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„Wir sind mehr“-Veranstaltung Zehntausende protestieren friedlich gegen rechts – AfD beleidigt Konzertbesucher

Nach den Märschen Rechtsradikaler in Chemnitz feiern 65.000 Menschen auf einem Konzert gegen rechts. Eine AfD-Politikerin nennt die Teilnehmer „abscheulich“.
Update: 04.09.2018 - 05:55 Uhr 2 Kommentare

65.000 Menschen in Chemnitz bei Konzert gegen Rechts

Chemnitz war in den vergangenen Tagen zum Sinnbild rechtsradikaler Aufruhr geworden. Nach dem Tod eines 35-jährigen Deutsch-Kubaners – in Untersuchungshaft sitzen dafür ein Iraker und ein Syrer – gingen dort Tausende Menschen zu rechten Protesten auf die Straßen.

Es folgten Bilder, die nicht nur in Deutschland entsetzten. Radikale jagten Menschen, von denen sie offenbar ausgingen, dass sie keine Deutsche waren. Es gab auch Gewalt gegen Journalisten und Zusammenstöße mit Polizei und Gegenprotestlern. Immer wieder waren rechte Parolen zu hören, einige Demonstranten zeigten sogar den Hitlergruß.

Am Montagabend aber sollte die Botschaft aus Chemnitz eine andere sein. In kurzer Zeit wurde ein Konzert auf die Beine gestellt. Unter dem Motto #wirsindmehr waren unter anderem die Toten Hosen, die Bands Kraftklub und Feine Sahne Fischfilet sowie die Rapper Casper, K.I.Z. und Marteria gekommen.

Sie wollten auf der Bühne auf dem Parkplatz vor der Johanneskirche den vielen Besuchern einheizen – und ein Zeichen gegen rechts setzen. „Wir solidarisieren uns mit all den Menschen, die von Neonazis angegriffen wurden, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind“, schrieben die Veranstalter vor dem Konzert auf Facebook.

Erwartet wurden 20.000 Menschen, gekommen waren 65.000. Von diesem Erfolg waren selbst die Organisatoren überrascht: „Als wir vor wenigen Tagen die Idee hatten, gegen die rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz ein spontanes Konzert mit klarer Positionierung auf die Beine zu stellen, haben wir mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem, was heute los war“, schreiben die Organisatoren auf ihrer Facebook-Seite. „WIR WAREN EINFACH MAL 65.000 LEUTE!“, fügten sie hinzu.

Die Stadt hatte die Zahl über Twitter noch am Abend bekanntgegeben. Die Polizei Sachsen bestätigte sie, ebenfalls über Twitter, und fügte hinzu, dass die Besucher friedlich unterwegs gewesen waren.

AfD-Politikerin Beatrix von Storch konnte offenbar nichts Gutes an dem Konzert finden. Über Twitter ließ sie Teilnehmer und Veranstalter wissen, was sie über sie denkt: „Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich – und ihr tanzt auf Gräbern“, schrieb sie.

Was an dem Abend an Reaktionen auf das Konzert noch passierte, darüber gibt der Twitter-Feed der Polizei Sachsen weiteren Aufschluss: „Wir erhalten aktuell Hinweise auf ein Bild des Sängers von @feinesahne, das den Straftatbestand des § 86 a StGB erfüllen soll“, heißt es dort. Gemeint ist ein Foto, das den Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet, Jan „Monchi“ Gorkow, angeblich mit Hitlergruß zeigt.

Die Polizei stellte in dem Tweet aber gleich fest: „Erste Ermittlungen ergeben aus unserer Sicht nur einen Schluss: Das Foto ist ein Fake! #Chemnitz #c0309.“

Das Bild war zuvor im Internet aufgetaucht – beispielsweise auf der Seite des Anwalts Martin Kohlmann, der den Informationen seiner Seite zufolge für die Bürgerbewegung Pro Chemnitz arbeitet.

Kohlmann hatte noch vor dem Konzert auf Facebook gepostet: „Ich mag Feine Sahne Fischfilet – war schon als Kind mein Lieblingsessen. Daher: Auf zur kritischen Teilnahme an der musikalischen Propagandaveranstaltung heute Abend!“ Darunter postete einer der Kommentatoren das Foto, das den vermeintlichen Hitlergruß des Sängers zeigt.

In einem Beitrag für T-Online geht Recherchechef Lars Wienand der Frage nach, wie es zu dem Bild gekommen war. Ihm zufolge sei das Foto ein Screenshot aus einem Video der Band, das sie auf ihrem Instagram-Account veröffentlichte.

Ärger im Zusammenhang mit der Band hatte es auch für den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gegeben. Er hatte auf seiner Facebook-Seite für das Konzert geworben. Weil aber die Gruppe Feine Sahne Fischfilet zeitweise vom Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern als linksextremistisch registriert worden war, gab es umgehend Kritik.

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte gegenüber der „Welt“: „Das, was wir wollen, ist, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat gegen rechts zu schützen. Und wenn man das dann mit denen von links tut, die genau in der gleichen Art und Weise auf Polizeibeamte verbal einprügeln, dann halte ich das für mehr als kritisch.“ Sie kenne Amtsvorgänger Steinmeiers, „bei denen ich sicher bin, dass sie das so unkritisch nicht unterstützt hätten“, fügte sie hinzu.

Kritik an der Band äußerte auch FDP-Generalsekretärin Nicola Beer: „Die Veranstalter tun sich keinen Gefallen damit, wenn sie solche Bands, die mit Gewalt gegen den Rechtsstaat vorgehen wollen, einladen“, sagte sie bei der Bild-Sendung „Die richtigen Fragen“.

„Die rechte Gewalt in Chemnitz hat auch Auswirkungen auf den Dax“


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2 Kommentare zu "„Wir sind mehr“-Veranstaltung: Zehntausende protestieren friedlich gegen rechts – AfD beleidigt Konzertbesucher "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Man kann das Ganze auch positiv sehen.
    Das Zusammenkarren von "Rechts-Gegnern" aus der ganzen Republik hat wohl nichts mit dem Kräfteverhältnis der Parteien in Chemnitz zu tun. Gemessen an der Bundesrepublik ist das Resultat eher schwach.
    Aber ein finanziellen Erfolg ist es sicher für Bus und Bahn. Ob Flugzeuge dabei beteiligt waren ist unklar...

  • Sehr geehrter Domenico Sciurti,
    gab es auch einen Protest gegen Links, als beim G20 Gipfel in Hamburg hunderte Autos in Flammen aufgingen und Menschen mit Molotow Cocktails angegriffen wurden?
    Wurde da auch so ein tolles Konzert durchgeführt? Leider nicht!
    Was mich stört, der Auslöser, der feige Mord an einem 35 jährigen Familienvater, tritt in den Hintergrund - jetzt wird nur noch über "gegen Rechts" berichtet. Leider sind diese Morde kein Einzelfall. Es schmerzt mich, wenn Gäste in Deutschland sich strafrechtlich falsch verhalten. Ebenso schmerzt es mich, wenn Linke, wie Rechte aber auch Menschen aus der Mitte sich strafrechtlich falsch verhalten.

    Insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich viele Politiker und Journalisten sehr gerne gegen Rechts empören, die Gewalt aber von Links nicht beachten.
    Es fehlt das Konzert der Empörung gegen Links!

    Persönlich würde ich weder das eine noch das andere Konzert besuchen, ich empöre mich nicht allzu gerne - und für die Verfolgung von Straftaten ist die Polizei zuständig. Für mich gehört Musik in den Bereich der Entspannung und Unterhaltung, nicht der Politik - das sehen wohl sehr viele anders! Und "aufheizen" lieber Domenico Sciurti ist in einer politisch schwierigen Situation NIE gut gewesen!

    Übrigens erinnert mich der Spruch "Wir sind mehr" an meine früheste Kindheit, wo es darum ging "mein Papa ist stärker als Deiner". Mir wäre ein Spruch der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz wichtiger! Man wird Rechte wie Linke nicht immer auf einen wohlgefälligen Weg der Mitte bringen können. Doch auch sie sind wichtige Mitglieder unserer Gesellschaft, auch wenn sie sich daneben benehmen und dafür die Konsequenzen tragen müssen.

    Ein kleiner Appell: Liebe Linke, liebe Rechte und liebe Mitte, aufregen ist nicht gut für die Gesundheit - empören an sich auch nicht - in einer Demokratie wirbt man freundlich und bestimmt für seine Ziele. Der Wähler macht dann an der Stelle ein Kreuz, wo er es für richtig hält.