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Zukunftsreferat IG-Metall-Chef Hofmann: „Wir wollen BMW nicht verstaatlichen“

Nach seiner Wiederwahl hat Jörg Hofmann die Themen seiner Amtszeit skizziert. Alterssicherung und Arbeitszeit bleiben auf der Agenda des IG-Metall-Chefs.
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Der neue und alte IG-Metall-Chef will weiter für eine bessere Altersversorgung kämpfen. Quelle: dpa
Jörg Hofmann

Der neue und alte IG-Metall-Chef will weiter für eine bessere Altersversorgung kämpfen.

(Foto: dpa)

Berlin Der frisch wiedergewählte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann zeichnet in seinem Grundsatzreferat am Mittwoch das ganz große Bild: „Ungleichheit ist kein Naturgesetz einer globalen Welt, sondern Ergebnis politischen Handelns“, ruft er den knapp 500 Delegierten beim Gewerkschaftstag in Nürnberg zu. Es geht um Klimaschutz, um klare Kante gegen Rechtspopulismus, unbeherrschte Finanzmärkte und aktivistische Investoren, die bei Industriekonzernen ihr Unwesen treiben.

Der 63-jährige Gewerkschaftsboss muss beweisen, dass er eine Zukunftsvision für Deutschlands größte Gewerkschaft hat, nachdem er bei seiner Wiederwahl am Vortag nur 71 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Das hat ihn tief bewegt und auch getroffen, wie er vor seiner Rede in einer sentimentalen Ansprache vor den Delegierten deutlich gemacht hatte.

Die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie interessiert aber vor allem, was sie vom alten und neuen IG-Metall-Chef in der kommenden Tarifrunde im Frühjahr nächsten Jahres zu erwarten haben. Doch da hält Hofmann sich noch bedeckt: Seine Gewerkschaft werde „verantwortungsvoll zu Beginn des Jahres schauen, welche Forderung in die Zeit passt“, kündigt er in Nürnberg an.

Auch wenn es mit Deutschland konjunkturell bergab geht, ist Mäßigung aber bisher noch kein Thema für die IG Metall: „Auf die Leimspur einer Lohnzurückhaltung lassen wir uns nicht locken“, sagt Hofmann. Wenn im Augenblick eines die Konjunktur trage, dann sei es die stabile Binnennachfrage. „Und es wäre töricht, an diesem Ast zu sägen.“

Seine Gewerkschaft habe aber immer Forderungen gestellt, „die in die ökonomischen Realitäten passten“ – und das werde sie auch im kommenden Jahr tun, sagte Hofmann. Das allerdings dürften viele Arbeitgeber anders sehen. So hatte die IG Metall trotz des Fachkräftemangels Anfang 2018 einen Tarifabschluss durchgesetzt, der gut einer Viertelmillion Metaller mehr Freizeit bescherte.

Wahloption zwischen Geld und Freizeit

Und Hofmann will beim Thema Arbeitszeit auch künftig nicht locker lassen: So sollten Eltern kleiner Kinder, Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen oder bestimmte Schichtarbeiter auch dann eine Wahloption zwischen Geld und Freizeit haben, wenn sie nur Teilzeit arbeiten. Auch Monteuren oder Projektarbeitern verspricht der IG-Metall-Boss selbstbestimmtere Arbeitszeiten.

Und damit Arbeitszeitverkürzung für die einen nicht Stress und Mehrbelastung für die anderen bedeutet, denkt Hofmann auch laut über eine Mindestpersonalbemessung in bestimmten Arbeitsbereichen nach. Vereinbarkeit von Leben und Beruf sei „kein Schönwetterthema“, sondern ein Grundsatz der Betriebs- und Tarifpolitik der IG Metall.

Die IG Metall fordert eine Anhebung des gesetzlichen Rentenniveaus, will aber auch auf tariflicher Ebene für eine bessere Altersversorgung kämpfen. In Nordrhein-Westfalen komme ein Kollege in der Ecklohngruppe nach 40 Jahren Arbeit auf 1273 Euro Rente. „Auch wenn das Rentenniveau fünf Prozentpunkte nach oben ginge, ist das nicht üppig“, sagt Hofmann. Eine betriebliche Altersvorsoge dürfe deshalb kein Privileg für Beschäftigte in Großunternehmen bleiben, sondern müsse allen zugänglich sein: „Wir brauchen mehr Verantwortung der Arbeitgeber für die Altersvorsorge!“

Tarifliche Lösungen können aber nur breite Wirkung haben, wenn in möglichst vielen Unternehmen Tarifverträge gelten. Hier aber würden sich die Arbeitgeber aus der Verantwortung stehlen, kritisiert der IG-Metall-Chef. Von den gut 7200 im Arbeitgeberverband Gesamtmetall zusammengeschlossenen Mitgliedsfirmen unterliegt nicht einmal mehr die Hälfte der Tarifbindung.

Der Verband führt die Abstinenz auch darauf zurück, dass die Tarifverträge zuletzt immer teurer und vor allem komplexer geworden sind und sich gerade kleine Unternehmen deshalb überfordert fühlen.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer oder Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger machen sich deshalb für „modulare“ Tarifverträge stark, aus denen sich Unternehmen die für sie passenden Bestandteile auswählen können.

Keine Rosinenpickerei

Diesem Ansinnen erteilt der IG-Metall-Chef aber eine klare Absage: „Wir brauchen keine Rosinenpickerei“, sagt er. Die Arbeitgeber sollten aufhören, Tarifverträge als zu teuer und überzogen schlecht zu reden, die sie selbst unterzeichnet hätten.

Allerdings müsse Tarifbindung dann auch echte Vorteile bringen: Deshalb gehörten die Bezugnahmeklauseln abgeschafft, mit denen auch nicht tarifgebundene Unternehmen von dem profitieren könnten, was Arbeitgeber und Gewerkschaft gemeinsam ausgehandelt hätten. „Wer die Vorteile eines Tarifs will, der muss Mitglied sein.“

Neben dem Kampf für mehr Tarifbindung, den der Gesetzgeber durch Tariftreueregelungen und die kollektive Nachwirkung von Tarifverträgen bei Betriebsaufspaltungen und Ausgliederungen flankieren soll, will der IG-Metall-Chef auch eine Mitbestimmungsoffensive im Arbeitsprogramm für die nächsten vier Jahre verankern.

„Ohne die Montanmitbestimmung wäre Thyssen-Krupp heute ein Opfer der Finanzinvestoren und morgen bis auf die Knochen ausgeschlachtet“, ist Hofmann überzeugt. Als Zeichen gelebter Wirtschaftsdemokratie sei einst die Montanmitbestimmung bei Schlüsselindustrien wie Kohle und Stahl geschaffen worden.

Heute gebe es andere Schlüsselindustrien wie Fahrzeugbau, IT oder Energieanlagenbau, die zunehmend beherrscht und getrieben würden durch internationale Finanzinvestoren. „Wir wollen nicht, wie Kevin Kühnert, die Verstaatlichung von BMW fordern“, ruft Hofmann. Aber die Demokratie brauche eine Balance von Arbeit und Kapital.

„Und daher fordern wir, dass das Mitbestimmungsgesetz endlich weiterentwickelt wird zu einer wirklichen Mitbestimmung, die nicht ihre Grenze bei der Zweitstimme des Kapitalvertreters findet.“ Nicht der Kurs am Kapitalmarkt dürfe bestimmen, ob Standorte geschlossen, Beschäftigte entlassen, Unternehmensteile verkauft würden, sondern die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens müsse im Mittelpunkt stehen.

Das gelte erst recht angesichts der erwarteten Umbrüche durch Digitalisierung und Verkehrswende. Beschäftigte müssten für neue aufgaben qualifiziert oder umgeschult werden. Die IG Metall hatte deshalb in der vorletzten Tarifrunde eine sogenannte Bildungsteilzeit durchgesetzt. Was aber noch fehle, sei eine vernünftige finanzielle Absicherung der Freistellung für Bildungszwecke: „Daher fordern wir vom Arbeitgeber und Gesetzgeber Modelle mit Entgeltausgleich.“

Nur verhaltenen Applaus erhält Hofmann, als er von den Leiharbeitern spricht. In der Transformation müssten alle Beschäftigten Perspektiven auf gute Arbeit haben, sagt der IG-Metall-Chef. Er wolle nicht hinnehmen, dass einfach tausende Leiharbeiter abgemeldet würden ohne zu prüfen, ob es Alternativen gebe.

Die Metaller wissen aber ganz genau, dass es im Abschwung oder im Strukturwandel dann eben direkt an die Stammbelegschaften geht, wenn keine Leiharbeiter da sind.

Gehe die Auslastung zurück, dann müssten zuerst die Arbeitszeitkonten geleert werden, bevor es zu Kurzarbeit komme. Und wenn das nicht reiche, dann könne auch über Arbeitszeitkürzung ohne Lohnausgleich geredet werden. Die Leiharbeiter, die in der Regel als erste gehen müssen, erwähnt Hofmann an dieser Stelle mit keinem Wort.

Mehr: Die fetten Jahre der IG Metall sind vorbei, meint Handelsblatt-Korrespondent Frank Specht.

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2 Kommentare zu "Zukunftsreferat: IG-Metall-Chef Hofmann: „Wir wollen BMW nicht verstaatlichen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Da muß er sich dann aber überlegen ob er die Autoindustrie und BMW vor der Verstaatlichung ruinieren will. Allerdings spätestens mit der Verstaatlichung kommt auch der Ruin von BMW. Wenn Kommunisten und Sozialisten nichts hin kriegen, die Autoindustrie zu ruinieren das kriegen die hin, da habe ich keine Sorgen.

  • Keine Verstaatlichung von BMW? Das freut uns aber, oder vielleicht doch nicht. Ich hatte
    auf einen 7er gehofft. Aber der naechste IG-Metall-Chef kann das vielleicht richten.

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