Wirtschaftspolitik Die Grünen nähern sich Großkonzernen an

BASF-Chef Brudermüller und Roche-Vorstand Pfundner engagieren sich im Wirtschaftsbeirat der Ökopartei. Die will ihren Höhenflug verstetigen.
Kommentieren
Die Grünen wollen ihr Umfragehoch beibehalten. Quelle: dpa
Grünen-Vorsitzende Habeck, Baerbock

Die Grünen wollen ihr Umfragehoch beibehalten.

(Foto: dpa)

BerlinDie Grünen kommen beim Aufbau ihres Wirtschaftsbeirats voran. Eine Gruppe von 50 Managern, Unternehmern und Beratern wird nach Informationen des Handelsblatts zu den Gründungsmitgliedern gehören, wenn sich der geplante Beirat Mitte Oktober in Berlin konstituiert.

Auch die Chefs großer Konzerne machen keinen Bogen mehr um die Grünen. So werden Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des weltweit größten Chemiekonzerns BASF mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, und Hagen Pfundner, Vorstand des Schweizer Pharmakonzerns Roche mit drei Hauptstandorten und 16.000 Mitarbeitern allein in Deutschland, mit von der Partie sein. Ziel ist es, über einen klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft zu diskutieren.

BASF habe das Ziel einer nachhaltigen Gestaltung der Zukunft, sagte ein Unternehmenssprecher und bestätigte, dass Brudermüller eine Einladung zur Teilnahme am Beirat angenommen habe. Man sei davon überzeugt, eine innovationsoffenere Gesellschaft zu brauchen, begründete er das Engagement des BASF-Chefs.

Als eines der führenden Chemieunternehmen weltweit führe man eine „offene Diskussion mit allen Gruppen, die an einem Dialog und an einer gemeinsamen Zukunftsgestaltung interessiert sind“.

Die Zeiten, in denen sich die Grünen mit der Wirtschaft angelegt haben und im Gegenzug von Managern und Unternehmern nicht ernst genommen wurden, scheinen vorbei zu sein. „Die Grünen haben sich von alten Weltanschauungen und ihrer Skepsis gegen neue Technologien verabschiedet“, sagte der Unternehmer Arndt Kwiatkowski, Gründer und Geschäftsführer der Bettermarks GmbH in Berlin und ebenfalls potenzielles Mitglied des Beirats.

Die Partei habe sich mehr als andere auf nachhaltiges Wirtschaften fokussiert und „nun begriffen, dass technische Innovationen dafür der Treiber sind“, so der Bettermarks-Chef, für den das Thema digitales Lernen im Fokus steht. Bettermarks ist ein interaktives Online-Lernsystem für Mathematik.

Unternehmer begrüßen Initiative

Roche-Vorstand Pfundner begrüßte die Initiative: „Ich sehe hier eine Möglichkeit, ein besseres Wissen und Verständnis für die Besonderheiten der forschenden Gesundheitsindustrie zu vermitteln“, sagte er. Gleichzeitig sei es für ihn eine Chance, von den Teilnehmern aus Politik und Wirtschaft zu lernen.

„Aus Erfahrung weiß ich, dass ein konstruktiver Dialog helfen kann, Berührungsängste abzubauen, was eine Voraussetzung ist, um politische Lösungen zu entwerfen, die den wirtschaftlichen Realitäten Rechnung tragen.“ Gerade dieser Satz könnte als Aufforderung an die Grünen gedeutet werden, nicht jede ihrer Ideen als einzig mögliche Lösung zu preisen, sondern sich ebenso lernbereit zu zeigen.

Über den Plan, einen Wirtschaftsbeirat zu gründen, hatte das Handelsblatt Ende Juni exklusiv berichtet. Geplant sind zwei bis drei jährliche Treffen. Zuständig für Aufbau und Koordinierung des Beirats ist die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kerstin Andreae. „Unsere Botschaft an die Unternehmen ist: Wir brauchen euch – und wir brauchen mehr von euch“, sagte Andreae.

So hätten etwa die Hitze und in der Folge Dürre Deutschland im Sommer fest im Griff gehabt. Aber vor konkreten und wirkungsstarken CO2-Reduzierungsmaßnahmen schreckten Regierungen regelmäßig zurück, gerade auch in Deutschland – obwohl die Klimakrise solche Wetterereignisse immer wahrscheinlicher mache. „Die Bundesregierung“, kritisierte Andreae, „begreift den Klimawandel immer noch ausschließlich als Kostentreiber für die Wirtschaft.“

Die Mehrheit der Unternehmen dagegen sei in Sachen Klimaschutz schon viel weiter. „Gewinne steigern, während andere die Probleme lösen, das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie fordere von der Politik, den Klimaschutz als „bedeutende Chance für die Wirtschaft“ anzuerkennen. Andreae appellierte an die Regierung, endlich aktiv zu werden.

„Die Verantwortung kann nicht nur auf der Wirtschaft abgeladen werden.“ Dass es ohne die Unternehmen nicht gehe, entlasse den Staat nicht aus der Verantwortung. „Die Mär vom schlanken Staat ist Quatsch“, sagte Andreae. „Wir brauchen einen Staat, der Innovationen einfordert, aber auch zulässt und unterstützt.“

Verantwortung für das Klima

Um die Erderwärmung zu bremsen und das Ende 2015 in Paris beschlossene internationale Klimaabkommen zu erfüllen, müssen die klimaschädlichen CO2-Emissionen Jahr für Jahr sinken. Ab 2050 dürfen nicht mehr Emissionen ausgestoßen werden, als der Atmosphäre durch sogenannte Senken, etwa Wälder, entzogen werden. Wie schnell und mit welchen Maßnahmen das erreicht werden soll, ist umstritten.

Aktuell zeigt sich das vor allem bei der Diskussion um den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung. Während die Grünen fordern, sofort die ersten Kraftwerke abzuschalten, bremsen die anderen Parteien. Die energieintensive Industrie sorgt sich vor allem um die Versorgungssicherheit und den Strompreis. Entsprechend skeptisch ist der Verband der Chemischen Industrie (VCI).

„Der Ansatz der Grünen, mit der Wirtschaft zu sprechen, ist gut“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann. „Allerdings suchen sich die Grünen oft einzelne Unternehmen heraus, die sie dann als Vorzeigebetriebe für eine ganze Branche präsentieren. Das ist eindeutig zu kurz gedacht.“ Es sei schade, „dass sie sich nicht weiter öffnen und ganze Branchen mit in ihre Gesprächsrunden einbeziehen“.

Dennoch: Dass anders als in der Vergangenheit die Mehrheit der Grünen heute die Wirtschaft nicht mehr als Gegner, sondern als möglichen Verbündeten sieht, honorieren auch Unternehmen, die beim Wirtschaftsbeirat nicht dabei sind. Ein Sprecher des Energieversorgers RWE erklärte auf Nachfrage, man tausche sich seit Jahren auch mit den Grünen aus – es sei ein „konstruktiver Dialog, auch wenn wir insbesondere im Zusammenhang mit der Klimapolitik nicht in allen Punkten übereinstimmen“.

Auch ein Sprecher von Bayer erklärte, man stehe zu aktuellen bundespolitischen Themen wie dem Schutz der Biodiversität, den Chancen der Bioökonomie oder zukünftigen Modellen landwirtschaftlicher Produktion „im konstruktiven Austausch“. Mit dem neuen Grundsatzprogramm habe die Grünen-Parteispitze zudem ein „wichtiges Erneuerungsprojekt“ angestoßen.

Die Grünen sind derzeit die kleinste Fraktion im Bundestag, haben seit den Bundestagswahlen vor knapp einem Jahr aber stetig an Zuspruch zugelegt. In Meinungsumfragen liegen sie zwischen 14 und 16 Prozent – und nähern sich der SPD. In Bayern, wo im Oktober ein neuer Landtag gewählt wird, haben die Grünen die Sozialdemokraten bereits überholt und liegen hinter der CSU an zweiter Stelle.

Startseite

0 Kommentare zu "Wirtschaftspolitik: Die Grünen nähern sich Großkonzernen an"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%