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WSI-Studie Das Homeoffice wird für Frauen zur Doppelbelastung

Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice sollen Eltern helfen, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Eine WSI-Studie weist aber einen anderen Effekt nach.
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Mütter im Homeoffice kümmern sich zwischen eineinhalb und drei Stunden länger um die Kinder als Mütter mit starren Arbeitszeiten. Quelle: dpa
Homeoffice

Mütter im Homeoffice kümmern sich zwischen eineinhalb und drei Stunden länger um die Kinder als Mütter mit starren Arbeitszeiten.

(Foto: dpa)

Berlin Die schöne neue Arbeitswelt sieht so aus: Mütter und Väter kümmern sich zu gleichen Teilen um den Broterwerb und die Kinder, Beschäftigte teilen sich ihre Arbeitszeit weitgehend selbstbestimmt ein und die Arbeit vom heimischen Laptop aus spart die lästige Anfahrt ins Büro.

Damit diese modernen Zeiten möglichst rasch anbrechen, will die SPD nachhelfen: „Wir werden ein Recht auf mobiles Arbeiten und Homeoffice gesetzlich verankern, damit mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den digitalen Vorteilen profitieren können“, heißt es im Sozialstaatskonzept der Partei. Es gehe darum, mehr Spielraum für Zeit mit der Familie zu schaffen, sagt Arbeitsminister Hubertus Heil.

Dabei ist keineswegs ausgemacht, dass die Abkehr vom starren Nine-to-five-Job solche Freiräume öffnet. Im Gegenteil: Mehr Flexibilität führt dazu, dass die Beschäftigten eher länger arbeiten. Und althergebrachte Rollenmuster zwischen den Geschlechtern könnten sich sogar verfestigen.

Das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Einen Freizeitgewinn mit flexiblen Arbeitsarrangements gibt es weder für Mütter noch für Väter“, resümiert Studienautorin Yvonne Lott.

Lott hat untersucht, ob Gleitzeitmodelle, völlig selbstbestimmte Arbeitszeiten oder das Homeoffice mehr Spielraum für Freizeitaktivitäten schaffen und damit der Lebensqualität von Eltern zugutekommt.

Dafür hat sie Daten des Sozio-oekonomischen Panels ausgewertet, einer regelmäßig wiederholten, repräsentativen Befragung von rund 30.000 Personen. In die Untersuchung einbezogen wurden abhängig beschäftigte Mütter und Väter mit mindestens einem minderjährigen Kind im Haushalt.

Die Studie zeigt: Mütter, die im Homeoffice oder zu selbstgewählten Zeiten arbeiten, kümmern sich zwischen eineinhalb und drei Stunden länger um die Kinder als Mütter mit starren Arbeitszeiten. Gleichzeitig widmen sie sich aber auch rund eine Stunde länger dem Job.

Anders verhält es sich bei den Männern. Väter mit Gleitzeit oder selbst bestimmten Arbeitszeiten kümmern sich sogar seltener um die Kinder als ihre Kollegen im starren Nine-to-five-Job. Die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, hat dabei keinen Einfluss auf ihr Engagement für die Familie. Was aber auffällt: Je flexibler das Arbeitszeitarrangement, desto mehr Überstunden machen Väter.

Ein Mehr an Freizeit ist mit der Abkehr vom festen Zeitkorsett nicht verbunden, weder für Mütter noch für Väter. „Flexibles Arbeiten geht insgesamt eher zu Lasten der Beschäftigten, und ganz besonders gilt das für Mütter“, schreibt Lott. Sie engagieren sich sowohl für die Kinderbetreuung und als auch im Beruf mehr. Homeoffice und Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit führen so zu einer Doppelbelastung.

An der Arbeitsteilung hat sich wenig geändert

Lott erklärt das mit althergebrachten Rollenmustern, nach denen von Männern eher erwartet wird, den Beruf vor die Familie stellen. Bei Frauen ist es umgekehrt. „Trotz Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit hat sich an der Arbeitsteilung in den vergangenen Jahren wenig geändert“, heißt es in der Studie.

Verkürzt gesagt: Männer nutzen Freiräume bei der Arbeitszeit eher für Mehrarbeit – auch, um der eigenen Karriere auf die Sprünge zu helfen. Frauen wollen sich nicht als „Rabenmütter“ titulieren lassen und weiten neben der Zeit für den Job auch ihre Sorgearbeit aus.

Ähnliche Muster lassen sich in konservativen Ländern wie Polen oder liberalen Gesellschaften wie den USA beobachten. Im für seine progressiven Geschlechterrollen bekannten Schweden nutzen dagegen Frauen wie Männer gleichermaßen die Arbeitszeitflexibilität, um sich mehr der Familie zu widmen.

Laut WSI gibt es verschiedene Stellschrauben, um zu einer neuen Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Müttern und Vätern zu gelangen. So schlägt das Institut vor, das Ehegattensplitting abzuschaffen. Denn es setze für Frauen den Fehlanreiz, in der Familienphase beruflich zurückzutreten.

Auch sollte der Gesetzgeber die Partnermonate bei der Elternzeit erhöhen. Bislang wird das Elterngeld länger gezahlt, wenn beide Elternteile zeitweise im Job pausieren, und zwar mindestens zwei Monate lang. Meist setzen Väter nur diese acht Wochen aus, die Mütter deutlich länger. Würde die Zahl der notwendigen Partnermonate etwa auf sechs erhöht, würden wahrscheinlich auch mehr Männer länger in Elternzeit gehen.

Auch die Familienarbeitszeit könnte helfen, die tradierte Rollenverteilung zu durchbrechen. Das von der früheren Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgeschlagene Modell sah vor, dass der Steuerzahler Teile des Verdienstausfalls ersetzt, wenn beide Elternteile weniger arbeiten, um sich um die Kinder zu kümmern.

Auch Arbeitgeber und Gewerkschaften sowie die Betriebe könnten Familien besser unterstützen, etwa durch eine lebenslauforientierte Personalpolitik. Wenn ein Kind geboren wird oder pflegebedürftige Angehörige zu betreuen sind, sollten flexible Arbeitszeitarrangements die Regel sein.

Lott fordert aber auch eine Abkehr von der Präsenskultur, bei der die längere Anwesenheit im Büro als Ausweis besonderen Engagements gilt. Außerdem sollten Betrieben der Selbstausbeutung von Beschäftigten einen Riegel vorschieben, indem sie auch Arbeitszeiten im Homeoffice erfassen und Beschäftigten ein Recht auf Abschalten mobiler Geräte gewähren.

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