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Zeitverträge Eher Sprungbrett als Sackgasse – IW-Forscher warnen vor Einschränkung befristeter Jobs

Die Große Koalition will befristete Jobs schärfer regulieren. Das könnte gerade Berufseinsteigern und Arbeitslosen schaden, zeigt eine neue IW-Studie.
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Acht von 100 Beschäftigten haben einen Zeitvertrag. Quelle: mauritius images
Technikerin in einer Fabrik

Acht von 100 Beschäftigten haben einen Zeitvertrag.

(Foto: mauritius images)

BerlinIst ein Vertrag auf Zeit ein Sprungbrett für die Karriere oder führt er in die Sackgasse der prekären Beschäftigung? Wer die Regulierungspläne der Großen Koalition zu befristeten Jobs bewerten will, muss eine Antwort auf diese Frage liefern. Das hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nun getan.

Kernergebnisse der neuen Studie, die dem Handelsblatt vorliegt: Die Sorge, dass Beschäftigte mit Zeitvertrag dauerhaft in einer unsicheren sozialen Lage verharren, ist unbegründet. Und befristet werden vor allem jüngere Berufseinsteiger oder vormals Arbeitslose angestellt. „Diese können bei einer Erschwerung von Befristungen Einstiegschancen verlieren“, sagt IW-Arbeitsmarktexperte und Studienautor Holger Schäfer.

Union und SPD wollen Befristungen eindämmen, für die es keine sachlichen Gründe gibt. Als solche führt das Teilzeit- und Befristungsgesetz etwa eine Schwangerschaftsvertretung oder die Probephase für neue Mitarbeiter auf.

Höchststand bei Befristung

Laut Koalitionsvertrag sollen „sachgrundlose“ Befristungen in Firmen mit mehr als 75 Beschäftigten nur noch für höchstens 2,5 Prozent der Belegschaft zulässig sein. Die maximale Befristungsdauer will die Koalition von 24 auf 18 Monate senken. Obwohl der Gesetzentwurf dem Vernehmen nach schon weit gediehen ist, heißt es aus dem Arbeitsministerium offiziell nur, dass das Vorhaben „für dieses Jahr“ auf der Agenda steht.

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatten 2017 knapp 3,2 Millionen oder 8,3 Prozent aller Beschäftigten nur einen befristeten Job – ein neuer Höchststand. Für rund die Hälfte der Zeitverträge gab es keinen der im Gesetz genannten acht sachlichen Gründe.

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IW-Forscher Schäfer warnt aber davor, Befristungen jetzt generell zu verteufeln. Er hat Daten des Sozioökonomischen Panels ausgewertet, einer jährlichen Befragung von rund 30.000 Personen. Darin wird unter anderem auch erhoben, ob Beschäftigte einen befristeten oder unbefristeten Job haben.

Die Studie zeigt: Unter den Arbeitnehmern mit Zeitvertrag sind überdurchschnittlich häufig Jüngere, die gerade Schule, Studium oder Ausbildung beendet haben, oder Beschäftigte, die vormals arbeitslos waren. „Diese Ergebnisse bestätigen die These, dass ein befristetes Beschäftigungsverhältnis ein Arrangement ist, das häufig beim Berufseinstieg oder – im Falle der Arbeitslosen – beim Wiedereinstieg genutzt wird“, heißt es in der Studie.

Bei einer Betrachtung nach Branchen weist das mit Abstand größte Befristungsrisiko für Beschäftigte der Bereich Erziehung und Unterricht aus. Auch hier zeigt sich also, dass Befristungen im öffentlichen Dienst, etwa an Schulen und Hochschulen, deutlich häufiger vorkommen als in der Privatwirtschaft.

Es folgen das Gesundheits- und Sozialwesen, Unternehmensdienstleistungen, der Einzelhandel und das Gastgewerbe. Kleine Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern geben seltener nur einen Zeitvertrag als größere Unternehmen.

Keine zwangsläufige Sackgasse

Dass Befristung keine Sackgasse bedeuten muss, zeigen die Übergangsraten. Zwar haben 48 Prozent der befristet Beschäftigten auch im Folgejahr nur einen Zeitvertrag. 38 Prozent gelingt der Sprung in einen Job ohne Enddatum, die Übrigen verlassen – freiwillig oder unfreiwillig – den Arbeitsmarkt.

Nach drei Jahren sind allerdings schon 56 Prozent der ehemals befristet Beschäftigten in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis, 29 Prozent haben weiter einen Zeitvertrag. Nur befristet beschäftigte Minijobber mit Zeitvertrag verharren auch nach drei Jahren mehrheitlich in diesem Status.

Für Arbeitslose oder Nichterwerbstätige wie etwa Hausfrauen ist es lohnender, einen befristeten Job anzunehmen als auf eine unbefristete Stelle zu warten. Schäfer hat dazu Personen, die einen Zeitvertrag annahmen, mit solchen verglichen, die einen unbefristeten Job fanden oder weiter beschäftigungslos waren.

Zumindest über einen Untersuchungszeitraum von drei Jahren zeigte sich, dass die Beschäftigten mit Zeitvertrag besser in den Arbeitsmarkt integriert waren und höhere Einkommen erzielten als die Kontrollgruppe.

Warnung der Arbeitgeber

Angesichts der Studienergebnisse erscheine die Begründung der Koalition, den „Missbrauch“ bei befristeten Jobs abstellen zu wollen, wenig überzeugend, sagt Schäfer. Und er warnt: „Die Erwartung, dass in gleichem Maße, in dem befristete Beschäftigungschancen eingeschränkt werden, gleichartige unbefristete Beschäftigungschancen entstehen, könnte sich als ungerechtfertigt erweisen.“

Schon allein wegen des vergleichsweise strengen deutschen Kündigungsschutzes. Leidtragende könnten vor allem Einsteiger und Wiedereinsteiger ins Berufsleben sein, die bei strenger Regulierung keinen Job mehr finden.

Das sollte die Regierung bei ihren Plänen beherzigen, mahnt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung BDA, Steffen Kampeter: „Wer an den Befristungen herumdoktert, der hat noch nicht begriffen, wie wichtig flexible Beschäftigungen für den Wohlstand in Deutschland sind.“

Außerdem dürfe die Politik nicht vergessen, dass sie Befristungen einst selbst als Mittel zur Befriedung der Diskussion über einen gelockerten Kündigungsschutz gesehen hat.

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2 Kommentare zu "Zeitverträge: Eher Sprungbrett als Sackgasse – IW-Forscher warnen vor Einschränkung befristeter Jobs"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wer weiß: Vielleicht steigert eine Befristung des Arbeitsverhältnisse sogar die Glücksgefühle der betroffenen Mitarbeiter. Ich schlage deshalb einen Feldversuch vor.

    Die Geschäftsführer und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Arbeitgeberverbände und des Instituts der Deutshen Wirtschaft sind sicher ausnahmslos zu einer entsprechenden Umstellung ihrer Arbeitsverträge bereit und berichten uns dann gerne jede Woche über ihre neu gewonnene Freiheit und das neu gewonnene Glück.

  • Da hat er sich wohl versprochen, der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung BDA, Steffen Kampeter: „Wer an den Befristungen herumdoktert, der hat noch nicht begriffen, wie wichtig flexible Beschäftigungen für den Wohlstand in Deutschland sind.“
    Nein nicht für den Wohlstand Deutschlands sind die wichtig, für den Wohlstand der Unternehmen und das zu Lasten der Beschäftigten mit Zeitverträge. Was ganz beschämend ist, dass der öffentliche Dienst hier eine Vorreiterrolle einnimmt.

    Wenn 8,3% also 3,2 Mio. der Beschäftigen nur noch Zeitverträge haben und wenn man dann noch die Beschäftigen in Zeitarbeitsunternehmen hinzu rechnet ist man sehr schnell bei =>15% oder 6 Mio Beschäftigen in prekären Arbeitsverhältnissen. Das ist eine Wohlstandsbremse.
    Gleichzeitig jammern die Arbeitgeber über Personalmangel. Ja bei so schlechten Arbeitsbedingungenen bzw. Arbeitverträgen jammern die Arbeitgeber auf einem recht hohen Niveau.
    In einer Marktwirtschaft sollte sich das regeln. Wenig Arbeitnehmer viele offene Stellen, hier sollten sich die Bedingungen für Arbeitnehmer verbessern, aber weit gefehlt. Marktwirtschaft war gestern, heute jammern die Unternehmer nur noch der Regierung die Ohren voll und fordern von der Regierung schnellstens billige, willige Zuwanderer ins Land zu holen die die Regierung auch noch auf Allgemeinkosten qualifizieren soll, diese Zuwanderer knallen die Unternehmen bei der nächsten Kriese dem Staat als Arbeitslose wieder vor die Füße.
    Meine Herren Arbeitgeber Marktwirtschaft geht anders, erste Regel: Angebot und Nachfrage regeln die Arbeits-Bedingungen. Aber es zeigt sich immer mehr, Manager sind Nieten in Nadelstreifen wie im besagten Buch beschrieben.