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Zukunftsatlas 2019 Teltow-Fläming: Berliner Speckgürtel wird zum Magneten für Unternehmer

Keine andere deutsche Region konnte ihre wirtschaftlichen Zukunftschancen schneller verbessern als Teltow-Fläming. Die Hauptstadtnähe hilft.
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Die Gemeinde in der Nachbarschaft Berlins erfährt beachtlichen Zuzug. Es gilt etliche Bauanträge zu bearbeiten. Quelle:  Hannah Steinharter, Handelsblatt
Gemeinde Blankenfeld-Mahlow

Die Gemeinde in der Nachbarschaft Berlins erfährt beachtlichen Zuzug. Es gilt etliche Bauanträge zu bearbeiten.

(Foto:  Hannah Steinharter, Handelsblatt)

Berlin, Potsdam, Teltow-Fläming Die Produkte von Ex-Post-Manager Bernhard Klapproth passen perfekt ins hippe Berlin. Sein Start-up „Jouis Nour“ produziert frische Snacks aus regionalem, ökologischem Anbau und achtet zusätzlich auf Nachhaltigkeit. Dennoch zog Klapproth Ende vergangenen Jahres aus dem Start-up- und Bio-Milieu der Hauptstadt fort und verlegte seine Firma nach Dahlewitz in Blankenfelde Mahlow – einer Gemeinde im Landkreis Teltow-Fläming.

25 Kilometer liegen zwischen seiner alten Adresse und der neuen Produktionsstätte, wo Mitarbeiter in weißen Kitteln an sterilen Stahltischen stehen. Sie wiegen Zutaten und befüllen kleine Schälchen mit frisch angemachtem Kichererbsensalat. Zubereitet wird auf Bestellung. Die fertigen Produkte landen im Kühlraum und warten dort auf ihre Reise in die Regale von Biosupermärkten und Einzelhandelsketten.

Die Kunden von Jouis Nour sitzen vor allem in der deutschen Hauptstadt. Warum also der Umzug? „Wir wollten uns vergrößern, unser Angebot erweitern und haben im Zentrum einfach kein geeignetes und bezahlbares Grundstück gefunden“, erklärt Birgit Münster, die kaufmännische Leiterin.

Die Wahl fiel schließlich auf eine Industriehalle im Envo-Park, einem Gewerbepark in Dahlewitz, der auf Nachhaltigkeit setzt und beispielsweise Photovoltaikanlagen auf den Fabrikgebäuden anbringt. „Hier passen wir als Biounternehmen doch sehr gut hin“, sagt Münster.

Ein weiterer Vorteil: Der Standort ist nah genug, damit Jouis Nour seine frischen Produkte nach Berlin liefern kann, aber weit genug entfernt, um von günstigeren Mieten zu profitieren. In Berlin stoßen viele Unternehmen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Grafik

Ein Landkreis im Umfeld der Hauptstadt profitierte davon besonders stark: Teltow-Fläming ist der Topaufsteiger im aktuellen Zukunftsatlas des Forschungsinstituts Prognos. Die Studie gibt im Dreijahresrhythmus Auskunft über die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte.

Ein Ergebnis der aktuellen Studie: Kein anderer Landkreis und keine Region schaffte es in Deutschland, die wirtschaftlichen Zukunftschancen schneller zu verbessern als Teltow-Fläming. Die Landkreise in Berlin ordnen sich sternförmig an, sind mit der Hauptstadt jeweils über eine Ecke verbunden.

Die Berührungspunkte wirken wie Magnete: Vor allem dort, in den Berliner Speckgürtel, ziehen Menschen, siedeln Unternehmen ihre Produktionsstätten an. Genau das geschieht auch in Teltow-Fläming, vor allem bekannt für Firmen wie Rolls-Royce-Triebwerksbau und MTU.

Der Landkreis kletterte im Zukunftsatlas 115 Plätze nach oben, belegt nun Platz 170. Auf jeweils 10.000 Einwohner kommen dort 119 Unternehmensgründungen. Die Arbeitslosenquote sank um ein Drittel auf 4,2 Prozent und gehört damit zu den bundesweit niedrigsten Quoten.

Idyll oder Industriegebiet?

Der Envo-Park in Dahlewitz liegt im Berliner Speckgürtel. Als Jouis Nour dort die neue Industriehalle bezog, standen nur drei Hallen an der kleinen Landstraße zwischen den Feldern – mittlerweile sind es acht. Der Betreiber würde den Park gerne vergrößern, in Dahlewitz fehlt ihm dafür aber die nötige Baufläche.

Ein kleines Bauernhaus und wenige Einfamilienhäuser begrenzen den Gewerbepark. Pferde grasen, Hühner scharren im Dreck, eine Kinderschaukel steht im Garten. Die Region wirkt noch wenig erschlossen: Ist sie Vorortsiedlung, Landidyll oder Industriegebiet?

Auch die Verwaltung von Blankenfelde-Mahlow hat auf diese Frage noch keine Antwort gefunden. Die Gemeinde entwickelte sich in den vergangenen Jahren im Eiltempo vom kleinen Vorort zur geschäftigen Stadt. Die hohe Zahl an Zuzügen bringt es mit sich, dass sich die Gemeinde mit etlichen Bauanträgen beschäftigen muss.

Geboten werden hier Labore mit hohen Sicherheitsstandards. Gleich 16 Firmen mieteten sich ein. Quelle:  Hannah Steinharter, Handelsblatt
Wegweiser durch den Biotechnologiepark Luckenwalde

Geboten werden hier Labore mit hohen Sicherheitsstandards. Gleich 16 Firmen mieteten sich ein.

(Foto:  Hannah Steinharter, Handelsblatt)

Und es stehen weitere Entscheidungen an: Wird ein neuer Sportplatz für die zahlreichen Vereine gebaut werden, ein Theater für Kulturinteressierte oder eine neue Industriehalle? Um über die Zukunft ihrer Region zusammen mit ihren 28.000 Bürgern zu entscheiden, hat die Gemeinde im vergangenen Sommer ein Planungsbüro beauftragt.

„Was wollen wir sein, und wo wollen wir hin?“, benennt Marion Dzikowski, erste Stellvertreterin des Bürgermeisters, die zu klärenden Fragen. Kornelia Wehlan (Die Linke), Landrätin von Teltow-Fläming, nennt die Gedanken und Sorgen der Gemeinde „Wachstumsschmerzen“, die sie vollkommen nachvollziehen könne. „Es ist toll, wenn der Landkreis so schnell wächst, aber für die Regionen im Norden, die dieses Wachstum überproportional abbilden müssen, verändert sich einfach sehr schnell sehr viel.“

Wehlans Amtssitz in Luckenwalde befindet sich nicht mehr in Berlins Speckgürtel, sondern in einer „Stadt in der zweiten Reihe“ – im 60 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernten Luckenwalde. Das direkte Berliner Umfeld ist längst kein Geheimtipp mehr. Nun weichen Firmen, Arbeitnehmer und Familien nach Luckenwalde und in andere Städte der zweiten Reihe aus.

Der Ballungsraum Berlin holt im Eiltempo einen Prozess nach, der durch die deutsche Teilung 40 Jahre unterbrochen war. Die Grenze hatte verhindert, dass sich die Metropole ins Umland ausbreiten konnte. Auch im ehemaligen Ostberlin verlief die Entwicklung deutlich gebremst. Einfamilienhaussiedlungen und neue Gewerbegebiete gehörten nicht zu den Top-Prioritäten der DDR-Planwirtschaft.

Platz für Biotechnologie

Ins Berliner Umland zog es auch Kilian Guse. Lange hatte er zuvor nach einem geeigneten Labor für seine Firma „GeneQuine“ gesucht. Zusammen mit seinen Mitarbeitern entwickelt er gentherapeutische Medikamente zur Behandlung von Arthrose.

Für die Forschungsarbeiten ist er auf spezielle S2-Labore angewiesen – strenge bauliche Voraussetzungen und hohe Sicherheitsstandards gilt es zu beachten. Das beginnt beim richtigen Bodenbelag und endet in der Beschaffenheit von Arbeitsflächen. Labore mit diesen Sicherheitsstandards sind deutschlandweit sehr schwer zu finden.

In Hamburg, dem Hauptsitz der Firma, gab es kein einziges. In München, dem Zentrum der Biotechnologiebranche, sind alle geeigneten Labore belegt. Nur in Luckenwalde wurde Guse im Herbst 2018 fündig. Im Biotechnologiepark von Teltow-Fläming gibt es ausreihend S2-Labore: 16 Firmen haben sich inzwischen eingemietet, damit sind alle Räume mittlerweile ausgebucht.

„Für uns ist es praktisch, weil wir nichts umbauen mussten und in ein schlüsselfertiges Labor einziehen konnten“, erklärt Firmenchef Guse. „Außerdem gibt es viele Förderprogramme in Ostdeutschland, von denen wir profitiert haben.“ Zwar sei Berlin eine klanghaftere Adresse. Aber die Nähe zu Berlin und die verkehrstechnisch gute Anbindung machten Luckenwalde zu einem guten Forschungsstandort.

Immer mehr Menschen können inzwischen mit dem Namen Teltow-Fläming etwas anfangen. Das erzählt Jana Memmert, Chefin der Süßmost- und Weinkelterei Hohenseefeld. Erstaunt durfte sie das während einer Fortbildung in Süddeutschland feststellen. „Sie erwähnen dann immer direkt die Skate-Bahn Fläming-Skate, die ja durch unsere Gegend verläuft und weit über den Landkreis hinaus bekannt ist“, erinnert sie sich.

Der Ort Hohenseefeld profitiert vom Tourismus. Direkt hinter dem Obstgarten der Firma verläuft die 230 Kilometer lange, asphaltierte Bahn. Durch den abgelegenen Ort bladen große Sportlergruppen, versorgen sich auf ihren Touren oft mit Fruchtsäften aus Hohenseefeld.

Seit der Gründung vor 60 Jahren produziert die Firma Säfte, Weine und Liköre. Ihre Abnehmer sind Biomärkte, Lebensmitteleinzelhändler und Ketten wie Edeka in Berlin und Brandenburg. „Die Firma ist durch die Autobahnen gut mit unseren Kunden in der Hauptstadt verbunden“, sagt Memmert.

Interesse an Grundstücken steigt

Der Landkreis bemühe sich zudem, den von der Hauptstadt abgewandten Süden des Kreises in die positive Entwicklung einzubeziehen. Erst vor wenigen Wochen sei die Landstraße neu geteert worden. Nun glänzt sie tiefschwarz zwischen den staubigen Wegen. Woran es noch mangelt, sind Nahverkehrsverbindungen und ein flächendeckendes Internet.

Das schränkt den Geschäftsbetrieb bei der Süßmost- und Weinkelterei enorm ein. Zwischen der Produktionsanlage und dem Verwaltungsgebäude liegt ein Einfamilienhaus. So braucht die Firma zwei Telefonanschlüsse, weil es technisch nicht möglich war, beide Gebäude per Datenleitung miteinander zu verbinden.

Das führt dazu, dass Mitarbeiter manchmal zeitgleich im selben Dokument arbeiten. Außerdem gibt es Probleme mit dem EC-Kartenlesegerät. „Mein Elektroauto könnte ich hier um die Ecke laden, aber meine Mails kann ich nicht checken. Da läuft doch was falsch“, kritisiert Memmert.

Dennoch: Das Interesse an Grundstücken steigt auch dort. Erst kürzlich wurde das Haus gegenüber der Firma an eine junge Familie verkauft, die aus Berlin fortgezogen ist. So ist die Dynamik der nahen Hauptstadt überall in Teltow-Fläming zu spüren – nur eben in sehr unterschiedlichem Ausmaß

Neben Teltow-Fläming zeichnet sich die Entwicklung auch in anderen Landkreisen des Berliner Umlands ab. „Etwa in Potsdam-Mittelmark, in Dahme-Spreewald oder in Oberhavel“, erklärt Steffen Kammradt, Chef der Wirtschaftsförderung Brandenburg. Dass die vier Landkreise so erfolgreich sind, hat vor allem etwas mit den Autobahnen und Bundesstraßen zu tun.

„Die Wachstumskerne im Land Brandenburg liegen fast alle entlang dieser großen Verkehrsachsen, an denen sich Industrien schon seit den 90er-Jahren angesiedelt haben“, erklärt er. Die Ansiedlungen entwickelten sich zu den heutigen Wirtschaftszentren des jeweiligen Landkreises und strahlen seither aus. Zuliefererketten siedeln sich an, Arbeitnehmer ziehen zu.

Teltow-Fläming unterscheidet sich dabei lediglich in einem Punkt von den anderen. „Es ist der einzige Landkreis mit zwei Wachstumskernen“, sagt Kammradt. In Ludwigsfelde hat sich mit MTU und Daimler ein Standort für innovative Verkehrstechnik herausgebildet, in Luckenwalde sammeln sich Biotechnologieunternehmen. Mit diesen zwei Wirtschaftskernen hat Teltow-Fläming gleich den doppelten Antrieb und kann so an den anderen Landkreisen des Berliner Umlands und vielen anderen Regionen vorbeiziehen.

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  • Kurze Anmerkung, bei der Grafik wurden wohl die Zahlen vertauscht, ansonsten hätte man einen Sprung von 115 Rängen binnen 3 Jahren und widersprüchliche Aussagen aus der Grafik. Oder seh ich das falsch. Andernfalls freuts mich für das Gebiet!