Kindheit im Krieg Jubel, Trauma und große Not

Uniformen, Zinnsoldaten und Parolen: Vielen Kindern erschien der Erste Weltkrieg zu Beginn vor allem spannend. Doch bald wurde aus dem Spiel harte Realität. Väter starben, Menschen hungerten, das Leid war allgegenwärtig.
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Der Hunger ist groß: Frauen und Kinder stehen 1917 in Berlin Schlange an einem Lebensmittelgeschäft. Quelle: dpa

Der Hunger ist groß: Frauen und Kinder stehen 1917 in Berlin Schlange an einem Lebensmittelgeschäft.

(Foto: dpa)

München Anfangs erschien der Weltkrieg als großes Abenteuer. Schon Kinder trugen stolz Uniformen und wurden mit Liedern, Gedichten und Militärparolen darauf eingestimmt, tapfer den Feind zu besiegen. Preußische Tugenden wie Disziplin und Gehorsam waren oberstes Gebot. Doch was die Kleinen mit Zinnsoldaten und Spielkanonen nachstellten, entpuppte sich in der Realität als unvorstellbar grausam. Viele Kinder daheim gerieten in einen Zwiespalt: Erst die große Kriegsbegeisterung, dann Tod, Hunger und das allgegenwärtige Elend.

Dabei begann alles so euphorisch. Bürgerliche Familien im Deutschen Reich ging es unter Kaiser Wilhelm II. gut. Wer es sich leisten konnte, ließ seinen Kindern eine gute Bildung angedeihen und verwöhnte sie. „Gerade in der Zeit um den Ersten Weltkrieg gab es extreme Luxusspielsachen“, sagt Urs Latus vom Spielzeugmuseum in Nürnberg.

Deutschland habe die ganze Welt damit beliefert. Sehr beliebt: Puppenstuben und Hausrat im Kleinformat, Quartettspiele mit Komponisten, Feldherren oder Dichtern, Baukästen, Eisenbahnen und vor allem Kriegsspielzeug, von Soldatenfiguren über Nachbauten von Feldlagern bis hin zu Kanonen und Schiffsflotten. „Die Spielzeugwelt war sehr patriotisch aufgeladen“, erklärt Latus.

Ähnlich national war die Bildung: „In der Schule haben die Lehrer gemeint, wir hätten die vaterländische Pflicht, nicht mehr fremde Wörter zu gebrauchen“, vertraut die 12-jährige Elfriede Kuhr aus Schneidemühl in Posen im August 1914 ihrem Kriegstagebuch an. Also „Lebwohl“ statt „Adieu“ und Mutter statt „Mama“, für das Mädchen schmerzlich. „Mutter ist nicht zärtlich genug. Ich will ,Muttchen' sagen.“ Knaben konnten sich in Jugendregimentern drillen lassen, auch wenn sie für einen Kampfeinsatz noch viel zu jung waren.

Das Leben und Leiden der Soldaten
Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Mobilmachung im August 1914 in Deutschland: Die Menschen Unter den Linden in Berlin greifen nach den Extrablättern, die den Ausbruch des Krieges bekanntgeben. Vor allem in den Gesichtern der Damen ist eher Sorge als Freude zu erkennen ...

Deutsche Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg
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... was sich kurz darauf zumindest scheinbar ändert: Die deutschen Soldaten ziehen in den Krieg und verabschieden sich voller patriotischem Pathos von ihren Liebsten.

Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Ob jung oder alt – die Kriegsbegeisterung in Deutschland war groß. Auch dieser nicht mehr ganz so junge Freiwillige ließ sich offenbar davon anstecken. Der festlich geschmückte Zug brachte die Truppen an die Westfront. Das Bild stammt aus dem August 1914 und wurde in Leipzig geschossen.

Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Über Metz nach Paris: Viele lachende Gesichter sind zum Abschied in München zu sehen. Ein großer Teil der Soldaten sollte nicht von der Front zurückkommen. Die traurige Bilanz nach vier Jahren Krieg: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste.

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Abschied in Berlin: Hier bekommt ein Soldat Blumen, die ihm Glück bringen sollen.

huGO-BildID: 37546517 FORTY FOUR OF ONE HUNDRED PHOTOS WORLD WAR ONE CENTENARY TIMELINE-In this undated file photo, a British recruiting poster displ
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Die Briten mussten zu Beginn des Krieges Freiwillige mobilisieren, da die allgemeine Wehrpflicht erst 1916 eingeführt wurde. Hier wirbt Feldmarschall Herbert Kitchener für die Sache.

Österreich im ersten Weltkrieg
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Für viele Soldaten hieß es zunächst einmal: marschieren. Hier ziehen österreichische Soldaten mit Pferden durch ein Tal im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien.

Der Historiker Sebastian Haffner erlebte den Kriegsbeginn in den Sommerferien in Hinterpommern. Besonders schmerzte den Siebenjährigen der Verlust der zwei schönsten Pferde des Landgutes, die zur Kavallerie beordert wurden, erzählt er in der Autobiografie „Geschichte eines Deutschen“.

Auf der Heimreise bewunderte er die Soldaten, die unter dem Jubel der Menschen ins Feld zogen: „Ich kam alsbald dahinter, dass hier ein Spiel im Gange war, geeignet, das Leben spannend und aufregend zu machen wie nichts zuvor“. Trotz Entbehrungen wie Hunger, häufigen Krankheiten und Holzschuhen hielt seine Begeisterung an: „Der Heeresbericht interessierte mich viel stärker als der Küchenzettel.“

Im Rückblick sah Haffner diese Begeisterung kritisch, vor allem vor dem Hintergrund des späteren Nationalsozialismus. „Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben“, notiert er. Ähnlich sieht es auch der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, Autor des kürzlich erschienen Werks „Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges“. Wer den Krieg als Heranwachsender erlebt habe, sei vermutlich anfälliger dafür gewesen als Soldaten.

In der Klasse tanzten die Mädels vor Vergnügen
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