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Zukunftsatlas 2019 Bronx des Rhein-Main-Gebiets: Warum Offenbach nicht von Frankfurt profitiert

Offenbach liegt in Sichtweite der EZB. Trotz der Nähe zu Frankfurt ist die Stadt im Prognos-Zukunftsatlas um 200 Plätze gefallen. Woran liegt das?
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Ein Masterplan soll Wende bringen. Quelle:  Michael Scheppe, Handelsblatt
Blick vom Jobcenter Offenbach

Ein Masterplan soll Wende bringen.

(Foto:  Michael Scheppe, Handelsblatt)

Offenbach Wer Offenbach verstehen will, sollte Matthias Schulze-Böing auf die Aussichtsterrasse seines Arbeitsplatzes folgen. Dort sieht er zwei Welten: Am Horizont sind die Umrisse des Hochhauses der Europäischen Zentralbank (EZB) zu erkennen – Frankfurt, das boomende Zentrum von Deutschlands Finanzwelt, liegt auf der anderen Seite des Mains.

Direkt gegenüber sieht Schulze-Böing baufällige und in die Jahre gekommene Häuser, aber auch ein Dutzend Baukräne und zahlreiche Bauarbeiter, von deren Maschinen tosender Lärm ausgeht. In Offenbach wird viel gewerkelt, die betonierten Bausünden aus den vergangenen Jahrzehnten sollen Zukunftsbauten weichen. Zufrieden schaut der 65-Jährige auf die Neubauprojekte, er sieht die Stadt auf einem guten Weg. „Offenbach muss sich nicht mehr verstecken.“

In Offenbach ist Schulze-Böing der Mann der Zahlen. Er ist Chef des kommunalen Jobcenters und leitet das Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration. Aber sein Optimismus und viele der Kennziffern fallen alles andere als positiv aus: Die Stadt ist mit fast 350 Millionen Euro hochverschuldet, die Arbeitslosigkeit mit 8,5 Prozent zwar fallend, aber weit über dem Bundesschnitt.

Das BIP wächst unterdurchschnittlich, die Zahl der Akademiker geht zurück, Unternehmen investieren nur zögerlich, jeder achte Einwohner lebt in Bedarfsgemeinschaften, und es fehlt an Wohnraum – die Problemliste Offenbachs ist lang.

So verwundert es nicht, dass die Stadt als Bronx des Rhein-Main-Gebiets verschmäht wird. Im „Zukunftsatlas“ des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos ist Offenbach in den vergangenen Jahren auf Platz 236 abgestürzt, 2004 war es noch Rang 28. Prognos ermittelt alle drei Jahre anhand von 29 Indikationen die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte.

Ein seltener Abstieg

Der Absturz ist ungewöhnlich. Die Offenbacher Innenstadt liegt näher an Frankfurt als viele Teile der Mainmetropole, Flughafen und Fernbahnhof sind nah. „Im Normalfall sind Regionen in der Nähe von dynamischen Großstädten das Ventil für deren Wachstumsdruck“, sagt Wirtschaftsgeograf Matthias Kiese von der Ruhr-Universität Bochum. Wenn Mieten zu teuer werden und der Platz zu eng wird, ziehen Firmen ins Umland. Das lockt Fachkräfte und lässt die Stadtkasse klingeln.

Zumindest in der Theorie. Wie es in der Praxis in der Rhein-Main-Region funktionieren kann, zeigt der Landkreis Offenbach. Zusammengenommen stehen die 13 Kommunen im Prognos-Ranking auf Platz 36 – Tendenz: steigend. Wie kann es sein, dass sich Stadt und Kreis so unterschiedlich entwickelt haben?

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Für eine Antwort lohnt ein Blick in die Vergangenheit. So hätten globale Entwicklungen wie die Energiewende Offenbach stärker getroffen als andere Regionen, sagt Schulze-Böing. Der französische Atomkonzern Areva (heute Orano) etwa beschäftigte bis zur Schließung seines zweitgrößten deutschen Standorts in Offenbach 2017 rund 700 Menschen.

Aktuell verlegt auch die unter Druck stehende Kraftwerkssparte von Siemens ihren Ingenieurstandort nach Frankfurt. 430 Mitarbeiter haben Offenbach verlassen. Und vor fünf Jahren ging Man ‧Roland pleite, früher der zweitgrößte Hersteller von Druckmaschinen. 1 000 Menschen verloren ihren Job.

Bürgermeister und Kämmerer Peter Freier (CDU) erklärt sich den Abstieg Offenbachs auch mit diesen „einzelbetrieblichen Ereignissen“. Bitter sind sie allemal, gehen der Stadt doch Gewerbesteuereinnahmen verloren. In Offenbach gibt es viele kleinere und nur wenig große Firmen. Nicht mal ein Prozent der Firmen zahle mehr als 100.000 Euro Gewerbesteuer, erzählt Freier. Das zeigt, wie abhängig die Stadtkasse von einzelnen großen Firmen ist. „Wenn einer der großen Steuerzahler eine Erkältung hat, bekommen wir direkt eine Grippe.“ Und Erkältungen gab es in Offenbach eben viele.

Die jüngsten Pleiten erinnern an das vergangene Jahrhundert. Einst war Offenbach berühmt für seine Lederwaren, die Chemie- und Metallindustrie boomte. Das lockte vor allem Gastarbeiter an. Mit dem Verschwinden der alten Industrie verlor die Stadt viele Arbeitsplätze, die Zuwanderer aber blieben. Die oftmals ungelernten Kräfte hatten es schwer, neue Arbeit zu finden.

Soziologisch ist erwiesen, dass Einwanderer in die Netzwerke ihrer Landsleute zuwandern. Gerade während der EU-Erweiterung steuerten deshalb viele schlecht ausgebildete Menschen Offenbach an. Heute gibt es in der Stadt Viertel, in denen viele Migranten und Arbeitslose, aber kaum noch Herkunftsdeutsche leben. In Nordend zum Beispiel.

Moderne Architektur soll Besserverdiener aus der Main-Rhein-Region anziehen. Quelle:  Michael Scheppe, Handelsblatt
Neubaugebiet im Offenbacher Hafen

Moderne Architektur soll Besserverdiener aus der Main-Rhein-Region anziehen.

(Foto:  Michael Scheppe, Handelsblatt)

Dort fällt Kai Vöckler auf. 2011 ist der Stadtforscher und promovierte Kunstwissenschaftler mit seiner Familie nach Offenbach gezogen, nachdem er 30 Jahre in Berlin-Kreuzberg gewohnt hatte. Vöckler hält eine Stiftungsprofessur an der Hochschule für Gestaltung. „Offenbach hat die undankbare Aufgabe, schlecht ausgebildete Zuwanderer erfolgreich zu integrieren“, sagt der 58-Jährige.

Er beobachtet, dass viele einkommensstarke Familien, auch solche mit Migrationshintergrund, die Problemviertel Offenbachs verlassen. „Diejenigen, die den sozialen Aufstieg schaffen, sehen für ihre Kinder woanders bessere Aufstiegschancen.“ Zahlen von Prognos belegen das. Demnach haben zwischen 2014 und 2017 fast 2000 Menschen mit deutscher Nationalität Offenbach verlassen, in derselben Zeit sind mehr als 7 000 Personen mit ausländischer Herkunft zugewandert.

160 Nationen in einer Stadt

Diese Zahlen zeigen sich im Stadtbild: Über den Wochenmarkt am Wilhelmsplatz schieben Frauen mit Kopftüchern ihre Kinderwagen, Menschen aus dem Nahen Osten und aus allen Teilen Europas drängeln sich an den Ständen. In Offenbach leben Menschen aus 160 Nationen zusammen, knapp 63 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund – so hoch wie nirgends sonst in Deutschland.

„Offenbach war schon immer eine Stadt, die stark von der Migration geprägt war“, sagt Schulze-Böing. Und diese Bevölkerungsstruktur, die von Menschen mit schlechterer Ausbildung, wenig Bleibepers‧pektive und Sprachschwierigkeiten geprägt ist – sie erklärt einen Teil des Offenbacher Absturzes.

Doch auch die Politik hat über viele Jahre Fehler gemacht. Sie hat verpasst, die Innenstadt aufzuwerten, dort bröckelt heute der Beton an vielen Gebäuden ab. Und nach der Jahrtausendwende habe die Standortförderung für Firmen in der Politik nur eine untergeordnete Rolle gespielt, sagt Markus Weinbrenner, Hauptgeschäftsführer der städtischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Genehmigungsverfahren waren langwierig, Entscheidungen wurden nur zögerlich getroffen, berichtet er. „Man hatte nicht das Gefühl, sich auf Zusagen aus dem Rathaus verlassen zu können.“

Und so zog es die Firmen nur wenige Kilometer weiter, in eine der 13 Kommunen des Landkreises. Die einzelnen Regionen mögen unterschiedlich sein, doch in Summe profieren sie vom Standortvorteil Frankfurt. Und die Dienststellen tragen ihren Teil dazu bei: Das Genehmigungsverfahren bei Sonderbauten dauere im Schnitt nur 26 Arbeitstage, erzählt Landrat Oliver Quilling (CDU). „Wir wollen die Unternehmen als Dienstleister begleiten.“

Seit einigen Monaten funktioniert der Bauantrag auch digital. Und mit niedrigeren Gewerbesteuersätzen als im Umland versuchen die Kommunen, Unternehmer zu locken. Dass der Kreis den Firmen den roten Teppich ausgerollt hat, mag die positive Entwicklung der Landkreise teilweise erklären.

Die Kommunen hatten allerdings auch andere, bessere Startbedingungen: Der Kreis war nicht in dem Maße industriell geprägt wie die Stadt, der Branchenmix ist anders, und auf der grünen Wiese ist es einfacher, Gewerbeflächen zu eröffnen, als in der durch Wald und Main begrenzten Stadt.

Offenbach leidet bei all seinen Problemen zusätzlich unter der Schuldenlast. Die Stadt steht unter dem kommunalen Rettungsschirm und unterliegt damit haushaltsrechtlichen Zwängen. In der Situation zu reformieren, macht es für die regierende „Tansania“-Koalition aus CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern nicht einfach.

„Die Haushaltssicherung zwingt uns zu unpopulären Entscheidungen“, sagt Kämmerer Freier. Jüngstes Beispiel: Im Frühjahr hat Offenbach die Grundsteuer B drastisch erhöht – von 600 auf 995 Punkte. So hoch ist sie in keiner anderen Stadt Deutschlands. Doch Offenbach braucht das Geld. Grund dafür ist eine eigentlich erfreuliche Entwicklung: Die Bevölkerungszahlen steigen so rasch wie kaum anderswo.

Fast 139.000 Einwohner lebten Ende Juni in der Stadt – fünf Prozent mehr als Ende 2015. Bemerkenswert: 42 Prozent der Geburten entfielen nach Prognos-Daten auf die ausländische Bevölkerung. Doch mit der Bevölkerung wachsen auch die Probleme: Die Stadt muss neue Kitas und Schulen bauen – und dafür bis 2020 rund 130 Millionen Euro investieren.

Wende durch Masterplan?

Bei all den Problemen resigniert Offenbach nicht. Viel Hoffnung liegt auf dem „Masterplan 2030“. Vor der Kommunalwahl 2016 hat die Stadt über Parteigrenzen hinweg eine Zukunftsstrategie verabschiedet, die sie ein Jahr lang gemeinsam mit Bürgern, Unternehmern, Verbänden und der IHK entworfen hat.

Das Ziel: Bis 2030 soll auf rund 200 Hektar Platz für Betriebe und 5000 neue Einwohner entstehen. „Die Kraft des Masterplans für die Stadtentwicklung ist hoch“, sagt IHK-Chef Weinbrenner. „Es sind Leitplanken für 15 Jahre eingeschlagen worden. Das sorgt für Klarheit bei Unternehmern und Investoren sowie für Verbindlichkeit bei der Politik.“

Die ersten Veränderungen sind schon sichtbar: Im Hafen, einst dem Symbol für die Industriestadt, sind Luxuswohnungen und Büroimmobilien mit Mainblick entstanden. In diese Lage wurden bewusst einkommensstarke Haushalte gelockt, die Offenbach Geld bringen. So ist auch für viele Frankfurter ein attraktives Quartier entstanden. Schulen und Geschäfte sind neu, in wenigen S-Bahn-Minuten ist man in der Nachbarstadt.

Offenbach muss sich nicht mehr verstecken. Matthias Schulze-Böing (Leiter des Amts für Arbeitsförderung, Statistik und Integration)

Und die Mieten sind geringer als in der Mainmetropole – aber deutlich höher als im Rest Offenbachs. So wirkt der Hafen wie ein eigenes Quartier in der Stadt, nicht nur baulich, auch die Bevölkerungsstruktur scheint anders als im Rest zu sein. Ob sich die Neu-Offenbacher und die langjährigen Einwohner aus dem direkt angrenzenden Problemviertel Nordend vermischen, scheint fraglich.

Weiter westlich am Main entsteht gerade rund um den Kaiserlei-Kreisel ein neuer Dienstleistungspark. Dort wollen sich der Versicherer Axa und die Landesbank Helaba niederlassen. Und in den kommenden Jahren sind weitere Projekte geplant: Die Innenstadt soll modernisiert werden, nordwestlich davon, so der Plan, soll ein Innovationscampus Gründer anziehen.

Auf der Aussichtsterrasse lässt Schulze-Böing seinen Blick über Offenbach schweifen. Durch den Masterplan stellt er einen „Bürgerstolz neuer Art“ fest. Dem pflichtet auch Stadtforscher Vöckler bei: „Das Image von Offenbach steht in einem krassen Missverhältnis zur Realität.“

Doch bis sich Offenbach von seinem angeschlagenen Bild erholt, wird es noch Jahre dauern. „Wenn eine Stadt mit einem negativen Image besetzt ist, hängt das sehr lange nach“, sagt Professor Kiese. „Manchmal hilft es selbst nicht, die ganze Stadt umzubauen.“

Lesen Sie hier die gesamte Zukunftsatlas-Serie:

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