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Zukunftsatlas 2019 Das sind die deutschen Regionen mit den besten Zukunftsaussichten

Der Prognos-Zukunftsatlas zeigt: Die ärmsten deutschen Regionen holen auf, die Bevölkerung wächst wieder. Der rasanteste Aufsteiger kommt aus dem Osten.
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Zukunftsatlas 2019: Deutsche Regionen, die besonders stark sind Quelle: Smetek
Regionen Deutschlands

Seit 2004 legt das Forschungsinstitut Prognos alle drei Jahre seinen „Zukunftsatlas“ vor.

(Foto: Smetek)
  • Wie zukunftsfähig sind die 401 deutschen Regionen und Landkreise? Dieser Frage geht das Forschungsinstitut Prognos in seinem Zukunftsatlas 2019 nach. Das Handelsblatt veröffentlicht die Ergebnisse exklusiv.
  • Demnach wird der Abstand zwischen zukunftsfähigen und nicht-zukunftsfähigen Regionen in Deutschland immer kleiner – auch die Provinz holt auf.
  • Damit stehen jahrzehntealte Gewissheiten in Frage: Das Land entvölkert sich, den Großstädten gehört die Zukunft – doch wer sagt eigentlich, dass es zwangsläufig so kommen muss?
  • Im Interview erklärt Prognos-Chef Christian Böllhoff die Ursachen für den aktuellen Trend.

Als Ulrich Hörning den Kollegen bei der Weltbank von seinem neuen Arbeitsort erzählte, bekam er zu hören: „Oh, Leipzig, the cool place near Berlin?“

Die lässige Stadt in der Nähe von Berlin. Leipzig, das hatte sich bis zu den Washingtoner Fluren der Weltbank herumgesprochen, war wie die deutsche Hauptstadt in den 90er-Jahren. Billige Altbauwohnungen, Aufbruchstimmung in leer stehenden Fabriketagen, viel Kunst – und noch mehr Party.

Hörning hatte vor diesem Zeitpunkt seinen Master in Harvard gemacht und unter anderem einige Jahre als Unternehmensberater bei Booz & Company gearbeitet. Als der Senior Economist bei der Weltbank das Angebot bekam, in Leipzig eine Stelle als Bürgermeister und Verwaltungsdezernent zu übernehmen, war es für ihn und seine Familie nicht nur ein Schritt zurück ins Heimatland.

Sondern auch eine Erfahrung, die ihn „demütig“ gemacht habe: „Diese Stadt hat zwischen 1995 und 2005 fast 100.000 Einwohner verloren. Und doch herrscht hier seit 1990 ein beeindruckender Wille, in den Kreis der bedeutendsten Städte Deutschlands zurückzukehren.“ Leipzig, findet Hörning, sei weit mehr als der coole Ort bei Berlin, sondern könne gut und gerne für sich selbst stehen.

Ulrich Hörning ist nur einer von vielen Neubürgern der Stadt. Nirgendwo in der Bundesrepublik ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahren so schnell gewachsen wie hier, um 14 Prozent seit 2011. Vor allem junge Erwachsene entdecken Leipzig als Wahlheimat.

Dass es ihnen längst nicht mehr nur um Party und billige Mieten geht, zeigt eindrucksvoll die neueste Ausgabe des „Zukunftsatlas“: In dieser aufwendigen Regionalstudie ermittelt das Forschungsinstitut Prognos seit 2004 alle drei Jahre anhand von insgesamt 29 statistischen Indikatoren die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte.

Die Bevölkerungsentwicklung fließt ebenso ein wie die Kriminalitätsrate oder die Zahl der Unternehmensgründungen. Auf Basis dieser Daten erstellt Prognos ein Ranking und ordnet die Region in eine von acht Kategorien ein, von „besten Zukunftschancen“ bis „sehr hohen Zukunftsrisiken“. Erstmals erhebt Prognos zusätzlich das Verhältnis von Wohnungsangebot zu -Nachfrage in einem eigenen Immobilienatlas (siehe Grafik).

Das Handelsblatt berichtet exklusiv über die Ergebnisse der Ausgabe 2019 des Zukunftsatlas. Spitzenreiter ist einmal mehr die Region München, wobei die bayerische Landeshauptstadt erstmals vor dem Landkreis liegt, der sie umgibt. Doch Leipzig legte den spektakulärsten Aufstieg hin.

2004 lag die Stadt noch auf Platz 334 in der Schlussgruppe des Prognos-Ranking, es überwogen die Zukunftsrisiken. Vor sechs Jahren schaffte es die Stadt auf Platz 218, das ist die Kategorie, in der sich Chancen und Risiken die Wage halten. Und in der neuesten Ausgabe des Regionalrankings kommt Leipzig auf Platz 104. Nun überwiegen dort die Zukunftschancen (siehe Karte).

Deutschland wächst zusammen

Der Weg Leipzigs vom Schmuddelkind zum Wunderkind ist bezeichnend für eine Trendwende, die sich im Zukunftsatlas 2019 zeigt: Über zwei Jahrzehnte hinweg sah es so aus, als wären die Zukunftschancen in Deutschland zunehmend ungleich verteilt. Doch der Abgesang auf Ostdeutschland, das Ruhrgebiet und viele ländliche Landkreise in den alten Bundesländern wurde womöglich zu früh angestimmt.

Grafik

Denn nun rücken Deutschlands Regionen wieder näher aneinander. „In früheren Ausgaben des Zukunftsatlas betrug der Unterschied zwischen der erst- und der letztplatzierten Region maximal 32 Indexpunkte, jetzt sind es noch 29 Indexpunkte“, sagt Prognos-Chef Christian Böllhof im Handelsblatt-Interview. „Dieser Effekt ist nicht riesig, aber eindeutig vorhanden.“

So ist etwa die Arbeitslosigkeit flächendeckend auf dem Rückzug. Zwischen 2016 und 2018 kam es in fast allen Regionen zu einem Rückgang der Arbeitslosenquote. Lediglich im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist sie geringfügig angestiegen. In 98 Prozent aller Kreise und kreisfreien Städte ist im selben Zeitraum auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gewachsen.

Sicher, noch immer liegen im Wohlstandsniveau und in der wirtschaftlichen Dynamik Welten zwischen der Stadt München als Spitzenreiter und dem Kreis Stendhal bei Magdeburg als Schlusslicht im Ranking. Aber die Prognos-Studie deutet darauf hin, dass der Unterschied in Zukunft eher kleiner als größer werden könnte – zumindest so lange die fundamentalen Trends anhalten, die Deutschland in den vergangenen Jahren geprägt haben: das stabile Wirtschaftswachstum und die Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen EU-Staaten.

Diese Effekte kamen zunächst vor allem den Metropolen zugute, doch inzwischen erreicht das Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung auch die Provinz. Experten sprechen von Spill-over- und Tripple-down-Effekten. Böllhoff: „Das Wachstum, das in der Metropole keinen Platz mehr findet, schwappt immer weiter in die Umgebung, in Form von Zuzüglern und Gewerbeansiedlungen. Das sehen Sie besonders deutlich am Speckgürtel um München und Berlin.“

Unter allen 401 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland hat die sächsische Metropole in den vergangenen 15 Jahren die beeindruckendste Aufholjagd hingelegt. Von Platz 334 ging es auf Rang 104 im Prognos-Zukunftsatlas. Quelle: Today we Travel
Leipzig

Unter allen 401 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland hat die sächsische Metropole in den vergangenen 15 Jahren die beeindruckendste Aufholjagd hingelegt. Von Platz 334 ging es auf Rang 104 im Prognos-Zukunftsatlas.

(Foto: Today we Travel)

Tatsächlich ist Leipzig zwar der beeindruckendste Langfrist-Aufsteiger im Zukunftsatlas. Doch in der Drei-Jahres-Betrachtung hat ein Landkreis im Berliner Umland die rasanteste Performance hingelegt: Nirgendwo in Deutschland haben sich die wirtschaftlichen Zukunftschancen derart schnell verbessert wie in Teltow-Fläming. Für den Kreis südlich von Berlin ging es seit 2016 um 115 Plätze nach oben, er liegt nun auf Platz 170 des Rankings.

Die Landkreise um Berlin sind ringförmig um die Hauptstadt herum angeordnet, sodass es in jedem Landkreis einen Teil gibt, der direkt an Berlin angrenzt und von Zuzug und Gewerbeansiedlungen aus der nahen Metropole profitiert. Die Berlin abgewandten Seiten der Landkreise haben hingegen mit Wegzug und Leerstand zu kämpfen.

Doch der Speckgürtel um die Hauptstadt wird breiter. Mittlerweile steigen auch im direkten Berliner Umland die Baulandpreise stark an, sodass viele Menschen immer tiefer hineinziehen nach Teltow-Fläming. Auch Firmen auf der Suche nach preiswerten Gewerbeflächen siedeln sich zunehmend im Umland an. Deren Mitarbeiter können wiederum noch weiter hinaus nach Brandenburg ziehen, ohne dass die Pendlerentfernungen zu lang werden.

Böllhoff analysiert: „Nach und nach erreicht der Aufschwung von den Metropolen über deren Umgebung auch die ganz abgelegenen Regionen.“ Er ist zuversichtlich, dass es sich dabei nicht nur um eine Momentaufnahme handelt: „Solange die positive ökonomische und demografische Gesamtentwicklung in Deutschland anhält, werden sich auch die Regionen weiter aneinander annähern.“ In einer längeren Phase ohne Wachstum oder mit gebremstem Zuzug könne sich die Entwicklung hingegen umkehren.

Während Deutschland also über die ökologischen Grenzen des Wachstums diskutiert, über Sinn und Unsinn von immer neuen Gewerbegebieten und Einfamilienhaussiedlungen auf der grünen Wiese, verändert der mittlerweile zehn Jahre währende Wirtschaftsboom schleichend die Republik.

Es sind jahrzehntealte Trends und Wahrheiten, die sich da vielleicht noch nicht in ihr Gegenteil verkehren, aber zumindest infrage gestellt werden müssen: Das Land entvölkert sich, den Großstädten gehört die Zukunft – wer sagt eigentlich, dass es zwangsläufig so kommen muss?

Wie einst im Wirtschaftswunder

Karl-Heinz Paqué ist zumindest alt genug, um sich daran zu erinnern, dass es nicht immer so war. Den Volkswirtschafts-Professor an der Universität Magdeburg und Vorsitzenden der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung erinnert die gegenwärtige Wirtschaftslage an seine Jugend.

Er wuchs im ländlichen Norden des Saarlands in den 60er- und frühen 70er-Jahren auf. Damals bauten Industrieunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet neue Werke im abgelegenen Umland des Hunsrücks, „weil es in den Großstädten einfach keine Arbeitskräfte mehr gab“, erinnert sich der 62-jährige Wissenschaftler und FDP-Politiker. Durch die Jahre des Wirtschaftswunders seien viele entlegene Regionen in Westdeutschland im Lebensstandard mit nach oben gezogen worden.

„Mit den zwei Ölkrisen 1973 und 1980 endete dieser Prozess“, sagt Paqué. „Das Wachstum schwächte sich ab, gleichzeitig drängten die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation auf den Arbeitsmarkt. Es gab keinen Arbeitskräftemangel mehr, und die Unternehmen orientierten sich zurück zu den Ballungszentren.“ Der Trend habe sich noch verstärkt, nachdem 1990 die ostdeutschen Länder mit Millionen von Arbeitskräften als „neue Peripherie“ zur Bundesrepublik hinzugekommen seien.

Nun beobachtet Paqué in seiner neuen Heimat Magdeburg und im Osten insgesamt, wie sich dieser jahrzehntelange Trend allmählich erneut umkehren könnte. „Das wird nicht so stark sein wie in den 60er-Jahren, weil die heute dominierenden Dienstleistungsberufe immer eine Tendenz in die Ballungszentren haben.“ Aber für immer mehr Unternehmen würden die großen Metropolen mittlerweile zu eng und zu teuer. „Die siedeln sich dann zum Beispiel in Städten wie Magdeburg an, die wiederum in ihr Umland hineinstrahlen werden.“

Wenn sich Paqué vor Augen führen will, wie es in Deutschland einmal aussehen könnte, dann zieht er in seinem Büro bei der Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin einen Wirtschaftsatlas aus dem Jahr 1928 aus dem Regal. Einige Karten faszinieren den Volkswirt ganz besonders. Sie zeigen die Industrieproduktion und die Handelsströme in der Weimarer Republik.

Vor knapp hundert Jahren war Deutschland auf zwei große Industriezentren ausgerichtet gewesen: im Westen das Rheinland mit dem Ruhrgebiet, im Osten Berlin mit Mitteldeutschland. Die heutige Hightech-Metropole München spielte hingegen kaum eine Rolle. Im Osten liefen dabei die Handelsströme sternförmig auf die Hauptstadt zu.

So war es, so könnte es wieder werden, meint Paqué: „Kein Landrat oder Oberbürgermeister hört gerne, dass er ökonomisch von einem riesigen Ballungsraum abhängt, aber für viele Regionen in Ostdeutschland ist das Wachstum von Berlin die beste Entwicklungschance.“

Grafik

Er sieht keinen Grund, warum die alte und neue Hauptstadt Berlin bis Mitte des Jahrhunderts nicht wieder eine Metropole mit fünf bis sechs Millionen Menschen sein sollte, auch dank „einer dynamischen Gründerkultur sowie dreier großer Universitäten.“ Derzeit hat Berlin rund 3,6 Millionen Einwohner, Tendenz: rasch steigend.

Das größte Risiko sieht Paqué für entlegene ländliche Regionen vor allem im gesellschaftlichen Bereich. Er warnt vor einem „Zusammenbruch der Bürgergesellschaft“, der solche Regionen endgültig veröden lasse. „Zuerst wandern immer die mobilen, gut gebildeten Frauen ab“, hat er beobachtet.

„Zurück bleiben die frustrierten Männer, die keinen Partner mehr für eine Familiengründung finden. Dann müssen Schulen geschlossen werden, was kleine Orte endgültig unattraktiv für junge Familien macht.“

Klar, solche Dörfer und Kleinstädte brauchen Lehrer, Ärzte und schnelles Internet. Paqué rät aber auch dazu, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken.

Auf Veranstaltungen in kleinen ostdeutschen Orten hat der ehemalige Finanzminister von Sachsen-Anhalt häufig die Erfahrung gemacht: „Wenn die Bürger erst einmal das Gefühl haben, dass alles von anonymen Instanzen über ihren Kopf hinweg entschieden wird, entsteht schnell ein Gefühl des Ausgeliefertseins, das nebenbei auch einen Nährboden für die AfD bietet.“

Das Aussterben ist abgesagt
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