Yücel-Freilassung Sigmar Gabriel treibt Preis seiner Absetzung in die Höhe

Die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel ist Sigmar Gabriels größter Erfolg als Außenminister. Dennoch muss er um seinen Posten bangen.
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„Deniz Yücel wird die Türkei als freier Mann verlassen“

MünchenEin Jahr war er in Haft, jetzt ist er aus dem Gefängnis frei: Der Welt-Korrespondent Deniz Yücel darf nach Angaben seiner Anwälte die Türkei verlassen. Es ist ein deutliches Zeichen für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Ankara und Berlin, ein Sieg der Verständigung über die Sprachlosigkeit – und ein später Erfolg für Außenminister Sigmar Gabriel.

Gabriel hatte sich in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv um Gesprächskontakte zur türkischen Regierung bemüht. Dabei gelang es ihm, das von gegenseitigen Anschuldigungen und Sanktionsdrohungen geprägte deutsch-türkische Verhältnis zu entspannen.

Gabriel freut sich für Deniz Yücel

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz stellte sich Gabriel vor die Kameras und dankte dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim und Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Mithilfe. Er freue sich über die Entscheidung der türkischen Justiz. Und er fügte hinzu: „Und noch mehr freue ich mich für Deniz Yücel und seine Familie. Das ist ein guter Tag für uns alle.“

In seinen vielleicht letzten Tagen als Außenminister ist dem SPD-Politiker also ein diplomatisches Meisterstück gelungen. Doch ob das reicht? Gabriel muss fürchten, dass er seinen Kabinettsposten verliert.

Kein Rückhalt in der SPD-Spitze

Deutschlands beliebtestem Politiker droht das Ende seiner Karriere. Auch weiterhin. In der Parteispitze hat Gabriel kaum noch Rückhalt – nicht erst seit seiner jüngsten Attacke gegen den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Die designierte SPD-Chefin Andrea Nahles gehört zur großen Gruppe der Gabriel-Gegner. Kurz bevor die Meldung über die Freilassung Yücels über die Ticker lief, verbreitete der „Spiegel“ Zitate aus einem Nahles-Interview, in dem sie den Außenminister vor einer „Kampagne für sich selbst“ warnt. Die Mitglieder der SPD hätten „die Faxen dicke von den ewigen Personaldebatten“.

Ob es Gabriel gelingt, Nahles und die anderen Spitzengenossen noch mal umzustimmen, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Dabei könnte auch die zur Stunde offene Frage eine Rolle spielen, ob sich die Bundesregierung auf irgendwelche Gegengeschäfte mit der zunehmend autoritären Türkei eingelassen hat.

Offene Frage: Welche Gegengeschäfte gab es?

Teile der Opposition in Berlin vermuten genau dies, auch Yücel selbst hatte mit Blick auf deutsche Rüstungslieferungen an die Türkei vor schmutzigen Deals gewarnt. Das Auswärtige Amt allerdings dementiert in aller Schärfe.

„Deniz Yücels Freilassung ist eine politische Überraschung“

So viel ist sicher: Mit seiner erfolgreichen Vermittlung treibt Gabriel den Preis seiner Absetzung in die Höhe. Während die SPD in Umfragen auf bestem Weg ist, zur Kleinpartei zu schrumpfen, wächst Gabriel zum angesehensten Staatsmann der Republik heran.

Seit er vor einem Jahr den Parteivorsitz der SPD niederlegt hat und das Amt des Außenministers übernahm, hat er sein Negativ-Image als parteipolitischer Hitzkopf abgelegt.

Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen nutzte Gabriel die unverhoffte Laufzeitverlängerung der dritten Regierung Merkel, seinen Anspruch auf das Auswärtige Amt zu untermauern. Emsig gab er Interviews, verschickte Statements und hielt Reden.

Gabriel hat die wohl wichtigste Rede der Laufbahn vor sich

Er reiste um die Welt: nach Washington, nach Afghanistan, nach Bangladesch, nach Israel, zuletzt nach Serbien und in den Kosovo. Während sich seine Parteifreunde im tristen politischen Alltag aufrieben, konnte Gabriel als Weltpolitiker agieren und seine neuerlangte Popularität genießen.

Gabriel kämpft, keine Frage. Und in München will er noch nachlegen. Wenn er am Samstag im Bayerischen Hof das Wort ergreift, wird er die wohl wichtigste Rede seiner politischen Laufbahn halten. Doch sein eigentliches Publikum sind nicht die zur Sicherheitskonferenz versammelten Regierungschefs, Minister und Experten. Es sind die Genossen in der Parteizentrale der SPD.

„Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat“
„Endlich gibt es für meinen Mandanten Deniz Yücel einen Entlassungsbefehl.“
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Anwalt Veysel Ok bestätigte auf Twitter die Freilassung des Journalisten.

„Ich möchte allen danken, die mit unermüdlicher Energie für ihn da waren und sich für seine Freilassung stark gemacht haben.“
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Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner in einer ersten Stellungnahme.

„Unser Dank gilt Deniz für seine unerschütterliche Stärke und den Humor in düstersten Stunden.“
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„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt äußert sich erleichtert. „Wir sind unendlich glücklich und dankbar, dass Deniz nach einem Jahr hinter Gittern auf freiem Fuß ist.“

„Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat.“
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Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat Berichte über die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel als „sehr glückliche Nachricht“ begrüßt. „Seit über einem Jahr saß Deniz Yücel unschuldig im Gefängnis. Er ist ein freiheitsliebender Mensch, ein Journalist und kein Terrorist.“

„Das ist eine großartige und überfällige Nachricht. Jeder Tag, den Deniz Yücel im Gefängnis verbracht hat, war einer zu viel.“
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Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gegenüber der „Welt“, dem Arbeitgeber des Journalisten.

„Wir streiten weiter für alle, die dort zu Unrecht im Gefängnis sitzen!“
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Die Partei der Grünen-Chefin Annalena Baerbock auf Twitter.

„Der Fall hat den deutsch-türkischen Beziehungen schwer geschadet. Es kann daher jetzt kein Übergang zur normalen Geschäftstätigkeit geben.“
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Für Rolf Mützenich, Fraktionsvize der SPD, ist die Arbeit noch nicht getan. „Um so mehr müssen wir uns für weitere deutsche Staatsbürger und andere, zu Unrecht inhaftierte Menschen einsetzen."

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15 Kommentare zu "Yücel-Freilassung: Sigmar Gabriel treibt Preis seiner Absetzung in die Höhe"

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  • Da haben Sie wohl ziemlich recht, Herr Caruso.

    Es muss nicht viel sein, aber wenn es einfach zu viel ist, dann macht der härteste Magen ganz einfach nicht mehr mit. Oder aber es ist so ekelerregend, dass man bereits nach den ersten Frühstückbissen eine Magenrevolte hat.

    Da das aktuelle Thema bereits zu einem moralischen Ekelgefühl führt (abgesehen von den Personen als weiteren Faktoren) kann es einem etwas empfindlicheren Magen also bereits beim Frühstück schlecht werden.

    Mich hebt das Ganze allerdings nicht mehr besonders an, weshalb ich es mir da ziemlich einfach mache, wie ich es als Abschluss zu meinem Kommentar zum Artikel <
    „Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat“> angemerkt habe: „Eigentlich ist dieser Yücel nicht einen einzigen Kommentar wert.“

    Zur Ergänzung meine ich, dass das ebenso auf die Protagonisten und einschlägigen Kommentatoren zutrifft.

  • Darüber muss man auch verfügen, Herr Kabus, unbedingt!
    Aber irgendwann wird es auch dem stärksten Magen zu viel. Und wie hier Mitleid und Sympathie für diesen Springer-Schmierfink eingefordert wird, ist schon sehr ekelhaft.

  • Also - wenn das jetzt erst der Anlass zu Ihrer Magenreaktion ist, Herr Caruso, dann verfügen Sie aber über einen erstaunlich strapazierfähigen Magen.

  • Sehr, sehr bedauerlich! Selbst in der Türkei gibt es offenbar keine Gerechtigkeit mehr. Springers Türke kann jetzt ungestört draußen weiter sein Unheil anrichten.
    Die Maischbergers und Co. werden hinter den Kulissen schon mächtig für das Privileg der ersten Sendung kämpfen. Und der Dicke will sich für diesen schmutzigen Deal auch noch feiern lassen. Zum kotzen!

  • @Herr Leo Löwenstein16.02.2018, 15:44 Uhr

    "Wenn das wirklich Gabriels größter Erfolg ist, dann sollte er besser zurücktreten, dann ist er deutlich überbezahlt."

    Auch wenn man die relativ kurze Zeit berücksichtigt, seit der "Stinkefinger" den "Job" macht, ist das eine sehr einfache und vor allem deshalb zutreffende Analyse,

  • "Deutschlands beliebtesten Politiker" und ein "ein diplomatisches Meisterstück". Unsere Erfahrungen mit den Aktionen des ehemaligen Wirtschaftsminister und geschäftsführenden SPD Aussenminister im Ausland sehen ganz anders aus!

    Mit seinen "diplomatischen Künsten" tanzt er wie der Elefant im Porzellanladen...freundliche Medienpräsenz in der Heimat ist hier wahrscheinlich eher gemeint. Warum viele Medienvertreter besonders zu Merkel und Gabriel noch positive Bewertungen geben, erscheint vielen - vor allem im Ausland - mehr als rätselhaft.

  • Bravo, Herr Gabriel, tolle Leistung, die BRD hat Hunderte von wirklich wichtigen Problemen und Sie kümmern sich um das unwichtigste Problem zuerst. Und Sie sind in der Geschäftsführung. In der freien Wirtschaft bekämen Sie damit kein Bein auf die Erde. Starke Führungen machen das erste zuerst.

  • Schmutz-Dossiers aus der Union, Heckenschützen aus der SPD und die geballte Medienmacht
    haben Martin Schulz zu Fall gebracht!
    Nach dem keine investigativ-journalistische Aktivität die Hintergründe bisher aufgeklärt hat, hat sich ein investigativ-interessierter Leser auf den Weg gemacht und Erschreckendes zutage gefördert!
    Eine ausführliche Darstellung unter
    https://www.freitag.de/autoren/sigismundruestig/massenmedien-in-deutschland-2

  • Wenn das wirklich Gabriels größter Erfolg ist, dann sollte er besser zurücktreten, dann ist er deutlich überbezahlt.
    Einen, der Deutschland und die Deutschen hast, sie verunglimpft, den mit aller Macht freizubekommen, das ist pure grüne und inzwischen rote Ideologie. Vor allem, wenn man das auch noch feiert.

    Wenn ein AfDler solche Aussagen gemacht hätte, wie Herr Yücel. dann würde das tagelang durch die Presse gehen und mit Rassissmus und Nazitum betituliert werden.
    Bei Herrn Yücel, kein Freund Deutschlands ist das so ok.

    Die Selbstkasteiung der Deutschen geht weiter, eigentlich haben wirs dann auch nicht besser verdient. Vielleicht doch lt. Aussage Yücels eine Köterrasse, nur was will er mit dem blöden Köterpass dann noch?

  • Wenn die Türken richtig pfiffige kalte Krieger wären (auf russischem Niveau) würden sie in zwei Tagen die "Hintergründe" zu dem Deal lancieren. Nach dem Motto: "Das zahlte Gabriel für Yücel" - und dazu Bilder von vielen Panzern durch die (Fake-)News laufen lassen.

    Damit wäre die Groko endgültig im Eimer. Und Merkel & Gabriel weg. Gutmensch Gabriel hat sich sicherlich nicht nur beim Pack im Osten unbeliebt gemacht, sondern auch bei den restlichen Autokraten. Dann würde Deutschland endlich seine Rechts-Regierung bekommen.

    Mal sehen, was kommt.

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