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Zentralabitur Wirtschaft wünscht sich einheitliches Abitur in Deutschland

Immer lauter werden die Stimmen nach einer Reform des Abiturs: Der Druck auf die Kultusminister steigt –aber die Politik ist sich noch uneins.
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Das Abitur unterscheidet sich in jedem Bundesland – man kann damit aber bundesweit studieren. Quelle: The Image Bank/Getty Images
Bildung

Das Abitur unterscheidet sich in jedem Bundesland – man kann damit aber bundesweit studieren.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

Berlin Deutschland streitet über das Zentralabitur. Der Konflikt geht quer durch die Parteien – und wird mitunter persönlich: Dass etwa FDP-Chef Christian Lindner ein Zentralabitur fordert, sei „verständlich, denn er selbst hat ja NRW-Abi“, ätzte etwa CSU-Generalsekretär Markus Blume. Die Bayern sind die heftigsten Gegner eines zentralen Abiturs: „Ein Zentralabitur wird es auf keinen Fall mit Bayern und der CSU geben“, verkündete Ministerpräsident Markus Söder.

Die Wirtschaft dagegen will genau das: „Ein vergleichbares Abitur ist zum Vorteil aller Schüler“, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer dem Handelsblatt. „Deshalb sollten die Länder in wichtigen Kernfächern wie Mathe, Naturwissenschaften, Fremdsprachen und Deutsch gemeinsam Aufgaben entwickeln und sicherstellen, dass dann auch wirklich alle darauf zurückgreifen. Natürlich muss nicht alles komplett identisch sein. Aber es gilt: Der Bildungsföderalismus muss sich bewegen, damit er überleben kann“, sagte Kramer.

„Für unsere Unternehmen sind bundesweite Bildungsziele und Standards wichtig, die verbindlich und einheitlich umgesetzt werden“, fordert auch Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

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Nur so könnten Betriebe Leistungsanforderungen und Abschlüsse sinnvoll miteinander vergleichen. „Die bundeseinheitlichen Prüfungen der Industrie- und Handelskammern in der beruflichen Bildung zeigen, dass das möglich ist“, so Schweitzer.

Der Bildungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, Axel Plünnecke, sagt: „Hundert-Meter-Läufe werden ja auch nicht mal auf 95 und mal auf 103 Metern ausgetragen.“ Echten Bildungswettbewerb der Länder könne es nur mit vergleichbarem Zentralabitur geben.

Die Durchschnittsnoten im Abitur sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich, sie variieren um knapp eine halbe Note. 2017 schnitten die Thüringer mit 2,18 am besten ab – und haben so bessere Chancen auf einen Studienplatz. Am Ende lag ‧Niedersachsen mit 2,57 (siehe Grafik).

Bayern erreichte mit 2,31 den vierten Platz – Nordrhein-Westfalen liegt mit 2,45 deutlich dahinter auf Platz zwölf. Ob das bedeutet, dass bayerische Schüler besser sind, oder ob das Abitur im Freistaat – entgegen der Eigenwerbung – doch leichter ist als in NRW, kann kein Forscher sagen.

Mehr Vergleichbarkeit

Anhaltspunkte geben nur Vergleichstests: Im jüngsten Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in den Fächern Deutsch und Englisch landete Bayern im Jahr 2015 in der Spitzengruppe, NRW teils in der Schlussgruppe, teils im Mittelfeld. Ähnlich war das Ergebnis drei Jahre zuvor für Mathematik. Das IQB testet allerdings keine Oberstufenschüler, sondern Neuntklässler aus allen Schularten.

Entscheidend sind selbst kleine Notenunterschiede hinter dem Komma, wenn es ans Studieren geht. Die Zahl der Fächer mit Numerus clausus ist zwar zurückgegangen, doch noch immer gibt es bei 42 Prozent aller Studiengänge eine Zulassungsbeschränkung. Tendenziell werden die Abiturnoten besser: 2017 lag der Schnitt bei 2,39, im Jahr 2006 noch bei 2,51.

Abgesehen von den Christsozialen und den Freien Wählern, die in Bayern den Kultusminister stellen, wächst die Schar der Befürworter eines Zentralabiturs – oder zumindest von mehr Vergleichbarkeit. Die Bürger sind ohnehin eindeutig dafür: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov für das Handelsblatt sind 71 Prozent der Befragten für ein Zentralabitur, 13 Prozent sind dagegen.

Ein Zentralabitur peilt etwa Baden-Württembergs Kultusministerin und CDU-Spitzenkandidatin für die nächste Landtagswahl, Susanne Eisenmann, an. Es könne innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre ein‧geführt werden.

Rückenwind kommt aus Berlin von der Parteifreundin und Bundesbildungsministerin: „In Deutschland muss es beim Abitur überall vergleichbare Anforderungen geben“, sagt Anja Karliczek. Der Aufgabenpool der Länder sei ein richtiger Ansatz, müsse aber weiterentwickelt werden. Nötig seien etwa einheitliche Prüfungsbedingungen. „Ein Fahrplan sollte bis Ende des Jahres stehen.“

Bundesweiter Pool

Für den amtierenden Präsidenten der Kultusminister, Alexander Lorz (CDU), ist ein Zentralabitur hingegen keine Lösung. Der hessische Bildungsminister warnte davor, mit der Forderung nach einer zentralen Abiturprüfung unrealistische Erwartungen zu wecken. Zur Ehrlichkeit in der Debatte gehöre auch, dass die Abiturnoten zwar so vergleichbar wie möglich sein sollten, „aber das wird man wohl nicht mit letzter Perfektion hinbekommen“, so Lorz.

Auch die SPD ist uneins: Pro Zentralabitur sprach sich die kommissarische SPD-Chefin Manuela Schwesig aus, die auch Regierungschefin in Mecklenburg-Vorpommern ist. Ihr Genosse, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, stuft die neu entbrannte Debatte über ein Zentralabitur in Deutschland als „ergebnislose Sommerlochdiskussion“ ein. Wenn man ein bundesweit vergleichbares Abitur wolle, sei stattdessen vernünftiges Handeln gefragt, sagte der Koordinator der SPD-Länder für Bildung.

Rabe plädiert dafür, den bestehenden Pool bundesweiter Abituraufgaben verbindlicher zu machen. Seit 2017 können die Länder in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch Aufgaben aus einem Pool verwenden, den das IQB für sie erstellt. Allerdings ist die Teilnahme der Länder nicht verbindlich. Zudem dürfen die Länder die Aufgaben auch verändern. Das soll allerdings nur noch bis 2021 möglich sein, vereinbarte die Kultusministerkonferenz (KMK).

Die Verwendung der Poolaufgaben setzt zudem voraus, dass die Abiturprüfung bundesweit am gleichen Tag stattfindet. Das war dieses Jahr erstmals im Fach Mathematik der Fall.
Heute würden die bundeseinheitlichen Aufgaben von vielen Ländern kaum eingesetzt, kritisierte Rabe – konkrete Daten dazu veröffentlicht die KMK nicht. „Stattdessen werden weiterhin in jedem Land eigene Aufgaben entwickelt“, so Rabe. Zudem würden Aufgaben aus dem Bundespool von vielen Ländern nachträglich verändert. „Von einer echten Vergleichbarkeit sind wir noch weit entfernt.“

Rabe nannte es bedauerlich, „dass viele Bildungspolitiker in der Öffentlichkeit für mehr Vergleichbarkeit eintreten, aber in der Kultusministerkonferenz weitere Bestrebungen für mehr Vergleichbarkeit ausbremsen“. Er fordert: „In einem nächsten Schritt müssen die Länder vereinbaren, in den schriftlichen Abiturprüfungen mehr bundeseinheitliche Aufgaben einzusetzen.“ Vernünftig sei ein fester Anteil von unverändert eingesetzten Bundesaufgaben in jeder Landesabiturprüfung.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sieht das Poolkonzept als gescheitert an. Der Bayer, der zuvor lange Jahre den Philologenverband der Gymnasiallehrer anführte, hält es für realistisch, dass Deutschland zwischen 2025 und 2030 ein Zentralabitur einführen könne.

Mehr: Der Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, wirbt für Einheitlichkeit: Das Zentralabitur. Egal ob auf bayrischem oder Bremer Niveau.

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1 Kommentar zu "Zentralabitur: Wirtschaft wünscht sich einheitliches Abitur in Deutschland"

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  • Na toll, vielleicht das Abitur von Bremen oder besser das aus Berlin. Wie naiv ist "Wirtschaft". Auf tiefstmöglichen Niveau wird das Zentralabitur dann der Wirtschaft zu neuem weltweiten Geschäftserfolg verhalfen. Diese Überschrift kann nur zu einem gequälten Lächeln führen.