Persönlichkeit nicht passt. Er redete politisch korrekt, obwohl er in seinem Leben die politische Korrektheit stets verabscheut hat, weil sie das freie Denken und offene Reden, ja am Ende die Wahrheit verbarrikadiert. Man konnte schon fürchten, dass die Präsidentschaft im Gutmenschentum endet und man hernach nicht hätte sagen können, was eigentlich sein Thema war.

Nun aber tritt plötzlich ein neuer Präsident zu Tage. Der alte Gauck nämlich, so als habe er sich gesagt – ich nehme mir zwei Jahre, um die Wunden des Amtes mit Therapeutensprech zu heilen, aber nun wird wieder Tacheles geredet! Mit zwei Donnerschlägen gibt er seiner Präsidentschaft schlagartig Profil. Zunächst macht er undiplomatisch Front gegen ein Russland der Menschenrechtsverletzungen. Er sagt – unabgesprochen mit der politischen Klasse – seine Teilnahme bei den Olympischen Spielen ab und riskiert damit diplomatische Verwerfungen. Auch wenn von der Kanzlerin (die jeden Kontrollverlust hasst) bis zu den Wirtschaftsverbänden (die um Russlandgeschäfte bangen) mancher entsetzt reagiert, so ist dieser Schritt doch großartig. Gerade Gauck mit seiner Vergangenheit als Bürgerrechtler der DDR wagt damit einen moralischen Schritt hinaus aus dem diplomatisch-politischen Menuett in die Taktlosigkeit einer Überzeugung, die ihm heilig ist. Gerade solche Grenzüberschreitungen machen aus einem Präsidentendarsteller einen echten Präsidenten.

Und nun der zweite Eklat: Gauck ergreift offen Partei für den Neoliberalismus. Das ist in Deutschland ungefähr so populär wie Fußpilz. Gauck aber lässt sich von der politisch unkorrekten Überzeugung nicht abbringen. Er warnt in einer Grundsatzrede vor zu viel staatlicher Regulierung und fordert mehr Wettbewerb. Der Begriff Neoliberalismus sei viel zu negativ besetzt. Vorurteilen gegen Marktwirtschaft und Liberalismus müsse entgegengetreten werden, denn freier Markt und freier Wettbewerb seien die Eckpfeiler der Demokratie. Freiheit in der Gesellschaft und Freiheit in der Wirtschaft gehörten zusammen.

Der europäische Supernanny-Sozialstaat bedarf dringend der Revision
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21 Kommentare zu "What's right?: Endlich, Herr Gauck!"

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  • Mein Gott Herr Weimer,
    Sie haben aber auch schon bessre Sachen geschrieben.
    Ud nehmen Sie mal zur Kenntnis, dass Gauck kein Bürgerrechtler war.
    Gauck ist auf den Zug aufgesprungen, als der bereits im Bahnhof war.

  • omegalicht
    Sie haben meine vollste Zustimmung.
    Diesr Mann ist der schlechteste BuPrä den dieses Land je hatte
    Ein slebstverleibter Schwafelkopp

  • Weimers Blog bietet jede Woche Überraschungen. Weniger wegen seiner kognitive Brillanz, die wird durch intellektuelle Unredlichkeit konsequent desavouiert, sondern wegen des offenkundigen Erweises, dass hier auf nonchalante Weise, der Wirtschaftsjournalismus auf den Hund oder besser gesagt unter die ideologischen Räder gekommen ist. Diesmal wird Marktwirtschaft gleichgesetzt mit dem Glauben, dass der Markt alles lösen kann. Das alles entzündet sich am Unsinn der gauckschen Suada anlässlich des Jubiläums des Walter-Eucken-Instituts. Da redet einer wie der Blinde von der Farbe und sofort erkennt so mancher Journalist bodenlosen Tiefsinn. Da bedient sich ein Bundespräsident wohlfeiler Floskeln und schwadroniert davon, Selbstverantwortung, freier Markt und freier Wettbewerb seien die Eckpfeiler der Demokratie. Dabei vergisst er auf entlarvende Weise, dass z.B. für den Leistungsberechtigten Hartz IV-ler das alles nicht gilt. Ihm wird völlig undemokratisch jede Autonomie, Vertragsfreiheit und Verhandlungsmacht entzogen. Er muss sich unterwerfen und als Unfreier jede Zumutung ertragen. Dort träfe Gauck ins Schwarze, wenn er feststellt: „Ungerechtigkeit gedeiht nämlich gerade dort, wo Wettbewerb eingeschränkt wird“. Aber das wäre ja eine präsidiale Leistung. Der verweigert sich Gauck dann doch lieber mit populistischen Sprüchen. Das kommt an bei den Weimers. Herr Gauck sollte mal an einem Seminar wirtschaftsnaher Verbände teilnehmen, dort könnte er hören, dass der Begriff der Leistungsgerechtigkeit ausdrücklich abgelehnt wird, weil sich dieser Maßstab als untauglich erweist den Anspruch auf finanzielle Besserstellung aufrecht zu erhalten. Insofern zeigt sich der Neoliberalismus in alledem, was Gauck für reputationsfähig hält, gerade nicht. Wie überhaupt die Unschärfe seiner Rede insbesondere darin besteht, dass er in pastoraler Manier alle Gegensätze zu einem klebrigen Brei zusammenrührt. Gauck ist halt das, was er immer war: notorischer Opportunist.

  • Für mich ist er schon lange nur noch der Super-GAU ;-)

  • "Mit zwei Donnerschlägen gibt er seiner Präsidentschaft schlagartig Profil. Zunächst macht er undiplomatisch Front gegen ein Russland der Menschenrechtsverletzungen."

    Es ist schön, dass Sie es so sehen. Ich habe es so bisher noch nicht gesehen. Für mich gauck-elt er uns immer noch etwas vor.

    Ich finde es grundsätzlich richtig, die Rede zu führen, aber als Bundespräsident würde ich zuerst die Frage stellen: Wie sieht es denn in unserem eigenen Hause aus?

    Ich denke z.B. an den Fall Mollath. Ich denke aber auch an die Vorschriften des Sozialgesetzbuches und dort wieder an spezielle Fälle.

    Kurz die Darlegung:
    Einem Arbeitgeber obliegt im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses die Fürsorgepflicht. Verletzt sich ein Arbeitnehmer aber im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses (z.B. Wegeunfall), dann haftet der Arbeitgeber nicht mehr. Die Berufsgenossenschaft tritt gemäß Sozialgesetzbuch ein.

    Was macht die Berufsgenossenschaft? Ganz einfach! Sie heftet die Unfallmeldung ab und wartet, wartet und wartet.

    Kommt es zu einem Gerichtsverfahren vor dem Sozialgericht, dann ist sie auch bereit für eine geforderte Stellungnahme seitens eines Arztes etwas mehr zu bezahlen. Die Formulierung lautet wörtlich: "Wegen des schwierigen Sachverhaltes erhöhte Gebühr gemäß telefonischer Vereinbarung."

    Zudem behaupten Richter etwas in den Akten gesehen zu haben, was dort erst gar nicht enthalten ist.

    Ich könnte diese Beschreibung noch lange, lange fortsetzen. Aber ist es nicht ungeheuerlich wie Verwaltung und Gerichte gemeinsam gegen Unfallverletzte zusammenarbeiten. Dem Vernehmen nach schildere ich keinen Einzel-, sondern eher den Normalfall.

    Herr Gauck, informieren Sie sich vorher, bevor Sie andere kritisieren. Als Pfarrer stand Ihnen zu, Beschwerde zu führen. Als Amtsperson müssen Sie sich zuerst einmal umsehen, wie es denn im eigenen Land, dem aussieht.

    Haben Sie sich eigentlich schon für Herrn Mollath eingesetzt oder verbietet es Ihnen Ihr Amt sich für Menschenrechte im Inlandeinzusetzen

  • ich wußte gar nicht, dass der krank ist.

    Was hat er denn?
    - Entzugserscheinungen durch Beobachtungsverluste?
    - Totalverlust von ökonomischem Verständnis?
    - Verlust des Überblicks?
    - Zündende Ideen zur massenweisen Schaffung von Arbeitsplätzen in D, im Gegensatz zu der noch amtierenden Regierung?

  • gauck ist gelernter pfarrer. was will man schon von ihm in wirtschaftlichen dingen erwarten. irgend etwas muß er ja von zeit zu zeit dem volke sagen. ist ja sein job. immer nur freiheit predigen wird ja auch langweilig. ein bisschen in die wirtschaft abgleiten ohne natürlich für seine wirtschaftspredigt jemals die konsequenzen tragen zu müssen (stichwort lebenslanger ehrensold, muß ja irgendwo her kommen und von irgendjemanden bezahlt werden). ja, ja, unsere repräsentanten. wichtig, wichtig, wichtig.....tss, tss, tss......sollte mal lieber über kinder und/oder altersarmut in deutschland sprechen, vielleicht auch über seine vorstellungen zu deren lösung. glaube darauf können wir lange warten. lieber friede freude eierkuchen sprech.

  • Zitat: Gauck aber lässt sich von der politisch unkorrekten Überzeugung nicht abbringen.

    Gauck und politisch unkorrekt. Herr Weimer, Sie wurden doch gewarnt die Medikamente nicht zu mischen, Realitätsverlust droht. Wenn der Gauckler je politisch unkorrekt wird (nicht nur rumlabert) trete ich wieder in die SPD ein. Versprochen.
    Das hier der Pfarrer G. aus der Ostzone den KGB Putin nicht mag ist ja G.'s Sache. Aber hier als Präsident Deutschlands den Nabarn zu brüskieren ist, ja ist irgendwie Gauck.

  • Neues vom Gaukler.

  • Der Aufruf, zur "Sozialen Marktwirtschaft" des Ordoliberalismus Walter Euckens & Co. zurück zu kehren, den das Gespann Adenauer-Abs-Pferdmenges im Interesse der Wirtschaft zum alleinigen Marktregulierer durch allgegenwärtigen Lobbyismus und der bequemen Politik eines Regulierungsgesetze ab nickenden bloßen Verteilungsstaates 1957 verlassen hat, ist ja nicht neu und wird immer mal wieder erhoben, meistens wenn die Walter-Eucken-Gesellschaft mal wieder Jahrestag feiert. Da brauchen Sie nicht gleich aufzuspringen und die Hacken zusammen zu schlagen, Herr Weimer. Denn wohin dieses Land durch diese Politik geführt wurde, sagen uns, meistens hören wir dann weg, verstehen es nicht oder wollen es nicht verstehen, einige wenige Generationenforscher, wie der Freiburger Professor Raffelhüschen: Dieses Land hat einschließlich des ängstlich verborgenen Nachhaltigkeitshaushalts bis jetzt fast 8,0 Bio., das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung oder 80% des gesamten inländischen Nettovermögens an Schulden aufgebaut und die Neigung, den durch eine Korrektur der Agenda 2010, uferlose Kosten der Energiewende und der Subventionierung eines EU-Großeuropas nach kommunistischen Muster der Verteilungsgerechtigkeit, immer noch weiter zu erhöhen. Und wenn Herr Gauck in diesem Zusammenhang die Wirtschaftswissenschaft mahnt, ihre „Selbstgewißheit“ aufzugeben, dann ist er sachlich und zeitlich schlecht informiert: Die Damen und Herren haben überhaupt keine Selbstgewißheit, sondern hängen am Steuertopf der Politik, die sie eigentlich wahrheitsgemäß begleiten sollten. Glücklicherweise haben sich jetzt 200 dieser Professoren aufgemacht, eine solche Gemeinschaft der Wahrheitssucher im Kantischen Sinne zu installieren. Die Bürger verhalten sich aber immer noch wie der Kostenrechner, der aus dem sechsten Stock eines Hauses fällt und nach dem dritten Stock sagt: bis jetzt ist ja alles gut gegangen,
    Mit freundlichen Grüßen aus der AfD
    Klaus Peter Kraa

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