Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

WSI-Verteilungsbericht Einkommen in Deutschland sind so ungleich verteilt wie nie zuvor

Spitzenverdiener profitieren von Kapital- oder Betriebseinkünften. Dagegen frisst die Inflation Einkommenszuwächse der ärmsten Haushalte auf, zeigt eine neue Studie.
7 Kommentare
Der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb als arm gelten, ist zuletzt wieder gestiegen. Quelle: dpa
Untere Einkommensschichten werden abgehängt

Der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb als arm gelten, ist zuletzt wieder gestiegen.

(Foto: dpa)

Berlin Das Armutsproblem habe das Zeug, zum „sozialen Sprengsatz“ in Deutschland zu werden. Der Satz stammt nicht etwa von Linken-Chefin Katja Kipping, sondern von Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie noch nicht CDU-Chefin, sondern Generalsekretärin der Partei war. Dass es eine soziale Spaltung in Deutschland gibt, wird also längst bis in konservative Kreise hinein anerkannt.

Und trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung und des Jobbooms der vergangenen Jahre hat sich die Einkommensschere in Deutschland weiter geöffnet – wenn auch langsamer als zu Beginn des Jahrtausends. Der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb als arm gelten, ist zuletzt wieder gestiegen. Auf der anderen Seite haben Haushalte mit hohen Einkommen von gestiegenen Kapital- oder Mieteinkünften profitiert.

Das geht aus dem neuen Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. „Die aktuellen Daten zeigen, dass all jene Politiker und Ökonomen falsch liegen, die Entwarnung geben wollten, weil sich der rasante Anstieg der Einkommensspreizung nach 2005 zunächst nicht fortgesetzt hat“, sagt WSI-Forscherin Dorothee Spannagel, die die Studie zusammen mit Katharina Molitor verfasst hat.

Zwar wachse die Ungleichheit deutlich langsamer als vor anderthalb Jahrzehnten. Die gute Arbeitsmarktlage und kräftige Lohnsteigerungen hätten Erwerbstätigen mit regulären, festen Jobs auch nach Abzug der Preissteigerung ein kräftiges Einkommensplus beschert. Aber anders als die Mittelschicht hätten die ärmeren Haushalte im großen Niedriglohnsektor nicht von der guten konjunkturellen Entwicklung profitiert. Trotz eines positiven Trends „geht die Polarisierung in Deutschland weiter“, sagt Spannagel.

Die WSI-Expertin hat für ihren Verteilungsbericht Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) herangezogen – einer Untersuchung, für die jährlich 25.000 Menschen interviewt und auch nach ihrer Einkommenssituation befragt werden. Entsprechende Daten liegen bis zum Jahr 2016 vor.

Gini-Koeffizient ist wieder gestiegen

Mehrere Indikatoren stützen Spannagels These einer anhaltenden Polarisierung. So ist der sogenannte Gini-Koeffizient, ein Gradmesser für Verteilungsgerechtigkeit, seit 2011 wieder gestiegen. Mit 0,295 Punkten markierte er 2016 einen historischen Höchststand.

Der Koeffizient kann Werte zwischen null (alle Haushalte haben das gleiche Einkommen) und eins (ein einziger Haushalt bezieht das komplette Einkommen im Land) annehmen. Ende der 1990er-Jahre galt Deutschland mit einem Gini-Wert von knapp unter 0,25 im Industriestaaten- und EU-Vergleich noch als Land mit relativ ausgeglichener Einkommensverteilung.

Doch hat die Spreizung bis 2005 stark zugenommen. Unter Fachleuten gebe es aber Zwist, was seither passiert sei, schreibt Spannagel. Einige Ökonomen kämen zu dem Ergebnis, dass die Ungleichheit seither stabil geblieben oder sogar leicht gesunken sei.

Die jüngsten SOEP-Daten legten allerdings den Schluss nahe, dass es sich dabei nur um eine Momentaufnahme gehandelt habe. Denn nach einem leichten Rückgang im Rezessionsjahr 2009, der vor allem auf einbrechende Kapitaleinkünfte zurückzuführen sei, steige der Gini-Koeffizient seither – mit wenigen kurzen Unterbrechungen – langsam wieder an. Vor allem in Ostdeutschland entwickelten sich die Einkommen verstärkt auseinander, auch wenn die Verteilung dort bisher noch gerechter sei als im Westen, heißt es in der WSI-Studie.

Neben dem Gini-Koeffizienten hat Spannagel zwei weitere Indikatoren betrachtet, die vor allem das obere und untere Ende der Einkommenspyramide in den Blick nehmen. Der sogenannte Palma-Index vergleicht den Anteil des wohlhabendsten Zehntels der Haushalte mit dem Part der unteren 40 Prozent. Der Theil-Index hingegen beschreibt Einkommensanteile verschiedener Bevölkerungsgruppen im Verhältnis zur Größe der Gruppe.

Ähnlich wie der Gini-Koeffizient seien beide Indikatoren nach einem Rückgang Ende des vergangenen Jahrzehnts wieder deutlich angestiegen, heißt es im Verteilungsbericht weiter. Der Anteil der als „arm“ geltenden Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung haben, ist von 14,2 Prozent im Jahr 2010 auf 16,7 Prozent im Jahr 2016 gestiegen.

Ärmere Haushalte wurden zusätzlich belastet

Fehlten einem durchschnittlichen „armen“ Haushalt 2011 noch 2.673 Euro, um es über die 60-Prozent-Hürde zu schaffen, so waren es am Ende des Untersuchungszeitraums schon 3.452 Euro. Dies habe damit zu tun, dass im aktuellen Aufschwung nicht nur die oberen, sondern auch die mittleren Einkommen deutlich zugelegt hätten, schreibt Spannagel. Dagegen hätten die zehn Prozent ärmsten Haushalte zwischen 2010 und 2016 inflationsbereinigt Einkommen verloren.

Wachstum allein reiche nicht aus, um Ungleichheit in Deutschland zu reduzieren, resümiert die WSI-Expertin. So hätten reiche Haushalte in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa von der Senkung des Spitzensteuersatzes, der pauschalen Abgeltungsteuer oder der Reform der Erbschaftsteuer mit Ausnahmen für Betriebsvermögen profitiert. Ärmere Haushalte seien dagegen durch höhere indirekte Steuern zusätzlich belastet worden.

Wachsende Ungleichheit sei aber „kein Schicksal“, sagt Spannagel. So ließe sich die Lohnungleichheit durch eine stärkere Tarifbindung und einen höheren Mindestlohn reduzieren. Auch der Hartz-IV-Regelsatz müsse angehoben werden. Um „die wachsende Konzentration der Einkommen am oberen Ende zu dämpfen“, empfiehlt die Forscherin zudem eine höhere Besteuerung von Spitzeneinkommen und Erbschaften.

Neben der Einkommensungleichheit verharrt auch die Spreizung der Vermögen in Deutschland auf einem hohen Niveau. Darauf hatte jüngst eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hingewiesen.

Demnach hielten die reichsten zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland 2017 einen Anteil von 56 Prozent am gesamten Vermögen. Auf die ärmere Hälfte der erwachsenen Bevölkerung entfielen dagegen nur 1,3 Prozent des Vermögens.

Datengrundlage ist auch hier das Sozio-oekonomische Panel, für das bei Erwachsenen ab 17 Jahren auch zehn verschiedene Vermögenskomponenten erhoben werden, zum Beispiel selbst genutztes Wohneigentum, Geldvermögen, Vermögen aus privaten Versicherungen oder Sachvermögen wie Gold, Schmuck oder Kunstwerke.

Bei den Vermögen zeigt sich eine deutlich ungleichere Verteilung als bei den Einkommen. So ist der Gini-Koeffizient im Zeitraum 2002 bis 2007 von 0,776 auf 0,799 Punkte gestiegen und verharrt seither auf hohem Niveau.

Zur Spreizung hat mit beigetragen, dass sich die Vermögenssituation der einkommensschwächsten 20 Prozent der Haushalte zwischen 2012 und 2017 verschlechterte, während alle anderen Haushalte ihr Vermögen steigern konnten. In absoluten Zahlen fiel der Zuwachs mit 90.000 Euro bei dem Zehntel der einkommensstärksten Haushalte am höchsten aus.

Die DIW-Forscher Markus M. Grabka und Christoph Halbmeier führen dies mit darauf zurück, dass die Menschen am oberen Ende der Vermögenspyramide häufig über Immobilien- oder Betriebsvermögen verfügen, deren Wert besonders stark gestiegen ist.

Mehr: Erstmals seit der Finanzkrise ist das Vermögen weltweit leicht gesunken. Auffällig sind das deutsche Sparverhalten und die Schuldenquote in China.

Startseite

Mehr zu: WSI-Verteilungsbericht - Einkommen in Deutschland sind so ungleich verteilt wie nie zuvor

7 Kommentare zu "WSI-Verteilungsbericht: Einkommen in Deutschland sind so ungleich verteilt wie nie zuvor"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Für einen Artikel in einer führenden Wirtschaftszeitung fehlen noch ein paar Angaben:
    Sind es Einkünfte vor oder nach staatlicher Umverteilung durch Steuern und Transferzahlungen?
    Wie hoch ist der Anteil an Gewinnzurechnungen aus Personengesellschaften? Steuerlich sind diese dem Einkommen zugerechnet, faktisch gehen sie nach Steuerabzug ins Eigenkapital, und stehen dem Unternehmen - aber nicht für persönliche Ausgaben - zur Verfügung. Wie das Betriebsvermögen generell.
    Jedem selbständigen Unternehmer ist klar, dass eine Million EUR Geschäftsanteile in DAX Aktien nicht mit einer Million EUR Anteil an einem mittelständischen Unternehmen zu vergleichen ist. Jetzt alles verstaatlichen?
    Wurde eigentlich durch das sehr gerechte System der DDR der Wohlstand in Form von Einkommen und Eigentum gemehrt oder vermindert? Und vergessen wir die horrende Umweltverschmutzung durch mangelnde Effizienz und persönliche Verantwortlichkeit und ganz besonders die fehlende persönliche Freiheit nicht. Aus dem Arbeiter- und Bauernparadies sind Menschen unter Lebensgefahr mit selbstgenähten Ballons geflüchtet!
    Das System entscheidet, wie die Menschen leben. Die Ostdeutschen in Summe waren keinen Deut schlechter als die Westdeutschen, nur ihr System. Und jetzt wollen wir wieder viel mehr Sozialismus wagen?

  • @ J.-Fr. Pella
    "Die Arbeit des Armen ist die Mine des Reichen.
    Hat bis jetzt Gültigkeit, oder?"

    Nein - in unserem Schuldgeldsystem muss es heißen:
    >> "Die Schulden der einen sind das Geld der anderen". <<
    Es ist systemimmanent, dass auf der einen Seite die Schulden anwachsen und auf der anderen Seite das "Geld".
    Bei eigentlicher Deflation (Geldmengenkontraktion) wird daher auch auf der einen Seite Kredit = Schulden vernichtet und auf der anderen Seite "Geld" (beispielsweise das "Geld", das die "reichen Deutschen" auf Konten gehortet haben).
    Und bei der systemnotwendigen Geldmengenausdehnung / Kreditexpansion kommt es zwangsläufig zum CANTILLON-EFFEKT, der zur Vermögensumverteilung führt:
    "Der Cantillon-Effekt bezeichnet in der Ökonomie den Effekt, dass sich eine Erhöhung der (Giral-)Geldmenge (Nettokreditvergabe) nicht automatisch gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft verteilt, sondern in Stufen, wobei manche Bereiche (insbesondere der Banksektor, andere staatsnahe Firmen, der Unternehmersektor und politisch begünstigte Gruppen) zuerst profitieren, während der Rest der Volkswirtschaft später folgt oder gar nicht von der Geldschöpfung profitiert. Verlierer im Prozess der Geldschöpfung sind diejenigen, bei denen das Geld gar nicht landet, die aber dennoch die wegen der kreditschöpfungsbedingten Inflation gestiegenen Preise zahlen müssen."
    https://de.wikipedia.org/wiki/Cantillon-Effekt

  • Kein Wunder, denn die Falschen bekommen Kinder, die schon wieder Kinder bekommen.
    Die Kinderlosigkeit in (MINT)-Doppelakademiker-Ehen ist schon besorgniserregend. Warum schreibt da keiner drüber?

  • Zitat von John Bellers ca. Anno 1696

    Die Arbeit des Armen ist die Mine des Reichen.

    Hat bis jetzt Gültigkeit, oder?

  • Logisch: Statistik sagt dass aus, was sich aus der Fragestellung ergeben kann

  • Ist doch völlig logisch und geht gar nicht anders!

    Wenn 2 Millionen Menschen mit nichts als einem Handy nach Deutschland kommen muß die Verteilung "ungleicher" werden!

    Je mehr Flüchtlinge zu uns kommen, desto "ungleicher" wird die Verteilung.

  • Einige Kommentare zur Einkommensungleichheit:
    "Der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und deshalb als arm gelten, ist zuletzt wieder gestiegen" - in Deutschland liegt dieser Anteil mit rd. 16% auf jeden Fall unter dem EU-Durchschnitt.
    " ... der sogenannte Gini-Koeffizient, ein Gradmesser für Verteilungsgerechtigkeit .... Mit 0,295 Punkten markierte er 2016 einen historischen Höchststand" - falsch, er lag bereits so hoch oder sogar ein wenig darüber (Weltbank-Daten).
    "Doch hat die Spreizung bis 2005 stark zugenommen" (beim Gini-Koeffizienten) - dieser steigt, seit der Wiedervereinigung. In Westdeutschland lag er davor bei 0,25-0,26. Man sollte diesen speziellen deutschen Effekt nicht verschweigen.

    Einige Kommentare zur Vermögensungleichheit:
    "Bei den Vermögen zeigt sich eine deutlich ungleichere Verteilung als bei den Einkommen" - schlecht vergleichbar weil methodisch falsch: die Rentenansprüche des staatlichen deutschen "Pay as you go"-Systems (ohne Kapitalstock) werden dabei regelmäßig "vergessen". Werden Sie berücksichtigt, ergibt sich ein deutlich anderes Bild (IdW-Studie).
    Und hier noch viel stärker als bei den Einkommen: der Effekt der Wiedervereinigung. Die von ihrem System enteigneten ostdeutschen Bürger ließen sich den Bestand an Immobilien und Produktivvermögen (Fabriken & Maschinen) nach der Wende von Westdeutschen finanzieren, gegen Eigentumsübertragung. Das spiegelt sich besonders in der Vermögensungleichheit wider.

Serviceangebote