What's right? Schluss mit dem Gutmenschen-Gegurke

Eine Glaubwürdigkeitskrise erfasst die Medien – auch jenseits demagogischer Lügenpresse-Vorwürfe. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen waren 2015 so staatsnah wie nie. Doch das schadet der Demokratie.
Update: 11.12.2015 - 16:00 Uhr 83 Kommentare
Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Diese fordernde Beobachtung der Journalisten-Legende Hajo Friedrich ist ebenso klug wie richtig – nur wird sie immer häufiger missachtet.

Im zu Ende gehenden Jahr 2015 haben deutsche Medien sich geradezu lustvoll mit vermeintlich guten Sachen gemein gemacht. Ob Klimapolitik oder Euro-Rettung oder Pegida-Beschimpfung oder Ukrainepolitik oder Migranten-Willkommenskultur – zu viele Medien waren zu sehr damit befasst, der jeweils offiziellen Regierungspolitik nicht nur die Mikrofone zu halten, sondern die eigenen Verstärker voll aufzudrehen.

Nicht dass die Regierung bei diesen Themen grundsätzlich falsch liegen würde, aber wenn die Medien ihre kritische Kontrollfunktion nicht mehr wahrnehmen, sondern sich gemein machen mit der Macht und ihrer vorgeblichen Tugend, dann verkleinern sie sich zu gefühlten Propagandisten, dann deformieren sie die politische Kultur, dann verlieren sie Glaubwürdigkeit und Legitimation. Am Ende schadet der Konformismus des Guten der Demokratie.

So teuer sind die deutschen Talkshows
7. Platz: Markus Lanz
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7. Platz: „Markus Lanz“ mit Markus Lanz

Die ZDF-Sendung mit dem „Wetten, dass“-Moderator verursacht Sender und Gebührenzahler die niedrigsten Kosten. Der Minutenpreis von „Markus Lanz“ liegt bei 1424 Euro. Was die Einschaltquoten angeht, rangiert das Talkformat auf dem sechsten Platz. Die Minuten-Preise für Lanz sind auch deshalb die niedrigsten, weil die Show oftmals sehr effizient gedreht wird. So zeichnet der „Wetten, dass..?”-Moderator auch einmal mehrere Sendungen an einem Tag auf. Vor allem bei den aktuellen Talkformaten ist dies ein undenkbares Vorgehen.

6. Platz: Sandra Maischberger
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6. Platz: „Menschen bei Maischberger“ mit Sandra Maischberger

Das Maischberger-Format ist das Schnäppchen unter den ARD-Talkshows. Mit durchschnittlichen Kosten von 1424 Euro pro Minute schlägt die Runde mit Sandra Maischberger bei Sendern – und Gebührenzahlern zu Buche. bei Bei den Einschaltquoten liegt die Sendung auf dem vierten Platz.

5. Platz: Maybrit Illner
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5. Platz: „Maybrit Illner“ mit Maybrit Illner

Mit Kosten von 1753 Euro ist die erste ZDF-Sendung die fünfteuerste unter den Talkshows. Bei den Einschaltquoten liegt sie auf dem dritten Platz. Die für die Rangliste verantwortliche KEF empfiehlt vor allem eine leichte Senkung der Rundfunkgebühren.

4. Platz: Beckmann
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4. Platz: „Beckmann“ mit Reinhold Beckmann

Die selbstbetitelte Fernsehsendung von Reinhold Beckmann liegt bei einem durchschnittlichen Minutenpreis von 2293 Euro, erhält aber die geringsten Einschaltquoten der sieben Talkformate, die in ARD und ZDF ausgestrahlt werden.

3. Platz: Anne Will
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3. Platz: „Anne Will“ mit Anne Will

Die Sendung mit der Kölner Fernsehjournalistin kostete im Durchschnitt pro Minute 2419 Euro. Anne Will belegt damit den dritten Platz im Ranking der teuersten Talkshows Deutschlands.

2. Platz: Frank Plasberg
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2. Platz: „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg

Für die Talkshow „Hart aber fair“ werden für 60 Sekunden 2796 Euro fällig. Zwischen den Kosten einer Sendung und den Einschaltquoten besteht ein enger Zusammenhang: Die zweitteuerste Talksendung der öffentlich-rechtlichen Sender liegt auch bei den Einschaltquoten auf Rang zwei.

1. Platz: Günther Jauch
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1. Platz: „Günther Jauch“ mit Günther Jauch

Der Talkmaster steht mit seiner selbstbetitelten Sendung an der Spitze des 19. Berichtes der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Sender (KEF), die die Minutenpreise deutscher Fernsehshows misst. Die TV-Show aus dem Berliner Gasometer kostet 4634 Euro pro Minute und ist mit Abstand die beliebteste Talkshow Deutschlands. Jauchs Gage macht dabei tatsächlich nur einen Teil der Kosten aus. Vielmehr wird die Sendung aufwändig produziert und inszeniert.

Denn wenn alle nur das vermeintliche Gute der Obrigkeit wiedergeben, dann entsteht eine autoritäre Form der politischen Korrektheit. Ein Zuviel des Guten wird selber schlecht. Denn in einer Demokratie, in der Medien zu Besserungsanstalten der Nation mutieren, wird plötzlich „das Ungesagte zum Eigentlichen“ (Martin Walser). Und so kommt es, dass nach einer Allensbach-Feldforschung unglaubliche 45 Prozent der deutschen Bevölkerung behaupten, man müsse in Deutschland vorsichtig sein, seine Meinung zur Flüchtlingsfrage zu äußern.

Fast die Hälfte der Bevölkerung hält also die Meinungsfreiheit derzeit für nicht gewährleistet – ein katastrophaler Befund für Medien, die vielfältige Meinungen eigentlich sichtbar machen sollten, und auch für den Zustand unserer Demokratie. Offensichtlich haben die Medien ein Kommunikationsfeld definiert, auf dem es diejenigen gibt, die am Münchener Hauptbahnhof die Flüchtlinge jubelnd willkommen heißen und diejenigen, die wütend bei Pegida mitmarschieren. Was aber ist mit der übergroßen Mehrheit dazwischen?

Wenn linksverschrobene Verschwörungstheoretiker oder rechtsextreme Dumpflinge Deutschlands Medien als kollektive „Lügenpresse“ diffamieren, dann ist das natürlich demagogisch und eine Lüge in sich selbst. Gleichwohl spaziert die Vokabel so verdächtig erfolgreich durchs Land, weil sie ein weiträumiges und wachsendes Misstrauen der Bevölkerung zu den Medien direkt anspricht.

Es ist eben ein Unterschied, ob Sigmar Gabriel protestierende Ostdeutsche als „Pack“ beschimpft oder ob die Mehrzahl der Medien ihm hernach damit folgt. Nach einer Studie von infratest dimap (im Auftrag der „Zeit“) hat mittlerweile die klare Mehrheit der Deutschen, insgesamt 60 Prozent, wenig (53 Prozent) oder gar kein (7 Prozent) Vertrauen in die Medien. Auch das Allensbacher Institut für Demoskopie misst, dass sich nur ein knappes Drittel der Bevölkerung in den Medien „ausgewogen“ informiert sieht, fast die Hälfte der Bevölkerung empfindet die Berichterstattung als „einseitig“.

Sollte man das ZDF besser privatisieren?
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83 Kommentare zu "What's right?: Schluss mit dem Gutmenschen-Gegurke"

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  • Zustimmung! Die gleiche Erfahrung habe ich auch gemacht.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang das in den Nachbarländern eine komplett andere mediale Kultur herrscht. Sind alle Länder dieser Welt auf dem falschen Weg? Hat nur Deutschland recht?

  • "Alleine, wer in dem Zusammenhang mit der neuen Völkerwanderung von sog. "Flüchtlingen" spricht und schreibt, lügt bereits."

    Wie sagen es die alt 68er: "Du siehst das falsch..."
    Dann wird so lange diskutiert, Zigaretten gedreht und gekifft bis alle müde sind.
    So auch im Grossteil der Bevölkerung. Es wird so lange gequatscht und manipuliert bis die Gurke gerade und der Analphabet im nächsten Jahr zum Hochschulstudiumbeginner wird.
    Die Kultur befindet sich in Deutschland im Sturzflug.

  • Klingt ein bisschen so als ob man hier versucht Bürger und Staat wieder näher zusammen zuführen. Mir geht das Gutmenschen Gequatsche komplett auf den Wecker. Erst heute im Auto beim NDR Info: Ein Moderator oder irgend so ein B-Promi der heute auf irgendeiner Gala moderiert, ballert so dermassen auf die Hörer ein das einem wirklich schlecht wird. Da ist die Rede von "gesellschaftlicher Verantwortung", " So wurde ich erzogen", "jeder kann helfen, ehrenamtlich, oder wie der feine Herr eben auf einer Spendengala". Das alles war so extrem geschwängert vom Unterton..."Und du, ja genau du bist ein faschistisches Schwein wenn du dich nicht dafür begeisterst." Ich habe für mich beschlossen ein "Schlechtmensch" zu sein. Denn dieses kritiklose Durchwinken was in den Medien stattfindet ist nicht mehr auszuhalten. Die Sender sind selber Schuld wenn ihnen die Zuschauer und Hörer in Scharren weg brechen.

  • In der Türkei hält man nichts aber auch gar nichts von Deutschen mit türkischer Abstammung. Das hat seinen Grund, daß die Guten niemals ihre Heimat verlassen haben.

  • Was der ehemalige Springer-Journalist, Herr Weimer da schreibt, ist alles längst schon bekannt. Trotzdem auch mein "Danke" dafür! Es ist schon so, dass man heutzutage froh sein kann, wenn die offensichtlichsten Dinge zur Abwechslung mal nicht abgestritten werden.

    Aber wieso wehrt er sich noch gegen den Begriff "Lügenpresse"? Alleine, wer in dem Zusammenhang mit der neuen Völkerwanderung von sog. "Flüchtlingen" spricht und schreibt, lügt bereits.

  • Die Angst der Altparteien gegenüber neuen vernunftorientierten Parteien muss riesengross sein. Anders ist der gemeinsame Angriff gegen die AfD nicht zu verstehen. Alle und alles wurde auf die Beine gekriegt. Man versuchte die Neupartei lächerlich zu machen. Lud unfaire Gesprächstpartner ein. Führte Zwiegespräche.
    Alles hat kaum etwas genützt.
    Vielleicht setzt sich die Vernunft bei der nächsten Wahl durch. Nur ist es dann zu spät. Die Dauerüberweisungen an die künftige H4-Millionenschaar sind bereits gedruckt.
    Armut tut weh! Armut führt zur Auswanderung. Armut führt aber auch zu Aggressionen und Handgreiflichkeiten. Die Verursacher der nun bevorstehenden Verarmung müssen jetzt zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht erst bei der nächsten Wahl.

  • Herr C. Falk@Das war böse, zum Glück war ich nie Anhäger des Bastardes auch wenn gestern ein besonders gebildeter ausländischer Kommentator das behauptete.

  • Herr Weimer hat wie immer mitten in's Schwarze getroffen:

    "Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen waren 2015 so staatsnah wie nie. Doch das schadet der Demokratie."

    Ich hätte allerdings den Kreis der "Betroffenen" Medien nicht so eng gezogen und auf die "Öffentlich-Rechtlichen" beschränkt.....

    Wenn überall nur noch undifferenziert "gejubelt wird" läuft was falsch.

    Das war beim Adolf so und danach bei Honi.
    Die eine oder andere positive Ausnahme ist deshalb heute (leider) besonderes auffällig.

    Herr Weimer gehört in jedem Fall positiv dazu !
    Herr Weimer - bleiben sie entsprechend "dran" - Danke

  • Die Verkaufszahlen der Zeitungen sprechen eine klare Sprache, es geht " Berg ab".
    Viel wichtiger sind der Anzeigenmarkt, der geht dann ebenfalls in die eine Richtung.
    Woran liegt es wohl wenn Menschen sagen das ausser den Todesanzeigen nichts wahres in den Zeitungen drin steht?
    Lügenpresse stimmt völlig zu Recht, Fernsehen und Radio dürfen sich auch betroffen fühlen.
    Würden die Menschen hier wählen dürfen für Staatsfernsehen und Radio und damit die GEZ oder dagegen, morgen gäbe es diesen Quatsch nicht mehr.Aber was soll man tun mit den "Journalisten" und studierten Lügnern?. eine für die Wirtschaft brauchbare Ausbildung haben sie nicht vorzuweisen. Betreuung von "Wirtschaftsreisenden" scheint ein gutes Betätigungsfeld zu sein.

  • Hihi, da haben Sie Recht!
    Schauen Sie mal wie viele türkischstämmige Politiker bei den etablierten Parteien sind.
    p.s.: Bei der AfD und der NPD habe ich noch keine ausmachen können.

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