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Wirtschaftswissenschaften Warum das BIP der falsche Indikator für Wohlstand ist

Die Grünen bemängeln, dass sich das BIP nicht als Wohlstandsmaß eignet, weil es ökologische und soziale Aspekte ignoriert. Es hat noch größere Schwächen.
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Die Berechnung des BIP steht in der Kritik. Quelle: Getty Images
Indikatoren

Die Berechnung des BIP steht in der Kritik.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Auf dem anstehenden Parteitag der Grünen Ende der Woche will der Parteivorstand beschließen lassen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als vorherrschendes Maß für Wachstum und Wohlstand abzulösen ist. „Das BIP ist blind für die sozialen Folgen und die ökologischen Schäden unseres Wirtschaftens“, heißt es im Leitantrag. Vorgeschlagen wird „ein neues Wohlstandsmaß, um neben den ökonomischen auch ökologische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zu messen“.

Beim Statistischen Bundesamt teilt man die Diagnose. „Das BIP ist kein Wohlfahrtsmaß“, sagt Michael Kuhn, Leiter der Gruppe „Preise“. Er weist darauf hin, dass es für nicht wirtschaftliche Vorgänge wie ökologische Schäden keine Marktbewertungen gibt. Sie in ein Erfolgsmaß für ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritt einzubeziehen „brächte große Messprobleme und Subjektivität mit sich“.

Blair Fix von der York University stößt in dem Aufsatz „The Aggregation Problem: Implications for Ecological and Biophysical Economics“ in das gleiche Horn. Das BIP habe ein tief liegendes Problem mit versteckter Subjektivität, das durch Einbeziehung ökologischer Faktoren noch größer würde. „Durch das Verdichten zu einer einzigen Zahl werden real existierende Zielkonflikte auf intransparente Weise durch die Werturteile Einzelner ersetzt, die die Gewichtung vornehmen“, warnt er.

Die Statistiker sind nicht ganz unschuldig daran, dass das BIP eine so hervorgehobene Bedeutung hat. Indem sie die großen Spielräume für subjektive Entscheidungen und die große Unsicherheitsmarge verbergen, lassen sie das BIP als ein objektives und genaues Maß erscheinen, das es in Wahrheit nicht ist.

Das fängt schon damit an, dass die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Arten, das Bruttoinlandsprodukt zu berechnen – einmal entstehungsseitig, einmal verwendungsseitig – in einem Posten versteckt werden, der „Vorratsveränderungen und Ähnliches“ heißt. Im ersten Quartal 2019 betrug das BIP-Wachstum 0,4 Prozent. Dabei belief sich dieser Posten auf minus einen vollen Prozentpunkt.

Es fehlt ein Wertmaßstab

Stefan Hauf, Leiter der für die Berechnung des BIP zuständigen Gruppe beim Statistischen Bundesamt, verteidigt diese Darstellungsweise damit, dass die Vorratsveränderungen tatsächlich statistisch weniger gut belegt seien als andere BIP-Bestandteile. „Wir berechnen das BIP nach internationalen Standards. Am Ende veröffentlichen wir einen belastbaren Wert, nicht verschiedene Werte oder eine Spanne“, sagt er.

Blair Fix sieht aber noch ein viel tiefer liegendes, grundsätzliches Problem des BIP, nämlich das Fehlen eines stabilen Wertmaßstabs.

Das Problem entsteht aus dem Zusammenrechnen von Dingen ohne gemeinsamen Nenner. Wie entscheidet man, ob mehr oder weniger produziert wurde, wenn im ersten Jahr ein Computer und 1000 Brote produziert wurden, im zweiten zwei Computer und nur 800 Brote? In Kilo oder Kalorien gemessen ist im ersten Jahr mehr produziert worden, in Rechenleistung gemessen im zweiten Jahr. Die einzige Maßeinheit, die sich zusammenrechnen lässt, ist der Preis. Indem man Mengen und Marktpreise multipliziert, kann man die Werte der Gesamtproduktion vergleichen.

Problematisch wird es, wenn man versucht, zu einem „preisbereinigten“ oder „realen“ BIP zu kommen, und zu einer „realen“ Wachstumsrate. Es wäre kein Problem, wenn sich die Preise einheitlich änderten. Aber die Preisverhältnisse ändern sich ständig, zum Teil massiv. Der Wertmaßstab ist also ständig im Fluss.

Wenn im Jahr eins der Computer 1 000 Euro und die 1 000 Brote je einen Euro kosten, ist der Produktionswert 2.000 Euro. Ein Jahr später ist dann der Wert der zwei Computer und 800 Brote, gemessen in Preisen aus Jahr eins 2.800 Euro oder 40 Prozent mehr. Mit gleichem Recht könnte man aber auch die Preisverhältnisse in Jahr zwei zum Maßstab machen.

Wenn ein Computer dann nur noch 500 Euro kostet und ein Brot 1,25 Euro, dann ist der Produktionswert in Jahr zwei in aktuellen Preisen 2 000 Euro. Der Produktionswert von Jahr eins in Preisen von Jahr zwei ist 1 750 Euro. Der Anstieg beträgt dann nur 14 Prozent. Die Entscheidung, welche Preisverhältnisse genommen werden, um die Produktion zu bewerten, ist also entscheidend für das Ergebnis.

Ob im Beispiel plus 14 Prozent oder plus 40 Prozent oder irgendetwas dazwischen „richtig“ ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab, so Fix. Entsprechend unterscheiden sich auch die Methoden der Statistiker, sowohl international als auch im Zeitablauf.

Auf der Internetseite des Statistischen Bundesamts heißt es dennoch irreführend: „Auf Vorjahresbasis wird die ‚reale‘ Wirtschaftsentwicklung im Zeitablauf frei von Preiseinflüssen dargestellt.“

Stefan Hauf verteidigt die Vorgehensweise: „Unsere aktuelle Methode ist besser als die, die früher verwendet wurde und zeigt verlässlich die reale Wirtschaftsentwicklung in einer Welt mit tausenden von Gütern. Zudem ist es die international vorgegebene, die die Vergleichbarkeit mit anderen Ländern garantiert.“ Das würde allerdings bedeuten, dass die deutschen und die internationalen Statistiker jahrzehntelang wissentlich eine minderwertige Methode der Preisbereinigung verwendet haben. Die heute verwendete Alternative ist ja seit einem Jahrhundert sattsam bekannt.

Dagegen wurden bis in die Neunzigerjahre die Preisverhältnisse eines Basisjahres festgeschrieben. Nur in größeren Abständen wurde auf ein aktuelleres Referenzjahr gewechselt und neu gerechnet, bis weit zurück in die Vergangenheit. Dann waren die Wachstumsraten vergangener Jahre oft ganz andere. So war etwa in den USA die Rezession von 1990/91 nach einer Änderung des Basisjahrs doppelt so tief wie vorher berichtet.

Die notwendige Preisbereinigung führe „zu Wachstumsangaben, die stark von der willkürlichen Wahl des Basisjahres abhängen“, erklärte Charles Steindel im Jahr 1995 für die Notenbank Federal Reserve, warum sich die USA als Erste von dieser Methode verabschiedeten.

Statistisches Bundesamt hat Berechnungsmethode geändert

Nach langem Zögern verwendet das Statistische Bundesamt seit 2005 ebenfalls das neue Verfahren. Demnach wird als Basisjahr jeweils das Vorjahr verwendet. „Die Methode der Kettengewichtung sorgt dafür, dass die Geschichte nicht mehr durch willkürliche Wechsel des Basisjahres umgeschrieben wird“, beschrieb der US-Statistiker Steindel den Hauptvorteil.

Man kann das auch als Nachteil betrachten. Die fundamentale Unsicherheit, welche die „wahren“ Werte sind, wird ja nur verborgen, nicht beseitigt. In Deutschland hat sich durch die Umstellung der Methode 2005 die Wachstumsrate von 1991 bis 2004 in fast allen Jahren erhöht. Das BIP von 2004 wurde dadurch um zwei Prozent höher. Bei den Ausrüstungsinvestitionen, wo die Preisschwankungen größer sind, stieg der „preisbereinigte“ Wert sogar um rund zehn Prozent.

Hinzu kommt: Wegen des wechselnden Maßstabs kann man die Wachstumsraten verschiedener Jahre eigentlich nicht mehr seriös vergleichen. Wenn das reale BIP erst um ein Prozent gewachsen ist und dann um 1,2 Prozent, kann man nicht sagen, dass die Wirtschaft im zweiten Jahr stärker gewachsen ist.

Denn die Maßeinheit ist eine andere, so wie wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Fußgrößen zwei verschiedene Strecken in Fuß gemessen haben. Trotzdem wird am 14. November, wenn das BIP-Wachstum für das dritte Quartal verkündet wird, wieder viel Aufhebens darum gemacht werden, ob die Rate nun plus 0,1 oder minus 0,1 beträgt.

Mehr: Der IWF sagt eine globale Wirtschaftsflaute voraus.

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2 Kommentare zu "Wirtschaftswissenschaften: Warum das BIP der falsche Indikator für Wohlstand ist"

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  • Siehe zunächst mein Kommentar hier:
    "Vermutlich wird das nicht mehr lange der Fall sein: sollte "Basti" Kurz, um die Eurokraten und österreichischen linksgrünen Mainstream-Medien zu befriedigen, irrsinnigerweise eine Koaltion mit den Grünen eingehen, werden die Unternehmen sehr schnell abhauen. Grüne können eben nur "nachhaltige" Wirtschaftszerstörung.
    Wo wächst das BIP in der EU am meisten? U.a. in Irland, Polen und Ungarn mit konservativen bzw. wirtschaftsliberalen Regierungen:
    https://www.zerohedge.com/economics/ireland-first-italy-worst-european-commission-releases-gdp-growth-forecasts
    Da können die Grünen und Linken auch noch soviel heulen und mit den Zähnen knirschen, wie sie wollen..."
    https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/industrie-oesterreich-lockt-mehr-deutsche-unternehmen/25212762.html

    Hochgeschätzter Herr Häring,
    Ich habe Ihnen glaube ich schon einmal geschrieben, dass Sie sich von der keynesianischen Irrlehre befreien sollten. Sie könnten dann nämlich auch ganz befreit so schreiben, wie das Ihr "österreichischer" Ökonomen-Kollege Rahim Taghizadegan hier tut:
    "Die Österreichische Schule will die Welt beschreiben, wie sie ist [= Realismus; der Kommentator]. Sie schließt nicht aus, dass die Philosophen, die Propheten, die Seelsorger den Menschen Vorschläge zu einem guten Leben unterbreriten können - und es sich dabei um "wahren" Wohlstand im Gegensatz zu den dominanten, allzu niedrigen Bedürfnissen handeln mag. Die Ökonomen der Österreichischen Schule wandten sich bloß gegen jede Form von HEUCHELEI. Die Politiker fangen erst dann an, von einem Glücksindex zu reden, wenn die Menschen die statistischen Tricks durchschauen, mit denen die materielle Verarmung verschleiert werden soll. Die vermeintlichen Systemkritiker kritisieren erst dann das Wachstum, nachdem man ihre Utopien vom materiellen Schlaraffenland nicht mehr glaubt." (Wirtschaft wirklich verstehen, München 2011, S. 118)

  • Der BIP wurde noch nie in Bezug zum Wohlstand einzelner Bürger herangezogen.
    Lt. Gabler Wirtschaftslexikon: Maß für die gesamte wirtschaftliche Leistung in einer Volkswirtschaft in einer Periode. Da das BIP Auskunft über die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug der Vorleistungen und Importe gibt, dient es als Produktionsmaß und damit als Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft.
    Was aber unbestreitbar gilt, ist das nur wirtschaftlich leistungsfähige Volkswirtschaften in der Lage sind den Wohlstand ihrer Bürger zu mehren. Somit ist der BIP immer auch ein Indikator dafür.
    Der Vorschlag der Grünen zielt darauf ab, die Gefahren die durch deren Steuer-, Umweltpolitik, CO2-Steuer, Umweltsteuern und, und, und, den wirtschaftlichen Abschwung, mit willkürlichen nicht messbaren subjektiven Zahlen a la DDR zu kaschieren. Die DDR war auch fürs Politbüro die beste Demokratie und wirtschaftlich dem Westen überlegen. Das gleiche wollen die Grünen mit ihrer subjektiven Wohlstandsmessung durch ökologische und soziale Aspekte erreichen. Eine durch ökologische Ideologien verarmte Bevölkerung, in der alle gleich arm sind (sozial gerecht?), hätte dann lt. diesem Grünen-Indikator den höchsten "Polit-Wohlstand" nur ganz sicher nicht einen wirklichen Wohlstand.
    Aber egal was die Bevölkerung faktisch im täglichen Leben feststellt, es gibt ja heute schon den Begriff der gefühlten Inflation, dem wird dann der gefühlte Wohlstand hinzugefügt, in dem der Bevölkerung erklärt wird, dass sie zu dumm ist die tatsächliche Inflation und dann den tatsächlichen Wohlstand zu beurteilen. Abgehobener geht es nicht mehr und die Mainstreammedien fahren voll darauf ab.