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20 Jahre Tiananmen: Das große Schweigen

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Der Übergang zu einer Demokratie brauche Zeit, da sind sich Chinas Studenten einig. Aber wie lange noch? 1989, als es die Massen nicht nur in Peking, sondern auch in Nanjing oder Schanghai auf die Straße trieb, waren sie noch Kinder.

Trotz des amtlich verordneten Schweigens wissen alle über den 4. Juni Bescheid. Im Internet werden, meist anonym, die Diskussionen von damals weitergeführt, sagt Ling Cangzhou, der in Peking an einer Privat-Uni unterrichtet: "Die wissen alle, wie man die Online-Zensur umgeht." 1989 war er auf dem Tiananmen-Platz mit dabei. Er trug sogar mal ein Plakat mit dem Spruch "Freiheit für China", sagt er. "Aber ich war nur einer der vielen Mitläufer, blieb darum nachher weitgehend verschont." Zur "Besinnung" musste er ein Jahr lang in einem Bergwerk nahe Peking schuften.

Ling gehört zur neuen kritischen Generation in China. Er unterzeichnete - wie Bao Tong - die Charta 08, eine Art Verfassungsentwurf für die Volksrepublik, in der China als Demokratie neu entworfen wird. Unter der aktuellen Parteiführung erwartet er keinen Wandel: "Aber in 20 oder 30 Jahren wird unser Land hoffentlich demokratisch sein", sagt Ling.

Ein wenig Fortschritt erkennt er bereits. Chinas Medien seien heute freier als je zuvor, sagt Ling. "Aber es gibt zwei streng verbotene Themen: Falun Gong und der 4. Juni." Wer darüber berichte, werde "sofort wie von einem Starkstromschlag getroffen".

DER ANFÜHRER

Einer der Stars von 1989 blickt heute vom 55. Stock hinunter auf die Welt. Wu'er Kaixi hat sein Büro in einem der schicksten und höchsten Gebäude der Welt, im Wolkenkratzer 101 in Taipeh. Von seinem Schreibtisch blickt er weit über die Stadt bis zu den Bergketten von Taiwan. "Bei klarem Wetter kann man China sehen", flachst er und zeigt lachend in die Ferne.

Das stimmt natürlich nicht, das Festland ist zu weit entfernt. Aber Wu'er liebt die Zuspitzung. China ist für ihn heute ohnehin unerreichbar. Das "Enfant terrible" von 1989 darf nicht in die Volksrepublik, seine alten Eltern dürfen nicht hinaus. Das passt in sein Bild von Chinas Führung: "Es ist unmenschlich, dass ich noch immer unter den Folgen von damals leiden muss", schimpft Wu'er.

Damals, mit 21, gehörte er zu den Anführern auf dem Tiananmen-Platz. Und schon damals war er eine schillernde Figur. So gab Wu'er im teuren "Beijing Hotel" ausländischen Reportern Interviews, er galt als Lebemann und Angeber. Berühmt wurde er aber durch seinen Auftritt in der Großen Halle des Volkes, als er bei einem der Treffen der Studenten mit der Parteiführung Premier Li Peng ins Wort fiel und zurechtwies. Die Szene wurde im Fernsehen ausgestrahlt, Wu'er hatte sein Millionenpublikum.

Auch im Exil sorgte Wu'er für Schlagzeilen. Über Hongkong und Frankreich war er nach 1989 in die USA gelangt, wo er ein Stipendium für Harvard bekam. Doch er gab das Geld lieber für Partys aus. Nach einem Semester wurde das Stipendium gestrichen.

Seitdem kämpft Wu'er Kaixi aus dem Ausland für das Ende der KP-Herrschaft. "Für China ist die einzige Lösung Demokratie", sagt er.

Politisch überlebt haben Chinas Führer seiner Meinung nach das Blutbad von 1989 nur, weil sie danach ein Abkommen mit dem Volk trafen: wirtschaftliche Öffnung und damit wachsenden Wohlstand gegen stillen Gehorsam. Das funktioniere - aber nur auf Zeit. "Viele junge Leute wissen eben doch, dass da was war."

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