Energie-Unabhängigkeit von Russland: Solarenergie: EU-Kommission plant Pflicht zum Solardach für Neubauten
Würde man auf europäischen Dächern flächendeckend Solarpanels anbringen, könnte man 25 Prozent des Strombedarfs des Staatenverbunds decken.
Foto: imago images/ShotshopBrüssel. Die EU-Kommission will weitere große Anstrengungen unternehmen, um von russischer Energie unabhängig zu werden. „Heute gehen wir mit unserem Ehrgeiz noch einen Schritt weiter“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Um sicherzustellen, dass wir nicht mehr von fossilen Brennstoffen aus Russland abhängig sind, und zwar so schnell wie möglich.“
300 Milliarden Euro sollen dafür bis zum Jahr 2030 aufgewendet werden. Ein kleiner Teil davon soll in neue Infrastruktur für Öl und Gas fließen, damit diese Energieträger über andere Wege in die EU kommen können.
EU: Unabhängigkeit von Russland durch Erneuerbare Energien
Der wesentliche Teil aber soll für den Ausbau erneuerbarer Energien bereitstehen. Ein Großteil des Geldes soll aus dem Corona-Wiederaufbaufonds kommen, der ohnehin Investitionen in den Klimaschutz vorsieht. Nur 75 Milliarden Euro sind zusätzliches Geld.
Kritik von Umweltschützern gibt es daran, dass 20 Milliarden Euro dieses Betrags aus der Versteigerung neuer CO2-Emissionszertifikate kommen werden. Matthias Buck von der Organisation Agora Energiewende erwartet einen gedämpften CO2-Preis, was „ökonomischen Druck von den Kohlekraftwerken insbesondere in Osteuropa nehmen wird und damit zu zusätzlichen CO2-Emissionen führt“.
Damit würden auch die Anreize gesenkt, in saubere Energie und Energieeffizienz zu investieren. Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans verteidigte die Maßnahme damit, dass sie „auf keinen Fall“ das Erreichen der Klimaziele gefährde.
Solar soll Gas in der EU ersetzen
Ein Teil des Geldes soll in neue Solaranlagen fließen. Würde man auf europäischen Dächern flächendeckend Solarpanels anbringen, könnte man 25 Prozent des Strombedarfs des Staatenverbunds decken und müsste kein Erdgas zur Stromerzeugung mehr importieren.
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Auf diese Schätzung verweist die EU-Kommission und begründet damit ihren Vorschlag, Solaranlagen für neue Gebäude zur Pflicht zu machen. Bis 2025 sollen Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 320 Gigawatt ans Netz gebracht werden – mehr als das Doppelte von dem, was 2020 verbaut wurde. Bis 2030 sollen es dann fast 600 Gigawatt sein.
„Solar wird damit zu einer tragenden Säule der Stromversorgung“, sagte ein EU-Beamter. Er räumte allerdings ein: „Verschärfte Ziele allein bringen keine Solardächer. Es braucht noch mehr Maßnahmen.“
Konkret sollen bis 2026 bei allen öffentlichen und gewerblichen Neubauten mit einer Nutzfläche von mehr als 250 Quadratmetern Solarpanels auf den Dächern installiert werden. Eigentümer von Bestandsbauten der gleichen Kategorie haben dafür ein Jahr länger Zeit, also bis 2027.
Bei Wohngebäuden gilt die Frist bis 2029 und betrifft nur Neubauten. Zudem will die EU-Kommission dafür sorgen, dass alle Neubauten so geplant werden, dass das „Erzeugungspotenzial auf der Grundlage der Sonneneinstrahlung des Standorts optimiert wird“.
EU-Plan: Nur drei Monate Genehmigungszeit für Solaranlagen
Auch ein bürokratisches Problem geht die EU-Kommission an: Sie will die Genehmigungsdauer für Solaranlagen auf Dächern, egal welcher Größe, auf maximal drei Monate begrenzen.
Ein Hindernis im Gebäudesektor bleibt die mangelnde Verfügbarkeit von Handwerkern und Material. „Schon jetzt fehlt es an Fachkräften. Dieser Engpass könnte schnell wachsen, wenn er nicht angegangen wird“, schreibt auch die EU-Kommission in ihrem Strategiepapier.
Der Plan werde helfen, Energie zu sparen.
Foto: ReutersDie Mitgliedstaaten sollen für die personellen Lücken Schulungsprogramme entwickeln, um so dem Handwerkermangel entgegenzuwirken. „Es braucht qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker, weshalb wir intensiv um Auszubildende und Fachkräfte werben“, sagte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Gerade im Handwerk böten sich Chancen und Möglichkeiten, sich „täglich und hauptberuflich als Klimaschützer zu betätigen“.
Um den Materialmangel anzugehen, setzt die EU-Kommission auf Innovation und Recycling. Für die Herstellung und Installation der Photovoltaikmodule braucht es Glas, Aluminium und Stahl, für den Anschluss an das Stromnetz wird Kupfer benötigt. Nur sehr wenig davon kommt direkt aus der EU: Das meiste muss importiert werden, und die Zahl der möglichen Lieferantenländer ist gering.
Hinzu kommt, dass ab 2025 erste, bereits installierte Photovoltaikanlagen ersetzt werden müssen. Deswegen fordert die Kommission, dass Recyclingstrukturen aufgebaut werden, um weniger neue Rohstoffe zu benötigen. Neue Panels sollen künftig so designt sein, dass sie reparierbar und recycelbar sind.
Wasserstoff und Wärmepumpen sollen bei Energiewende helfen
Die Solar-Initiative soll dazu beitragen, dass der Anteil erneuerbarer Energien in der EU bis 2030 auf 40 Prozent steigt. Bislang waren 45 Prozent vorgesehen.
Zum Plan gehört auch, dass jährlich doppelt so viele Wärmepumpen installiert werden wie bislang und dass bis 2030 in Europa zehn Millionen Tonnen grüner Wasserstoff produziert werden. Weitere zehn Millionen Tonnen sollen bis dahin importiert werden.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie weist auf drohende Engpässe hin: „Europa braucht jetzt dringend mehr Elektrolysekapazitäten und grenzüberschreitende Wasserstoffinfrastrukturen“, sagte Hauptgeschäftsführer Holger Lösch.
Dieser Artikel erschien zuerst am 18.05.2022 um 17:24 Uhr.