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Gas-KriseDeutschland könnte Winter laut Studie ohne russisches Gas überstehen

Sollte Russland uns das Gas komplett abdrehen, muss das kein Problem sein – sofern der Verbrauch sinkt. Eine Studie zeigt, mit welchen Maßnahmen das gelingen kann.Julian Olk 29.08.2022 - 16:18 Uhr Artikel anhören

Die Verantwortung beim Energiesparen muss von allen getragen werden.

Foto: dpa

Berlin. Russland dreht am Gashahn. Über die Pipeline Nord Stream 1 kommt aktuell nur 20 Prozent der vereinbarten Menge in Deutschland an. Die Sorge ist enorm, dass Präsident Wladimir Putin den Deutschen den Gashahn noch komplett zudreht.

Eine neue Studie zeigt: Das muss kein Problem sein. Deutschland kann auch ohne russisches Gas durch den Winter kommen. Doch es gibt ein großes Aber: der Verbrauch. Denn der muss noch deutlich weiter runter.

Bei der Studie handelt es sich um die Neuauflage der viel zitierten Bachmann-Studie, benannt nach dem deutschen Volkswirt Rüdiger Bachmann, der an der US-Universität Notre Dame lehrt. Er hatte zusammen mit zehn weiteren Ökonominnen und Ökonomen, darunter Forscher vom Ifo-Institut und der Universität Bonn, im März kurz nach Kriegsausbruch die Lage der deutschen Gasversorgung analysiert.

Gas-Krise: Deutsche Gasspeicher inzwischen befüllt

Damals stand noch die Frage im Raum, ob Deutschland als Sanktion gegen den Angriffskrieg in der Ukraine einen Lieferstopp für russisches Gas verhängen sollte. Die Bachmann-Autoren hatten das als sinnvoll eingestuft und damit für viel Furore gesorgt. Die Bundesregierung war dagegen.

Inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert. Nicht mehr ob Deutschland auf russisches Gas verzichtet, sondern ob Russland uns den Hahn abdreht, ist mittlerweile die Frage.

Die deutschen Speicher sind inzwischen zu 70 Prozent befüllt, auch Ersatz wie Flüssiggas wird bald angeliefert. Und Deutschland hat im ersten Halbjahr dieses Jahres schon Gas gespart, laut Bundesnetzagentur 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Doch ändert sich nichts weiter am Verbrauch, würde das Gas bei ausfallenden Lieferungen aus Russland trotzdem nicht reichen. Auch Netzagentur-Präsident Klaus Müller sagt: „Es muss noch eine Schippe draufgepackt werden.“ Die Studie gibt vor: Deutschland muss zwischen heute und April 2023 weitere 25 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren sparen. Das sind 210 Terawattstunden.

Dann würden die Speicher stets mehr als rund ein Fünftel gefüllt bleiben. „Dann können wir auch ein paar kältere Monate zur Not bewältigen“, erklärt der Bonner Ökonom Moritz Schularick den Puffer. Es wäre dann auch kein Problem, wenn Deutschland weiter solidarisch ist und ein Drittel seines Gases an seine Nachbarn weiterleitet.

Um die 25 Prozent zu erreichen, braucht es aus Sicht der Studienautoren noch folgende Maßnahmen:

1. Weniger Gas in der Stromerzeugung: Einsparpotenzial 60 Terawattstunden

Allzu viel ist bei den Kraftwerken bislang nicht passiert. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat zwar Steinkohle-Kraftwerke aus der Reserve geholt. Die laufen aber jetzt erst nach und nach an. Bald soll auch die Braunkohle folgen. Über die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke wird noch diskutiert.

Immerhin werden die Kohlekraftwerke jetzt noch helfen. „Je früher wir beginnen, die Nachfrage zusätzlich zu reduzieren, desto billiger wird es“, sagt Mitautor Georg Zachmann vom Bruegel-Institut. In der Stromerzeugung können laut der Studie schon einmal 60 Terawattstunden Gas bis April gespart werden. Allerdings konnte der Einsatz der Gaskraftwerke bislang nicht so sehr reduziert werden, weil Deutschland Strom nach Frankreich exportieren musste.

2. Weniger Gas für private Gasheizungen: Einsparpotenzial 60 Terawattstunden

Wie viel den Bürgern zuzumuten ist, wird seit Wochen diskutiert. Die Studienautoren diskutieren nun eine Absenkung der Raumtemperaturen um bis zu 2,5 Grad Celsius. Das würde schon enorme Einsparungen schaffen. Daneben geht es auch um Investitionen, etwa für smarte Thermostate oder die Isolierung von Fenstern – hier muss man allerdings einschränken, dass aktuell vielfach die Handwerker dafür fehlen.

Damit die Bürger investieren und ihre Heizungen herunterdrehen, braucht es Anreize. Das funktioniert laut Ökonomen am besten über den Preis. Viele Haushalte spüren die hohen Gaspreise noch gar nicht, weil ihre Rechnungen erst in den kommenden Monaten kommen.

Die von der Bundesregierung geplante Gas-Umlage, die den Preis je Kilowattstunde zwischen 1,5 und fünf Cent erhöhen soll, werde nicht reichen. „Wirtschaftspolitisch sinnvoll wäre eine Pflicht zur Preisanpassung aller Gas- und Stromverträge auf einen aktuellen Tarif, die mit einer Entschädigung verbunden wäre“, schlagen Bachmann und seine Kollegen daher vor.

Ihr Modell geht auf Mitautor Christian Bayer zurück: Der Gesetzgeber könnte die Gasversorger verpflichten, 80 Prozent der höheren Preise gleich an die Kunden weiterzugeben. Dafür bekämen die Kunden eine Gutschrift auf ihre zukünftigen Rechnungen, die von der Höhe des weitergereichten Preises und der eigenen Einsparung abhängt. „Der Verbraucher kann entweder unverändert seine Gasmenge kaufen, oder er kann Gas sparen und das Geld, das er durch die Gutschrift bei zukünftigen Gasrechnungen spart, anderweitig ausgeben.“

Ein ähnliches Vorgehen schlagen die Studienautoren für Einzelhandel und Gewerbe vor. Insgesamt könnten so ebenfalls 60 Terawattstunden eingespart werden.

3. Weniger Gas in der Industrie: Einsparpotenzial 90 Terawattstunden

Viele Industrie-Unternehmen haben inzwischen angefangen, auf Gas zu verzichten. Ein Teil von ihnen hat auch die Produktion zurückgefahren. Laut Bachmann und Co. werden das weitere tun müssen, um die notwendigen Einsparungen zu erreichen, insbesondere in der Chemie. Die brauche besonders viel Gas, sei aber noch am ehesten ersetzbar.

Damit die Lieferketten, bei denen die Chemie-Hersteller am Anfang stehen, nicht einbrechen, sollen die Kunden ihre Waren stattdessen aus dem Ausland importieren. Das könne die Bundesregierung fördern, indem sie die Zölle für die entsprechenden Produkte senkt. Insgesamt könnte die Industrie so 90 Terawattstunden einsparen.

Zusammen mit Kraftwerken und Haushalten wären so die notwendigen 210 Terawattstunden erreicht und der Verbrauch würde um 25 Prozent sinken.

Gasversorgung: Was hat sich im Vergleich zum Frühjahr geändert?

Die erste Veröffentlichung von Bachmann und Kollegen im März hatte erhebliche Wellen geschlagen und einen Streit unter Ökonominnen und Ökonomen ausgelöst, wie er noch nie da gewesen war. Der Grund: Einige der Autoren hatten auf Grundlage ihrer Analyse die Regierung über Wochen dazu aufgefordert, ein Gasembargo als Sanktion gegen Russland zu verhängen. Selbst Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schaltete sich ein und nannte die Berechnungen „unverantwortlich“.

In der neuen Studie vergleichen die Autoren die Situation damals mit der von heute. Muss der Verbrauch heute um 25 Prozent reduziert werden, hätte er damals um 31 Prozent gesenkt werden müssen. Das ist ein überraschend geringer Unterschied angesichts der Tatsache, dass die Speicher damals nicht einmal halb so voll waren.

Deutsche Gasspeicher laut Studie von Rüdiger Bachmann zu klein

Als Grund nennen die Studienautoren, dass die Speicher ohnehin insgesamt zu klein wären, um allein mit ihnen über den Winter zu kommen. Deswegen sei der Fokus allein auf die Speicherstände falsch. Notre-Dame-Ökonom Bachmann erklärt einen weiteren Punkt: „Man hätte länger Zeit für die Anpassung gehabt und das strategische Heft nicht aus der Hand gegeben.“ Gerade in der Industrie ist laut den Autoren zu wenig passiert.

Ob das so ist, wurde in den vergangenen Tagen bereits via Twitter intensiv diskutiert. Sebastian Dullien nennt diese Annahme in der Studie nun „falsch“. „Aus meiner Sicht belegen gerade die vielen Beispiele zur Reduktion des Gasverbrauchs in der Industrie, die die Autoren selber anführen, dass die Vorbereitungen der vergangenen Monate auf Hochtouren gelaufen sind“, sagt der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), der sich im Frühjahr gegen ein Embargo ausgesprochen hatte und weitaus gravierendere Folgen sah.

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Bachmann und seine Mitstreiter wiederum sehen das anders. „Die Politik hat es bisher verpasst, genügend Anreize zum Gassparen zu setzen“, sagt Schularick.

Erstpublikation: 5.8.2022, 20:52 Uhr.

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