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Winfried Kretschmann im Porträt Der Vorzeige-Grüne, der seine Parteifreunde verzweifeln lässt

Der Grünen-Politiker hat bei den Landtagswahlen seine Macht in Baden-Württemberg verteidigt. Was treibt den Öko-Pragmatiker in seiner dritten Amtszeit an?
14.03.2021 - 19:50 Uhr 2 Kommentare
Einst linksradikalen Ansichten zugetan, gilt der Ministerpräsident Baden-Württembergs inzwischen als Wirtschaftsfreund. Quelle: dpa
Winfried Kretschmann und seine Frau Gerlinde

Einst linksradikalen Ansichten zugetan, gilt der Ministerpräsident Baden-Württembergs inzwischen als Wirtschaftsfreund.

(Foto: dpa)

Berlin Winfried Kretschmann, 72, in Studentenzeiten linksradikal, heute wirtschaftsaffiner, konservativer Vorzeigepolitiker der Grünen, steht in Baden-Württemberg vor seiner dritten Amtszeit als Regierungschef.

Dabei hatte es vor zehn Jahren noch geheißen: Kretschmann und die Wirtschaft, das sei eine „mittlere Katastrophe“. Ihm selbst fiel nach den Landtagswahlen 2011 der lockere Spruch ein: „Weniger Autos sind besser als mehr.“ Kretschmann war da als Ministerpräsident noch nicht vereidigt. Drei Tage später hatte er den damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche in seinem Büro sitzen.

Ein Unfall der Geschichte, hätten viele in der Wirtschaft über die erfolgreichen Grünen gedacht – so erzählt es Kretschmann rückblickend in einem seiner jüngst erschienenen Podcasts „Sonntagsausflug“, in denen er an Orten, „die mir etwas bedeuten“, persönlich, politisch und manchmal auch ziemlich philosophisch wird. An „tiefe Skepsis und Misstrauen“ erinnert sich der Mann mit dem markanten Bürstenhaarschnitt, der die ersten fünf Jahre mit der SPD, danach in einer Koalition mit der CDU regierte.

Heute hat sich die Wirtschaft in Baden-Württemberg längst gut mit Kretschmann arrangiert, der bis heute der einzige grüne Regierungschef eines Bundeslandes ist. Unternehmer bescheinigen der grün-schwarzen Regierung, „pragmatisch und zukunftsorientiert zu sein“.

Kretschmann selbst, der etwa alle drei Wochen ein Unternehmen besucht, gerät inzwischen geradezu ins Schwärmen: „In so einem Land mit so einem Unternehmertum“ sei man gern Ministerpräsident. „Regieren in Baden-Württemberg ist einfach eine großartige Angelegenheit.“

Der Klimawandel hat ihn bewogen, noch einmal anzutreten

Für die nächsten Jahre hat sich der Schwabe einiges vorgenommen. Der Klimawandel habe ihn bewogen, noch einmal anzutreten. „Ohne dieses wichtige Thema hätte ich es wohl nicht noch einmal gemacht“, bekennt der Mann, der im Endspurt des Wahlkampfs auf Plakaten mit den Worten „Sie kennen mich“ geworben hat. 

Dass er damit eine Anleihe bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm, die diesen Spruch 2013 in ihrem Schlusswort im TV-Duell unterbrachte, stört ihn offenkundig nicht. Kretschmann und die Kanzlerin – das ist ein Nehmen und Geben: Schon in der Flüchtlingskrise bekannte er, jeden Tag für Merkel zu beten.

So mancher Grüne verzweifelt mitunter an Kretschmann, der zwar hinlänglich bewiesen hat, dass er Mehrheiten holen und halten kann. Damit ist er ein Aushängeschild seiner Partei, die auch auf Bundesebene wieder regieren will. Und doch ist er seinen Parteifreunden häufig einfach nicht grün genug.

Kretschmann, oftmals kurz „Kretsch“ genannt, ist ein konservativer Grüner, der Klimaschutz mitunter fast in homöopathischen Dosen betreibt. Der Ausbau der Windkraft im Ländle geht beispielsweise deutlich langsamer voran als geplant. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung beträgt nur gut 30 Prozent. Im Bundesdurchschnitt sind es knapp 50 Prozent. 

Für Frust bei den Berliner Kollegen sorgt Kretschmann, wenn er sich geradezu stur für Prämien für Autos mit Verbrennungsmotoren ausspricht. Für ihn keine klimapolitische Sünde, sondern wirtschaftspolitische Pflicht. Die Unternehmen fordern, aber nicht überfordern, das ist seine Devise.

Er mache Klimaschutz „wirtschaftsfreundlich und sozial verträglich“, so formuliert er es selbst. Damit klar werde, dass „wir dabei etwas zu gewinnen und nicht zu verlieren haben“. Der Anteil seines Bundeslandes an den globalen Emissionen sei zu gering, um die Welt zu retten, findet Kretschmann.

Aufgabe Baden-Württembergs mit seinen vielen Automobil- und Maschinenbauspezialisten sei es vielmehr zu zeigen, dass mit Klimaschutz Geld verdient werden könne und dass Klimaschutz Wohlstand verspreche. Einem solchen Vorbild würden andere Regionen auf der Welt dann folgen.

Baden-Württemberg „kopierfähig“ machen

„Wir müssen die grünen Technologien liefern“, ist Kretschmann überzeugt, „unser Modell muss kopierfähig sein. Das ist unsere eigentliche Verantwortung.“

Seine Begeisterung für die Unternehmen im Ländle ist groß. Da fallen auch schon mal Begriffe wie „Hardware-Könige“, die jetzt aber vor der Herausforderung stünden, ihre Produkte mit der „IT-Welt zu verschrauben“. Und das möglichst emissionsfrei. Kretschmann ist mächtig stolz auf die vielen Weltmarktführer des Landes, aber auch wegen der vielen Start-ups, die jetzt ebenfalls „raus in die Welt“ gingen.

Diesen Schwung will er verstärken – beispielsweise durch kluge Verbindungen von Unternehmen und Hochschulen, die das Land verstärkt fördern will. „Wie halte ich das Land mit Innovationen stark?“, diese Frage habe ihn in den vergangenen Jahren immer mehr fasziniert, erzählt er. Eines seiner Lieblingsbeispiele: Bauen klimafreundlicher zu machen, verstärkt auf Holzbau zu setzen und Modellprojekte für nachhaltige Bauweisen zu unterstützen, weil die herkömmliche Bauweise mit Beton zu hohe Emissionen verursache.

Mitunter wird Kretschmann vorgeworfen, er neige zum Philosophieren – was indirekt heißt, ihm fehle es an Tatkraft. „Der Vorwurf trifft mich überhaupt nicht“, sagt Kretschmann. „Man muss Prinzipien haben, eine Perspektive. Und dann muss man das durchdenken, bevor man handelt.“

Philosophieren, bekennt er, das sei ihm wichtig, „aber das ist etwas anderes als Herumschwadronieren“. Drei Tugenden bringe er mit, erzählt er in seiner insgesamt siebenteiligen Podcast-Reihe: Leidenschaft, Besonnenheit und vor allem Neugierde. Wenn er spüren würde, dass diese ihn verlasse, „dann würde ich aufhören“.

Vorerst aber ist davon keine Spur zu sehen. Den Wahlsieg hat Kretschmann in der Tasche, jetzt muss er sondieren, in welchem Bündnis er die nächsten Jahre regieren will.

MehrDie CDU ist tief gefallen – kommt jetzt Söders Angriff auf Laschet?

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2 Kommentare zu "Winfried Kretschmann im Porträt: Der Vorzeige-Grüne, der seine Parteifreunde verzweifeln lässt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @Herr Pascal Geier
    Die Grünen mögen doch keine "alten weißen Männer". Deshalb ist Kretschmann auch nicht so sehr beliebt in den eigenen Reihen. Zudem äußert sich Kretschmann auch kritisch gegen „den Tugend-Terror“ und die „Sprachpolizisten“ seiner Grünen Kollegen.
    Kretschmann ist eigentlich bürgerlich, konservativ und pragmatisch - das gefällt vielen.
    Die chaotische Politik von Merkel und ihrer Seilschaft bezüglich Energie, Flüchtlinge und Corona wird inzwischen auch vielen CDU Wählern klar.

  • Kretschmann als Kanzlerkandidat bei den Grünen und SPD & CDU würden ziemliche Probleme im September bekommen.

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