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Wirtschaftswissenschaften Einfache Lösungen bei der Einbürgerung funktionieren nicht

Die Einbürgerungsreform sollte zu einer besseren Integration führen. Ökonomen haben allerdings herausgefunden, dass sie oft den Generationskonflikt in der Familie verschärft.
17.02.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Viele muslimische Eltern wollen ihre Töchter im traditionellen Kulturkreis halten. Quelle: Wolfram Kastl/dpa
Mädchen mit Kopftuch in der Schule

Viele muslimische Eltern wollen ihre Töchter im traditionellen Kulturkreis halten.

(Foto: Wolfram Kastl/dpa)

Frankfurt Der starke Zustrom von Migranten im Jahr 2015 und danach hat das Thema Integration wieder ganz groß gemacht. Vier Ökonominnen und Ökonomen haben untersucht, welche Auswirkungen die Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts vor 20 Jahren auf die Integration der Kinder von Zuwanderern aus fremden Kulturen hatte. Das Ergebnis ist eine Warnung vor zu viel Vertrauen in einfache Lösungen.

Seit Jahresanfang 2000 bekommen in Deutschland geborene Kinder von ausländischen Staatsbürgern unter bestimmten Bedingungen die deutsche Staatsbürgerschaft. Damit soll ihre Integration in die deutsche Gesellschaft gefördert werden. Bis zu einer weiteren Reform 2014 mussten sie sich im Alter von 18 Jahren zwischen der deutschen und der Staatsangehörigkeit der Eltern entscheiden.

Der Grundgedanke leuchtet ein. Als Staatsbürger darf man wählen, man kann im öffentlichen Dienst arbeiten und hat auch automatisch eine Arbeitserlaubnis in anderen EU-Ländern. Das sollte die Bereitschaft steigern, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Doch so einfach ist es nicht, wie Gordon Dahl, Cristina Felfe, Paul Frijters und Helmut Rainer von den Universitäten San Diego, Würzburg, London (LSE) und München in ihrer Untersuchung feststellen. Sie trägt den Titel: „Caught between Cultures: Unintended Consequences of Improving Opportunity for Immigrant Girls”.

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    Die im Untertitel angesprochenen „unbeabsichtigten Folgen” treffen ganz überwiegend Mädchen aus dem muslimischen Kulturkreis. Sie resultieren offenbar daraus, dass die Eltern das Ziel der Reform, eine stärkere Assimilation an den westlichen Kulturkreis, oft nicht teilen und nach der Reform verstärkt dagegen arbeiten.

    Dadurch wurde der Generationskonflikt verschärft, dem die Mädchen ohnehin ausgesetzt sind. Ihr Wunsch und ihre Erwartung, sich integrieren zu können, wurden verstärkt, die Bemühungen ihrer Eltern, sie im traditionellen Kulturkreis zu halten, ebenfalls.

    Mädchen im Zwiespalt

    Wie sich das äußert, haben die Autoren durch Befragung von Immigrantenkindern in 57 deutschen Schulen 15 Jahre nach der Reform untersucht, also im letzten Jahr der Schulpflicht. Nur diejenigen, die ein halbes Jahr vor und nach dem Reformzeitpunkt geboren wurden, waren Teil der Untersuchung. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass so wenig wie möglich andere Einflüsse den Vergleich verzerren.

    Diejenigen, die noch unter die alte Regel fielen und nicht aufgrund von Geburt in Deutschland die Staatsbürgerschaft bekommen konnten, wurden mit denen verglichen, die nach dem Stichtag geboren wurden.

    Dabei zeigte sich, dass Mädchen aus muslimischen Familien, die nach dem Stichtag geboren wurden, sich nicht mehr, sondern um 22 Prozentpunkte weniger vorrangig als Deutsche betrachteten als ihre Klassenkameradinnen mit gleichem Hintergrund, die nicht durch die Reform „begünstigt“ wurden. Sie glaubten weniger daran, dass Ausländerinnen in Deutschland ein gutes Leben haben können. Sie nahmen weniger an außerschulischen Aktivitäten teil und hatten weniger Rückhalt in einem Freundeskreis.

    Dabei fühlten sie sich erheblich schlechter als ihre früher geborenen Klassenkameradinnen. Ihre Einschätzung der eigenen Lebenszufriedenheit war so viel niedriger, wie das sonst bei Menschen mit einer mittleren Depression der Fall ist. Dass das kein statistisches Artefakt ist, macht nicht zuletzt die hohe Suizidrate türkischstämmiger Mädchen in Deutschland deutlich.

    Bei Jungen und nichtmuslimischen Mädchen gab es bei diesen Fragen im Durchschnitt keinen Unterschied zwischen den vor und nach dem Stichtag geborenen.

    Als Ursache dafür, dass das vermeintliche Geschenk für muslimische Mädchen zu einer solche Belastung wurde, ließ sich Frustration über unerfüllbare Erwartungen identifizieren. Die nach dem Stichtag geborenen Mädchen wollten zu einem höheren Prozentsatz studieren, aber ihre Erwartung, die eigenen Bildungsziele verwirklichen zu können, war fast 40 Prozent geringer als bei den vor dem Stichtag geborenen. Sie erachteten die Gefahr als deutlich größer, für eine Familie auf eine berufliche Karriere verzichten zu müssen.

    Dass das Problem bei Jungen weniger auftaucht, halten die Autoren für plausibel, weil Mädchen eher als Erzieherinnen vieler künftiger Kinder und damit Bewahrer der traditionellen Kultur gesehen würden, während bei Jungen die Rollenunterschiede in den Kulturkreisen geringer seien. Eltern, die ihre angestammte Kultur bewahren wollen, würden also vor allem danach trachten, ihre Töchter darin zu halten.

    Die Forscher fanden starke Indizien für ihre These, dass die Eltern aktiv das Integrationsziel der Reform sabotierten. Passend dazu stellen die Wissenschaftler fest, dass Eltern der nach dem Stichtag geborenen muslimischen Mädchen um 50 Prozent häufiger niemals Deutsch mit diesen redeten als die Eltern der nicht von der Reform betroffenen Mädchen.

    Auch bekamen die von der Reform erfassten Mädchen von den Eltern sehr viel weniger Unterstützung bei Schularbeiten als ihre etwas älteren muslimischen Klassenkameradinnen. Diese Unterschiede gab es bei muslimischen Jungen nicht.

    Hoffen auf die Zukunft

    Die Studie lässt allerdings für sich kein abschließendes Urteil über den Erfolg der Reform zu, weil sie sich nur auf die ersten 15 Jahre bezieht, in denen die Begünstigten noch minderjährig waren und damit unter dem dominanten Einfluss ihrer Eltern standen. Die Ergebnisse könnten sich theoretisch nach Erreichen der Volljährigkeit ändern.

    Und tatsächlich waren die nach dem Stichtag geborenen muslimischen Mädchen deutlich optimistischer als die anderen Gruppen, dass sich ihre Lebensumstände in Zukunft verbessern würden.

    Für die meisten dürfte es aber schwierig sein, ohne Unterstützung der Eltern zu studieren und die Folgen der Einschränkungen und mangelnden Unterstützung in den prägenden Jugendjahren gänzlich zu überwinden.

    Konkrete Lehren aus ihren desillusionierenden Ergebnissen halten die Wissenschaftler nicht bereit, außer der, dass zur Integration muslimischer Mädchen andere oder zusätzliche Maßnahmen nötig sind, als ihnen leichten Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft zu geben.

    Die unerwarteten Wirkungen könnten leicht auch bei Maßnahmen auftreten, wie sie in letzter Zeit diskutiert wurden, etwa einem Kopftuchverbot für Schulkinder. Es könnte strenggläubige muslimische Eltern dazu motivieren, ihre Töchter von vermeintlichen Gefahren für ihre Sittlichkeit fernzuhalten, indem sie deren außerschulische soziale Kontakte stark einschränken.

    Da Einschränkungen des Sorgerechts der Eltern für ihre minderjährigen Töchter an enge Grenzen stoßen, führt an der Einflussnahme auf die Eltern kaum ein Weg vorbei, will man muslimischen Mädchen mit religiös konservativen Eltern die Eingliederung in die westliche Gesellschaft erleichtern – so schwer das auch sein mag.

    Mehr: Europa hat Angst vor einem neuen Flüchtlingsansturm.

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