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20 Jahre Tiananmen: Das große Schweigen

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Irgendwann würden Fragen kommen, ist sich Wu'er Kaixi sicher, dann werden die Schatten von Tiananmen China einholen: "Man kann die Wahrheit nicht verbergen."

Zum Jahrestag heute wird sich der Studentenführer von einst mit ein paar alte Tiananmen-Kumpeln in Washington treffen. Seine Appelle für Demokratie und Menschenrechte finden seit Jahren im Ausland ein großes Publikum. In der Dissidentengemeinde bleibt Wu'er Kaixi jedoch umstritten. Dass er zum Jahrestag - mit Sinn für den großen Auftritt - den Einstieg in Taiwans Politik plane, das weist er zwar zurück. Aber zugetraut hat es ihm jeder.

Wu'er war nie der Meinung, dass man unbedingt als Asket für die Demokratie kämpfen müsse. Nach einem Politikstudium in San Francisco heiratete er 1996 in die Familie eines taiwanesischen Multimillionärs ein. Plötzlich wohlhabend, wurde er rasch zum Partner einer amerikanischen Risikokapitalgesellschaft. Die residiert im 55. Stock des Wolkenkratzers 101 in Taipeh.

Und so trifft man den alten Tiananmen-Rebellen, der am 3. Juni in Muxidi "an vorderster Front" dabei war, 20 Jahre später als leitenden Mitarbeiter einer "Heuschrecke" wieder, an einer der feinsten Adressen Taiwans. Wu'er findet das nur logisch: Seine Firma investiere schließlich auch Millionen auf dem Festland, rechtfertigt er sich, sein Aufstieg sei nur ein weiterer Schachzug im Kampf gegen die KP Chinas. Doch diesmal klingt Wu'er Kaixi wenig überzeugend.

DIE MUTTER

Auf dem Friedhof Wan'an im Westen Pekings weht Sommerwind durch die Bäume. Es riecht nach Gras und Pinien, Vögel zwitschern. Am Eingang wachen zwei Löwen aus Stein. Das Grab von Yuan Li liegt ganz weit hinten, der zweite Stein von links in seiner Reihe. Das Bild auf dem Grab zeigt einen schmalen, jungen Mann mit runder Brille. Darunter liegt eine vertrocknete Rose. "Er war noch keine 30 Jahre alt, als er dieser Welt plötzlich entrissen wurde", ist in Gold in den weißen Marmor graviert.

Man muss lange suchen, bis man hier die Gräber mit dem Sterbedatum 4. Juni 1989 findet. Sie gehören zu den Spuren, die Chinas kollektives Vergessen überlebt haben. Nach den Unruhen sollen viel mehr Opfer auf den Friedhöfen West-Pekings beigesetzt worden sein, als sich heute dort noch finden. Als die Behörden merkten, dass in mancher Urnenhalle ganze Reihen nur dieses eine Datum aufwiesen, wurden die Überreste vieler Opfer weggeschafft.

Nicht einmal die Seelen der Toten von Tiananmen dürfen zur Ruhe kommen. Ding Zilin sitzt in ihrer Wohnung in Muxidi und schüttelt den Kopf. Die alte Frau kämpft seit 20 Jahren um ihr Recht, trauern zu dürfen. Seit 1995 schreibt sie jedes Jahr an Chinas Führung, bittet um Rehabilitierung der Tiananmen-Opfer. "Ich habe nie Antwort bekommen", sagt sie leise.

Ihr Kampf ist zur Anklage gegen Chinas Umgang mit Bürgerrechten geworden. Jahrelang hat die von ihr mitgegründete Gruppe "Mütter vom Platz des Himmlischen Friedens" Opfernamen gesammelt und betroffenen Familien geholfen. Für Ding ist dies der einzige Weg, ihre Trauer auszudrücken. "Die Einschusslöcher der Kugeln kann man kitten, aber das Blut der Geschichte kann man nicht wegwaschen", sagt sie.

Auch sie steht unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit. Ihre Wohnung hat die frühere Philosophie-Professorin geschmackvoll mit chinesischen Möbeln eingerichtet. Dort, wo früher das Bett ihres Sohnes stand, hängt ein Foto, das ihren Jungen mit seinen Schulfreunden zeigt - im Mai 1989. Voller Enthusiasmus ziehen sie da mit roten Stirnbändern gen Tiananmen-Platz. "Der mit der Fahne, das ist er", sagt Ding.

Rechts daneben ruht eine Säule aus Holz. "Da ist seine Asche drin", sagt die 76-Jährige und atmet schwerer. Auch hier ist in goldener Farbe ein Spruch eingraviert: "In diesen kurzen 17 Jahren hast du wie ein wahrer Mann gelebt." Langsam streicheln die krummen Finger von Ding Zilin über die Schriftzeichen. "Ich sehe ihn so oft im Traum."

Gestern Abend wollte Mutter Ding zur U-Bahnstation Muxidi gehen, um mit anderen Müttern der Opfer von Tiananmen zu gedenken. Doch an der Station wimmelte es von Polizisten, Ding Zilin kam doch nicht her. Dabei wollte sie nur am Nordeingang, nicht weit von den Hecken mit den Blumenbeeten, Kerzen anzünden, am Straßenrand sitzen und trauern. Dort, wo ihr Sohn vor 20 Jahren gegen 23 Uhr verblutete.

Und der Traum der Demokratie starb.

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